In „Rose“ (ab 30.4.2026 im Kino) schlüpft Sandra Hüller in die Kleider eines Soldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg und erhebt Anspruch auf einen Gutshof. Das macht sie so überzeugend, dass die Menschen ihr glauben. Zumindest eine Weile. Das historische Drama kreist um die Suche nach Autonomie, Freiheit und Selbstermächtigung. Ein Interview mit dem Regisseur Markus Schleinzer.
Wie würden Sie sich als Regisseur am Set definieren? Sind Sie immer ruhig oder schreien Sie auch mal?
Markus Schleinzer: Psychopathen können zu Hause bleiben. Jemand, der am Set schreien muss, ist kein Regisseur. Auch nicht im Leben. Ich kann nicht sagen, dass ich nicht auch selbst schon geschrien hätte in meinem Leben. Aber ob das dann immer notwendig und gerecht war, wage ich zu bezweifeln. Das, was ich vom Set zu wissen glaube, habe ich als Casting-Director bei Michael Haneke gelernt. Er hat sich eine Form des Arbeitens erwirtschaftet, wo man sehr viel Ruhe hat, mit wenig Pensum am Tag. Das wiederum führt dazu, dass man Mitarbeiter:innen und Darsteller:innen die größte Sicherheit, Freiheit und vor allem Ruhe geben kann. Was ich auch von ihm gelernt habe: Vorbereitung ist alles. Man muss wissen, was man will, bevor man ans Set kommt. Denn Schauspieler:innen, die irgendwann einmal in die Unsicherheit oder Angst rutschen, die bekommt man da kaum wieder raus.
Sie sind 17 Jahre lang Casting-Director gewesen. Wie finden Sie es, dass dieser Beruf jetzt zum ersten Mal mit einem „Oscar“ geehrt wird?
Schleinzer: Alle Preise, die ich gewonnen habe, habe ich verschenkt oder anderen Teammitgliedern gegeben. Wenn man im Büro sitzt und einen die Vergangenheit so bedrohlich anschaut, denkt man, dass der nächste Film auch ein Erfolg sein muss. Dass der Casting-Beruf mehr Aufmerksamkeit erlangt, finde ich natürlich richtig. Ich glaube, dass es Billy Wilder war, der über Filme gesagt hat: „Es gibt zwei Dinge: ein tolles Drehbuch und den perfekten Cast. Der Rest ist Kleinkram.“ Casting ist ein dramaturgischer Beruf, der die Geschichte definiert. Deswegen empfinde ich es als großartig, dass es jetzt mehr Aufmerksamkeit für diese Berufsgruppe gibt.
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Was hat Sie zu der Geschichte von „Rose“ inspiriert, in der eine Frau als Mann in einer Gemeinschaft im 17. Jahrhundert lebt?
Schleinzer: Mich hat die Spielform der Verkleidung und des Kostüms interessiert. Das war zugleich wahnsinnig reizvoll und sehr ernüchternd. Außerdem fand ich es spannend, ein weiteres Mal einen Film über einen gesellschaftlichen Außenseiter zu machen. Eine Geschichte über jemanden, der einfach nur das haben möchte, was für andere Menschen logisch und gegeben ist. Für mich operiert der Film mit Begriffen wie Freiheit, Autonomie und Selbstermächtigung. Freiheit ist für mich der Moment, wo sich Dinge auflösen, wo wir nicht mehr über sie nachdenken. Also in dem Moment, wo es selbstverständlich ist, dass Frauen genauso viel Geld verdienen wie Männer, oder es niemanden mehr stört, wen man liebt, an wen man glaubt oder wen man wählt. Wenn das eine Selbstverständlichkeit besitzt, wäre das das Maximale an Freiheit, das wir in der Gesellschaft erreichen können.
Haben Sie sich beim Schreiben auf eine bestimmte Geschichte einer Frau in Männerkleidern bezogen?
