© imago/PanoramiC (Louis-Julien Petit)

Die Kraft des Kollektivs - Louis-Julien Petit

Montag, 19.09.2022

Interview mit dem französischen Regisseur Louis-Julien Petit über seinen Film „Die Küchenbrigade“

Diskussion

Dem französischen Regisseur Louis-Julien Petit gelang schon mit seinem warmherzigen Spielfilm „Der Glanz der Unsichtbaren“ ein großer Publikumserfolg. Mit seiner neuen Sozialkomödie „Die Küchenbrigade“ (jetzt im Kino) knüpft er daran an. Nach einem wahren Vorbild motiviert darin eine Kantinenchefin jugendliche Migranten für die Kunst des Kochens. Ein Gespräch über moderne Helden, Mannschaftsgeist und die Stärken einer Sozialkomödie.


Sie legen Wert darauf, Sozialkomödien zu drehen. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Louis-Julien Petit: Vorbilder sind für mich vor allem britische Filme, die im Englischen als „Dramedy“ bezeichnet werden. Die Protagonisten in Sozialkomödien sind moderne Kämpfer und Kämpferinnen. Sie leben unter harten sozialen Bedingungen und kämpfen, um nach Lösungen und Auswegen zu suchen. Ein Sozialkomödie beginnt also mit einem Drama und provoziert dann regelrecht eine Komödie. Wir als Zuschauer sehen diese modernen Kämpfer und weil sie sich wehren, schaffen sie Hoffnung. Ich mag dieses Genre, weil es das einzige Filmgenre ist, bei dem man wie in einem Slalomlauf zwischen Drama und Komik schwankt. Meine Vorbilder sind Ettore Scola, einige Arbeiten von Ken Loach, Filme wie „Brassed Off“ oder „Fisch & Chips“ von Stephen Frears, aber auch „Ganz oder gar nicht“ oder „Pride“. In all diesen Filmen geht es auch um die Kraft des Kollektivs. Das gefällt mir.

Nun sagen Sie aber gerne, dass sie nur Sozialkomödien drehen wollen. Das erstaunt mich etwas. Möchte man als Filmemacher nicht auch mehrere Genres ausprobieren?

Louis-Julien Petit: In meinem nächsten Film wechsele ich das Genre! Ich habe ja auch schon mit „Rechenschaft“ einen Sozialthriller mit Isabelle Adjani gedreht. Aber schon als Zuschauer füllt mich das Genre der Sozialkomödie völlig aus, weil ich gerne filmische Reisen unternehme und es darin Spannung, Hoffnung und Komik gibt. All diese Emotionen wollte ich in „Die Küchenbrigade“ ausdrücken.

Folgt einem realen Vorbild: "Die Küchenbrigade" (Piffl Medien/Stéphanie Branchu)
Folgt einem realen Vorbild: "Die Küchenbrigade" (© Piffl Medien/Stéphanie Branchu)

Wollten Sie in erster Linie einen Film über Migranten drehen oder über die Küche, damit aber einmal etwas ganz anderes verbinden als üblicherweise in französischen Filmen über das Essen?

Louis-Julien Petit: Nach meinem Film „Der Glanz der Unsichtbaren“ interessierte ich mich besonders für die Frage nach der Integration in die Gesellschaft. Meine Produzentin erzählte mir von der Köchin Catherine Grosjean, die im Südwesten Frankreichs arbeitet und für Migranten Kochkurse gibt. Ich suchte sie auf und war beeindruckt. Wer bei ihr eine Ausbildung macht, bekommt ein Diplom, findet anschließend eine Arbeit und kann so in Frankreich bleiben. Mir fiel auf, dass sie über die große Autorität einer Küchenchefin verfügt, aber auch warmherzig und liebevoll sein kann. Auf dem Heimweg fragte ich mich, warum so viele Industriezweige und gerade die Gastronomie händeringend nach Arbeitskräften suchen, während es auf der anderen Seite Migranten so schwer gemacht wird, in Frankreich Arbeit zu finden. Bei meinen Recherchen ging es mir zunächst um die Lebensbedingungen junger minderjähriger Migranten, die nach Frankreich kommen. Welchen Weg haben sie hinter sich? Was erleben sie in Aufnahmeheimen? In zweiter Linie wollte ich wissen, was es für eine Frau heute bedeutet, Köchin zu werden. Da herrschen strenge Regeln, fast wie beim Militär oder im Kino. Hinzu kommt eine gehörige Portion Frauenfeindlichkeit. Cathy Marie, die Frauenfigur im Film, muss lernen, in einer Brigade, also einer Mannschaft, Köchin zu werden. Alleine kann man keine (Küchen-)Chefin sein. Das ist ähnlich wie beim Film. Als Regisseur braucht man sein Team.

