Ab 29. Oktober kommt Ken Russells fiebriger Historienfilm aus dem Jahr 1970 in restaurierter Form zurück in die Kinos. Das auf schockierenden Begebenheiten rund um ein Nonnenkloster und einen der Hexerei angeklagten Priester im Frankreich des 17. Jahrhunderts fußende Werk sorgte seinerzeit für einen Skandal, lohnt aber die Wiederentdeckung.
Kaum ein Filmregisseur denkt in so wilden Bildern wie Ken Russell. Sucht man nach Äquivalenzen, wird man am ehesten in den Extremen der bildenden Kunst fündig: Fauvismus, Barock, Pop Art. Was Russells Kopf gebiert, ist ein Rausch. Das muss man wissen, wenn man etwa die mannigfaltigen filmischen Künstlerbiografien anschaut, die der 1927 geborene, 2011 verstorbene britische Filmemacher fürs Fernsehen der BBC oder fürs Kino produziert hat. Über Mahler, Tschaikowski, Elgar oder Delius. Wer hier Didaktisches erwartet, wird enttäuscht, ja erschüttert werden. Russell denkt nicht mit dem Geschichtsbuch in der Hand, er verliert sich im Unterbewusstsein; er klappert keine Fakten ab, sondern ringt darum, dem Wesen von Werk und Künstler aus eigener Perspektive Ausdruck zu verleihen.
Häufig gehen die Bilder mit ihm durch, verdichten sich zu rauschhaften Zuständen, die weniger etwas mit wahren Begebenheiten zu tun haben als mit dem, was der Betrachtungsgegenstand in der wirren „Blackbox“ namens Ken Russell triggert. Kein Wunder, dass er dafür oft angefeindet wird, dass man ihn der geistigen Vergewaltigung bezichtigt, wenn er etwa Tschaikowski nur über die scheiternde Liebe zu seiner Frau Nina Mikulowa und die obsessive Liebe zu sich selbst definiert oder Mahler im Bannkreis von religiösem und politischem Fanatismus überzeichnet. Russell hat die Gabe, die absurden (Traum-)Bilder aus seinem Kopf scheinbar direkt auf die Leinwand zu brennen. Das mag mitunter obszön sein oder übergriffig, doch es bietet auch Auseinandersetzung und Annäherungen über das pure Nachstellen von verbürgten Gegebenheiten hinaus.
Die Aufarbeitung einer ungeheuerlichen historischen Begebenheit
Das gilt auch für seinen Historienfilm „Die Teufel“ (1970). „Dieser Film basiert auf historischen Fakten. Dessen Hauptcharaktere haben wirklich gelebt, und die wesentlichen Ereignisse, die der Film beschreibt, sind tatsächlich passiert“: Diese einführende Erläuterung prankt zu Beginn in Karminrot in riesigen Lettern bildfüllend auf der Scope-Leinwand – und lässt das, was in den nächsten knapp zwei Stunden zu sehen sein wird, umso ungeheuerlicher wirken. Die Basis dafür lieferten Russell Aldous Huxleys historischer Roman „Die Teufel von Loudun“ und dessen Bühnen-Adaption, die John Whiting 1960 für die Royal Shakespeare Company verfasst hatte.
Der Stoff fußt auf realen Begebenheiten des Jahres 1633, als einige Nonnen des Klosters der Ursulinen von Loudun ihren Priester Urbain Grandier beschuldigten, sie verhext zu haben. Er, seinerzeit ein politischer Freigeist und Verfechter der Rechte einer von König Ludwig XIII. und Kirche unabhängigen Stadt Loudun, wurde von Kardinal Richelieu der Ketzerei und Hexerei angeklagt und in einem von „Teufelsaustreibungen“ und „hochnotpeinlichen Befragungen“ begleiteten Prozess zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Soweit die Fakten.
Pervertiertes Begehren und politische Machtdemonstration
„Die Religionskriege sind vorbei! Katholiken wenden sich nicht mehr gegen Protestanten. Wir haben überlebt. Und wir verdanken unser Überleben der Weisheit und der Menschlichkeit.“ Mit diesen Worten führt Ken Russell seinen frommen Freigeist Urbain Grandier ein, der vor den weiß gekachelten Mauern seiner Klosterfestung die Bevölkerung von Loudun auf die Freiheit einschwört. Das Setting, für das der spätere Meisterregisseur Derek Jarman als Szenenbildner verantwortlich zeichnet, erinnert an eine aseptische, einem riesigen Schwimmbad entwachsen scheinende Trutzburg, von der man nicht glauben möchte, dass sich hinter ihren unschuldig weißen Mauern die moralischen Abgründe auftun werden, die dann später der Staats- und Kirchenmacht den Vorwand dazu liefern werden, ihren grausigen Prozess zu vollführen. Zu den Klängen des gregorianischen „Dies Irae“ wandert die Prozession in die Stadt. An der Spitze der stattliche Grandier. Ken Russell hat ihn mit dem seinerzeit markigen Frauenschwarm Oliver Reed besetzt. Kein Wunder, galt Grandier doch als ein Mann, der den Frauen nicht abgeneigt war. Und so geben sich die Nonnen auch alle Mühe, den ein oder anderen Blick durch die vergitterten Luken des Klosters zu erhaschen. Der Ton ist gesetzt.
