Szene aus "Guten Abend, du Schöne" von Ina Borrnann
Szene aus "Guten Abend, du Schöne" von Ina Borrnann (© Salzgeber)

Dok Leipzig 2026: Fokus Ost

Mit der neuen Reihe „Fokus Ost“ widmete sich das 69. Dok-Leipzig-Festival (26.10.-1.11.2026) ostdeutschen Perspektiven

Veröffentlicht am
03.11.2026 - 16:12:43
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Die neue Festivalleiterin von Dok Leipzig, Ola Staszel, setzte mit der Reihe „Fokus Ost“ und Dokumentarfilmen, die ostdeutsche Perspektiven beleuchten, einen neuen Schwerpunkt. Ansonsten blieb die 69. Ausgabe des größten deutschen Dokumentarfilmfestivals sich thematisch treu. Die 271 Filme erzählten von internationalen Konflikten, präsentieren aber auch friedlichere, wenn auch nicht konfliktfreie soziale und gesellschaftliche Beobachtungen.

 

 

„Guten Morgen, du Schöne“ hieß das Buch der österreichischen Publizistin Maxie Wander, in dem sie 1977 realistisch und doch verfremdet 19 biografische Geschichten gewöhnlicher Frauen aus der DDR beschrieb. Das Buch war frei von Ideologie und staatlichen Vorgaben und ermöglichte einen seltenen Einblick ins Private in dem ansonsten so geregelten realsozialistischen Land. Der Band entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Bücher der DDR. Maxi Wander, die in den 1950er-Jahren aus Wien in die DDR gezogen war, hatte die Identität der porträtierten Frauen geheim gehalten. Deshalb stand die ebenfalls in der DDR sozialisierte Regisseurin Ina Borrmann bei ihrem Vorhaben, mehr als vier Jahrzehnte später einige der Porträtierten erneut zu befragen, zunächst vor dem Problem, die Frauen überhaupt zu finden.

Eröffnete das DokLeipzig-Festival: "Guten Abend, du Schöne"
Eröffnete das DokLeipzig-Festival: "Guten Abend, du Schöne" (© Salzgeber)

 

Nach sieben Jahren Recherche, Stoffentwicklung und Produktionszeit eröffnete Borrmanns Film „Guten Abend, du Schöne“ das Dok-Leipzig-Filmfestival (26.10.-1.11.). Von den Frauen, die darin aus ihrem Leben erzählen, sind die jüngsten mittlerweile um die 70 Jahre alt. Die Älteste von ihnen ist die Dramaturgin Annerose, Jahrgang 1934. Im Buch wurde sie „Erika“ genannt und war damals 41. Sie erzählt von ihrer schwierigen Ehe mit einem älteren Mann, der sie bevormundete, und ihrer Erfüllung mit dem zweiten Ehemann. Er ist jünger und im Film auch zu sehen. Heide, die im Buch Barbara (23) hieß, ist Malerin geworden und erkämpfte sich dadurch in der DDR Freiräume. Sabine (18), eine sensible, aber durchsetzungsstarke Frau (im Buch wird sie Petra genannt), erzählt heute davon, wie sie als Kleinkind in einer Pflegefamilie aufwuchs und wie das ihr Leben prägte. So sprechen die Frauen vor der Kamera über sehr intime Dinge: ihre Herkunft und Kindheit, romantische und weniger romantische Beziehungen, Sexualität, ihren beruflichen Werdegang, aber auch über den Tod.

 

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Bebildert werden vor allem die ersten Lebensjahre der Porträtierten oft mit Archivmaterial von Privatfilmen. Besonders subtil geht Ina Bormann dabei nicht immer vor, wenn sie etwa bei Anneroses Kindheitsschilderung aus der NS-Zeit auf bewegte Bilder mit Hitler zurückgreift. Das Leben in der DDR wird – stellenweise auch klischeehaft – durch Massenaufläufe, große Sportveranstaltungen oder Archivmaterial von Walter Ulbricht und anderen DDR-Funktionären bebildert. Im Off ertönen dazu die Schilderungen der Frauen. Wenn sie selbst als Talking Heads im Bild sind oder eigene private Bilder zeigen, gelingt dem Film jedoch etwas Authentisches. Allerdings droht man durch das ständige Wechseln zwischen den Biografien mitunter den Überblick zu verlieren.