Vor ein paar Monaten kam in Deutschland der französische Film „À la carte - Freiheit geht durch den Magen“ in die Kinos, in dem es auch um die Kochkunst ging. Dessen Regisseur Éric Besnard erzählte in Interviews, dass seine beiden Hauptdarsteller nicht kochen konnten. Wie war es in Ihrem Film bei Audrey Lamy?

Louis-Julien Petit: Audrey Lamy konnte ebenfalls nicht kochen. Aber für mich ist das ja kein Film über die Küche, sondern ein Film über die Weitergabe der Liebe zum Kochen. Cathy Marie ist keine große Köchin, aber wenn man seinen Beruf leidenschaftlich betreibt, erwirbt man sich Fähigkeiten als Pädagoge. Dann kann man etwas weitergeben. Manchmal auch, ohne es zu wissen.

Was haben Sie während der Produktion des Films von den jungen Migranten gelernt?

Louis-Julien Petit: Zunächst lernte ich viel über ihre eigenen, sehr persönlichen und auch sehr intimen Geschichten. Mir wurde klar, dass die meisten wieder in ihre Heimat zurück möchten. Bei ihrer Flucht hatten sie keine Wahl. Sie entschieden sich, fortzugehen, um ein neues Leben aufzubauen, um etwas zu lernen. Mit den erworbenen Kenntnissen wollen sie dann zurück. Geflohen sind sie meistens vor der Unsicherheit. Jeder hat das Recht, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Alle, auf die ich traf, auch während der Recherche, sind für mich moderne Helden. Wenn man noch minderjährig ist, zehn oder zwölf Jahre alt, und schon durch mehrere Länder gekommen ist oder das Meer überwunden hat, finde ich das heroisch. Einige fliehen aus ihrer Heimat, um ihre sexuelle Identität auszuleben. Ich könnte das nicht. Ich habe aber auch das Glück, in einem Land zu leben, in dem ich mich sicher fühlen kann. Bei allen entdeckte ich viel Hartnäckigkeit und einen starken Willen. Sie empfanden eine gewisse Dankbarkeit, dass sie in den Monaten der Vorbereitung auf den Film endlich einmal als gleichwertige Menschen wahrgenommen wurden, mit ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Wünschen. Man klebte ihnen nicht mehr dieses Etikett „Migrant“ an oder schaute auf sie herab.

Im Film sind die Migranten alles Jungs und junge Männer. Es gibt keine Mädchen oder Frauen. Warum?

Louis-Julien Petit: Schon seit langer Zeit begeben sich Frauen nicht mehr auf diese Fluchtrouten. Sie landen sonst sehr schnell in den Händen von Menschen mit bösen Absichten. Das führt oft zu einer Form der Sklaverei oder in die Prostitution. Schon für Männer ist es gefährlich. Einige haben das auch erfahren, vor allem wenn ihr Fluchtweg über Libyen führte. Junge Frauen bleiben in ihrer Heimat.

In „Der Glanz der Unsichtbaren“ haben Sie schon mit nicht-professionellen Darstellerinnen gearbeitet. Die jungen Migranten im Film sind ebenfalls alle nicht-professionelle Darsteller. Haben Sie erneut in Workshops mit ihnen geprobt?