Noch dominiert zwar das Schwarz-weiß der Gewänder und der Gemäuer. Doch bald wird klar: Ken Russell ist hier angetreten, um zu blenden, zu schwelgen, zu geißeln – und vor allem keine Gefangenen zu machen. Seine den Ursulinen vorstehende Äbtissin Jeanne ist verschlagen und verbirgt ihre Boshaftigkeit und ihr Begehren nach Grandier hinter der Contenance einer strenggläubigen Dienerin Gottes. Russell zeigt sie als Figur mit schlanker Gestalt und schönem Gesicht, aber auch einem Buckel und einem schiefen Hals: dezent zu sein war nie eine Eigenschaft des Regisseurs und Drehbuchautors. Jeanne ist bei ihm die wahre Teufelin der Geschichte, die Grandier ins Unglück stürzen wird. Und Vanessa Redgrave spielt sie mit einer Inbrunst, die schaudern lässt.
Talent vor und hinter der Kamera
Sowieso hat Russell fürs Ensemble seines Satanswerk nur die Besten ausgesucht. Neben Reed und Redgrave ist Dudley Sutton als Baron de Laubardemont zu sehen, Advokat der Inquisition, sowie Georgina Hale als Grandiers Mätresse. Hinter der Kamera wirkten neben Derek Jarman als Setdesigner unter anderem „Oscar“-Preisträger David Watkin („Jenseits von Afrika“) an der Kamera und vor allem Avantgarde-Komponist Peter Maxwell Davies mit, der bis Mitte der 1980er-Jahre die britische Orchestermusik prägte und mit dem Soundtrack zu „Die Teufel“ sein einzig maßgebliches filmmusikalisches Werk schuf.
Das „Die Irae“ verzerrt Maxwell Davies im Prolog zu „Die Teufel“ zu einem schrägen Bläsergewitter und markiert mit seiner Atonalität – der Film hat da noch nicht Zeit gehabt, Luft zu holen – eine erste fiebrige Traumsequenz, in der Grandier in goldbesticktem Leinen wie Jesus übers Wasser wandelt, bis zur nur mit einem Unterhemd und ihren langen roten Haaren bedeckt am Ufer wartenden Jeanne, die dem Ankömmling ergeben die Füße küsst. Diese surreale Szene, in der sich Jeannes unterdrücktes sexuelles Begehren die Gestalt religiöser Inbrunst gibt, gehört noch zu den dezenteren Kopfgeburten Russells, der im Folgenden noch weit expliziter und ungehöriger gegen kirchliche Bigotterie, vor allem aber auch gegen das autoritäre Bündnis der Kirche mit dem Staat sticheln wird.
„Schaut mich nicht an. Schaut auf eure Stadt“, brüllt Grandier am Ende auf dem Scheiterhaufen, während er verkohlt. „Wenn eure Stadt erst zerstört sein wird, hat eure Freiheit auch ein Ende! Würdet ihr doch nur freie Menschen bleiben. Ihr könntet kämpfen. Oder ihr werdet Sklaven werden.“ Sie hören nicht, und mit dem letzten Wimmern des Geistlichen zerbersten die weißen Mauern der Stadt.
Einst kam der Film nur verstümmelt ins Kino
Seine Bilderwut hat Ken Russell auch angreifbar gemacht. Der Widerstand gegen „Die Teufel“ war in den 1970er-Jahren immens. Kein Wunder, dass bereits vor der Veröffentlichung, ja bereits vor der Freigabe des Films durch das „British Board of Film Classification“ (BBFC) Kürzungsvorschläge an den Regisseur herangetragen wurden. Im Februar 1971 wurden zehn Punkte von Seiten des Produktionsstudios in einem Brief an Russell offenbar, mögliche Kürzungen diverser expliziter (Traum-)Sequenzen betreffend. Etliche Details, in denen die Auslebung der Lust innerhalb des Klosters und Gewalttaten im Zuge der Inquisition visualisiert wurden, sollten aus dem Film geschnitten werden. Allen voran eine lange, orgiengleiche Szene, in der durch die Befrager aufgeputschte, besessen scheinende Nonnen ein riesiges Kruzifix vom Altar holen, um sich an dem Heiland zu vergehen. Diese berüchtigte „Rape of Christ“-Sequenz fehlte im Folgenden wie auch gut zwei Dutzend weitere, zum Teil viel kürzere Einstellungen, die das Studio zusammen mit der BBFC aus dem Film noch vor seiner Premiere entfernen ließ. Für Russell war ein derartiger Eingriff in seine Bilderwelten seinerseits ein Sakrileg an seinem Kunstwerk. Letztendlich waren ihm aber die Hände gebunden, und der Film kam nur gekürzt zur Aufführung.
Doch auch diese gekürzte Fassung reichte aus, um „Die Teufel“ seinerzeit zum Skandalfilm zu machen. Dass der Film, wie einst die Werke von Hieronymus Bosch, der bereits im 15. Jahrhundert ähnlich fiebrig-provokante Bilderwelten an die Altäre der Kirchen malte, tatsächlich bleibende Kunst ist, wurde damals oft übersehen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später bekommt „Die Teufel“ nun in restaurierter Fassung eine neue Chance und kommt ab 29. Oktober zurück in die Kinos. Restauratoren haben verloren geglaubte Filmrollen entdeckt und „Die Teufel“ mühevoll in jenen Stand zurückversetzt, der Ken Russell einst vorschwebte. Ein Film, der vier Jahre vor Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ und im gleichen Jahr wie „Uhrwerk Orange“ entstand. Alles inzwischen anerkannte Meisterwerke. Und „Die Teufel“ von Ken Russell hat es verdient, im gleichen Atemzug genannt zu werden