Schleinzer: Wir haben Gerichtsakten von mehreren Fällen benutzt. Aber ich glaube, dass es mir beim Schreiben gar nicht so sehr darum ging, einen wahren Fall zu skizzieren. In der Literatur kommt es ja oft vor, dass jemand behauptet: „Hört zu, ich erzähle die Wahrheit.“ Stefan Zweig zum Beispiel schraubt in seinem gesamten Œuvre immer eine Vorgeschichte hinein, in der der Erzähler schildert, dass ihm jemand diese wahre Geschichte erzählt habe. Mein Ansinnen mit der Tafel im Film, auf der steht, dass es eine wahre Geschichte sei, zielt auf den Blick der Gesellschaft. Wir können mit Kategorisierungen gesellschaftlich offensichtlich leichter umgehen.
Wie haben Sie filmtechnisch recherchiert?
Schleinzer: Ich habe versucht, mir alle Werke der Filmgeschichte anzuschauen, die mit Crossdressing spielen. Bei Frauen in Hosen fand ich die Filme der 1930er- und 1940er-Jahre lustig, wo alle so tun, als ob sie einen Mann vor sich hätten. Auch wenn Frauen lange Wimpern haben und oder noch High Heels tragen. In den Filmen, in denen Männer ins Kleid schlüpften, wurden sie auf andere Weise als die Frauen enttarnt. Frauen mussten immer nackte Körperteile offenbaren, während die Männer nie das herzeigten, was sie zwischen den Beinen haben. Das wollte ich durchleuchten. Was brauchen wir, um unsere Geschlechtergrenzen zu definieren, und welcher Voyeurismus steckt dahinter? Das hat stark mit dem „Male Gaze“ auf den weiblichen Körper zu tun, der in der Filmgeschichte stark instrumentalisiert wurde.
Wie sind Sie auf Sandra Hüller gekommen?
Schleinzer: Es führt doch kein Weg an Sandra Hüller vorbei. (lacht) Ich habe beim Schreiben schon zu Beginn an sie gedacht, habe mir ihre Filme mehrmals angeschaut, um zu verstehen, was ihr Talent ist, und das in die Gestaltung der Figur mit aufzunehmen. Für mich ist Sandra Hüller eine extrem filmpolitische Figur. Wir haben für „Rose“ über 700 Frauen für die zweite Hauptrolle gecastet. Diese jungen Frauen haben ganz offen darüber gesprochen, wie wichtig Sandra Hüller für sie in ihrer Entwicklung war. Ich habe den Eindruck, dass sich Sandra Hüller dem stark sexistisch konnotierten Blick der Branche immer ganz bewusst entzogen hat. Sie hat sich nie angebiedert. Sie hat in ihrer Karriere natürlich auch Rollen gespielt, die mit Weiblichkeit und Sexualität operiert haben, aber sie hat immer einen Weg gefunden, bei sich zu bleiben. Dank ihres großen Talents hat sie es geschafft, sich bei Produzenten und Regisseuren durchzusetzen. Sie ist ein „Role Model“ für die ganzen Generationen, die nach ihr kommen.
In letzter Zeit ist sie ja auch international richtig durchgestartet…
Schleinzer: Ja, und sie ist auch eine extreme Kulturvermittlerin. Wir haben im Südharz gedreht und dort lange nach unserem Motiv gesucht. Diese Gegend ist eher als AfD-Land verschrien. Wir waren zwei Österreicher und ein Bayer: mein Kameramann Gerald Kerkletz, Gerd Keiser, ein großartiger Location-Scout, und ich. Wenn wir in Wirtshäusern gesessen haben, wurden wir oft gefragt: Wer seid ihr, was macht ihr hier? Als wir dann aber erklärt haben, dass wir hier einen Kinofilm mit Sandra Hüller drehen wollen, sind den Menschen die Herzen aufgegangen, weil man sie dort kennt. Sie ist „eine von uns“ in Thüringen, da kommt sie her. Sie hat es geschafft, sie ist in der Welt. Aber die Menschen schauen sich auch ihre Filme an. Man kannte sie nicht nur aus „Fack ju Göhte 3“, sondern auch aus „Toni Erdmann“. Es ist eine große Bereicherung, jemanden vor der Kamera zu haben, der quasi Kultur vermittelt. Wenn sie nur in der Bubble wahrgenommen würde, wäre das, was wir mit „Rose“ versuchen, umsonst.