Louis-Julien Petit: Nach einem Casting mit 300 jungen Männern wählten wir zunächst 100 für die Workshops aus. Alle sollten über eine gewisse Persönlichkeit verfügen. Etwa 40 von ihnen haben dann den Film mitgemacht. Wir haben den gesamten Film in Kontinuität, also in der richtigen Reihenfolge der Szenen gedreht. Die nicht-professionellen Darsteller kannten das Drehbuch nicht und wurden langsam in die Filmhandlung eingebettet. Das war kompliziert und riskant, weil sie alle überzeugend und gut spielen sollten, was wir vorab aber nicht wissen konnten, ob das dann auch klappt.

Es ist angerichtet: "Die Küchenbrigade" (Piffl Medien/Stéphanie Branchu)
Es ist angerichtet: "Die Küchenbrigade" (© Piffl Medien/Stéphanie Branchu)

Wie reagierten die jungen Männer, als sie sich das erste Mal im Film sahen?

Louis-Julien Petit: Sie weinten, sie lachten, sie klatschten Beifall. Sie sind Jugendliche. Es war ihnen nicht bewusst, wie nahe ihnen die Kamera kommen würde, weil ich meist mit einer langen Brennweite drehe.

Hat der Film politisch Wellen geschlagen?

Louis-Julien Petit: Ich bin Filmemacher. Meine Filme finden in der Zivilgesellschaft ein Echo. Das wünsche ich mir auch. Der Film ist politisch, auch wenn er nicht über Politik redet.

Wie konnten Sie François Cluzet für den Film gewinnen?

Louis-Julien Petit: Er rief mich an. Wir kannten uns, weil ich in zwei seiner Filme als Regieassistent mitgearbeitet habe. Über einen gemeinsamen Bekannten hatte er erfahren, dass ich gerne mit ihm den Film drehen würde, mich aber nicht traute, ihn anzurufen. Er sagte: „Du denkst an mich und rufst mich nicht an?“ Ich erwiderte: „Ja, weil es keine Hauptrolle ist, sondern eine Nebenrolle.“ Darauf antwortete er nur: „Es gibt keine kleinen Rollen oder Nebenrollen, sondern nur große Filme. Ich möchte große Filme machen.“ Er rief dann noch mehrere Male an und wollte den Film unbedingt drehen. Zu Audrey Lamy sagte er nur: „Ich möchte alles dafür tun, dass du wunderbar wirst.“ Er hat dann diese Rolle ganz ausgefüllt, aber sich schon am ersten Drehtag verletzt und die Achillessehne gerissen. Daraufhin wollte er den Film zuerst abbrechen, aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass seine Figur, wenn er auf Krücken geht und humpelt, noch verletzlicher und lebensnaher wirkt. Das hat ihn überzeugt. Und so haben wir das Drehbuch etwas umgeschrieben und sein Handicap integriert.

Hatten Sie beim Schreiben des Films schon an Audrey Lamy gedacht?

Louis-Julien Petit: Ich habe an sie gedacht, aber es ist nicht so, dass man nur deshalb einen weiteren Film miteinander macht, weil man schon einmal zusammengearbeitet hat. Ich wollte, dass sie Cathy Marie versteht. Das war viel Arbeit. Sie hat dann sechs Monate lang in einem großen Pariser Restaurant in einer Küchenbrigade mitgearbeitet. Dabei hat sie alles gelernt. Weil sie selbst ausgebildet worden ist, konnte sie ihre Kenntnisse dann noch besser an die Jugendlichen weitergeben: die Gesten, das Vokabular, die Bewegungsabläufe.

Wie kommt es, dass Sie in Marseille leben, aber zwei Filme in Nordfrankreich gedreht haben?

Louis-Julien Petit: Ich wohne erst seit kurzem im Süden. Ich bin ein Kind des Südens, aber mein Vater und Großvater sind im Norden Frankreichs geboren. Ich mag die Menschen dort, die häufig unter sehr prekären Lebensbedingungen leiden. Von Menschen, die wenig oder fast nichts mehr haben, erfährt man oft die schönsten Gesten der Großzügigkeit. Das berührt mich sehr.

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