Wie sind Sie vorgegangen, um die Sprache des Films zu kreieren, der im 17. Jahrhundert spielt?
Schleinzer: Wir haben versucht, ein geschlossenes System zu schaffen. Niemand weiß, wie Leute damals gesprochen haben. Das Deutsche war noch nicht erfunden; in jeder Region wurde anders gesprochen. Auch bei Luther ist es teilweise noch so, dass er ein Wort drei Seiten davor noch ganz anders geschrieben hat. Ich habe viel gelesen. Diese Gerichtsakten waren eine Hohe Schule. Ich hatte Schriften aus der damaligen Zeit in Händen und versuchte, mir ein Vokabularium zu schaffen. Die ganzen Anglizismen, alles, was man sich in der Gegenwart angeeignet hat, musste ich aus meinem Denken entfernen. Ich habe dann versucht, eine Sprache zu erschaffen, also vermeintlich realistisch daherzukommen. Aber der Film ist ja von Anfang an eine Abstraktion, in den Kostümen, in der Ausstattung, in der Sprache, beim Setting und in der Narration, die vom Realismus wegführt. Es ist eine Art von Moritat, ein Märchen, das ich erzählen möchte.
Noch einmal zur Optik von Rose. Es ist nicht so, dass sie sich wirklich als Mann verkleiden würde. Sie trägt Panzer, Helm und hat eine Narbe im Gesicht. Aber es ist ihre Funktion in der Gemeinschaft, die sie zum Mann macht. Wollten Sie andeuten, dass es der Blick der Gesellschaft ist, der sie zum Mann macht?
Schleinzer: Das resultierte hauptsächlich aus diesen vielen Filmen, die ich im Vorfeld gesehen habe. Sandra Hüller und ich hielten das für unfreiwillig komisch, wie andere Filme dem Thema begegnet sind. Hätte ich ihr sagen sollen, sie soll noch tiefer sprechen, als sie es ohnehin tut? Es geht auch darum, die Lächerlichkeit der äußerlichen Symbolik aufzubrechen. Brauchen wir das denn wirklich? Ich bin schon oft aufgefordert worden, bei Behörden online mein Geschlecht anzuklicken. Niemand hat mich gefragt, ob ich fototechnisch beweisen kann, dass ich ein Mann bin. Es gibt Ebenen, auf denen wir uns offensichtlich glauben, und es gibt welche, wo man einen Beweis verlangt. In der Filmgeschichte hatte ich immer das Gefühl, dass die Beweisführung hauptsächlich dem Voyeurismus dient, der Sexualisierung. Wem dient es, wenn Glenn Close in der dritten Minute in „Albert Nobbs“, wo man sie für einen Mann hält, ihren nackten Busen herzeigen muss? Das konnte ich Sandra Hüller schon beim ersten Gespräch versprechen, dass Ähnliches in „Rose“ nicht vorkommen wird. Man sieht nur ihren nackten Knöchel, als sie krank im Bett liegt.
Heutzutage fällt auf roten Teppichen auf, dass auch Männer viel Körper oder eine andere Männlichkeit zeigen. Was halten Sie davon?
Schleinzer: Ich brauche das nicht. Ich glaube, es gibt nach wie vor ein Bild davon, was Männer oder was Frauen auf dem roten Teppich anhaben. Das Lustige oder Interessante oder Berührende ist für mich, dass Männer wie Harry Styles plötzlich schulterfrei oder rückenfrei auf den roten Teppich gehen. Sie übertragen diesen stereotypen Blick, mit dem man auf Frauen schaut, jetzt auf sich und werden dafür gefeiert. Vielleicht muss man das machen, dass sich jetzt auch Männer zu Tode frieren und halbnackt über den roten Teppich gehen. Aber vielleicht können wir in zehn Jahren einfach das anziehen, was wir gerade im Schrank haben, und trotzdem über Filmkunst diskutieren und sie propagieren.