 

Eine Heimat für die Ost-Szene

Unterm Strich überzeugt „Guten Abend, du Schöne“ vor allem durch seine Protagonistinnen: Sie zeigen sich in all ihrer Verletzlichkeit und geben viel Persönliches preis. Dadurch erlauben sie eine unverfälschte Sicht auf individuelle Lebensentwürfe, ihr Verhältnis zu Männern und ihren Beruf, die nicht von aktuellen medialen Diskursen überformt ist.

Der Film war beim Dok-Leipzig-Festival Teil der Reihe „Fokus Ost“, die von der neuen Festivalleiterin Ola Staszel angestoßen wurde. Kuratiert wurde der „Fokus Ost“ von der Filmemacherin Grit Lemke. Sie suchte dafür zehn Dokumentarfilme unterschiedlicher Länge aus. Dabei war es ihr wichtig, der ostdeutschen Dokumentarfilmszene mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Unter den 562 Einreichungen deutscher Filme für das Festival hätten nur knapp 30 einen ostdeutschen Bezug gehabt, so Lemke. In den letzten Jahren habe die Ost-Szene in Leipzig keine Heimat mehr gehabt. Wobei Filmteams „kein geschlossener Zirkel, sondern ein offener Kreis“ sind. So wurde „Guten Abend, du Schöne“ von Susanne Schüle gedreht, einer Kamerafrau aus dem Westen.

Szene aus "Die Klasse von 1990"
Szene aus "Die Klasse von 1990" (© Poison GmbH/Studio RPK)

 

Ein Ost-West-Team führte auch bei dem Dokumentarfilm „Die Klasse von 1990“ Regie: der aus Cottbus stammende Schauspieler und Regisseur Rolf Peter Kahl und die in West-Berlin sozialisierte Schauspielerin Sonja Hilberger. Beide begannen ihr Studium an der Staatlichen Schauspielschule Rostock als letzter Jahrgang in der Noch-DDR im September 1990, einen Monat vor der deutschen Einheit. Im Film treffen sie drei Jahrzehnte nach ihrem Abschluss ein Dutzend Absolventen, darunter Thomas Arnold, Frank Auerbach, David Gerlach oder Steffi Krautz, an der alten Wirkstätte und erinnern sich lebhaft an die gemeinsam verbrachte Zeit. Sie reden über ihre Beweggründe, den Schauspielerberuf ergriffen zu haben, oder über das Arbeiterwohnheim in der Rostocker Plattenbausiedlung Lütten Klein mit seinen Mehrbettzimmern und Gemeinschaftsduschen. Die wenigen Westler schildern ihre schwierigen Annäherungsversuche an die Ost-Student:innen, deren kulturelle und soziale Codes sie zunächst nicht verstanden.

 

Bittere Ironie der Geschichte

So mussten die Studierenden für den Erhalt ihrer Schule kämpfen und bewahrten sie mit viel Organisationstalent und auffallenden Happenings vor der Abwicklung. Dass der Erhalt der Schule, aus der später die Hochschule für Musik und Theater Rostock hervorging, zeitlich mit den ausländerfeindlichen Pogromen in Rostock-Lichtenhagen zusammenfiel, war eine bittere Ironie der Geschichte, die sie bis heute prägt. Bilder der heutigen Fifty-Somethings alternieren mit Archivaufnahmen, in denen man sie als blutjunge Schauspielschüler Heiner-Müller-Texte deklamieren sieht. Auch ein Spielfilm mit heutigen Schauspielschüler:innen, der Szenen ihrer Ausbildungszeit nachstellt, ergänzt die dokumentarischen Aufnahmen. Das Resultat ist ein unterhaltsamer und zugleich nachdenklicher Film über Kunst, Freundschaft und die deutsche Gesellschaft damals und heute.

Mit „Garten der Hoffnung“ lief beim „Fokus Ost“ auch der neue Film von Dieter Schumann, der zu DDR-Zeiten mit seinem Film „flüstern & SCHREIEN - Ein Rockreport“ (1988) Filmgeschichte schrieb. „Garten der Hoffnung“ handelt von einem Gemeinschaftsprojekt in der Schweriner Plattenbausiedlung Großer Dreesch, in dem Menschen mit und ohne Migrationshintergrund trotz persönlicher Schicksalsschläge zusammenfinden und durch gemeinsames Gärtnern kulturelle Gräben überwinden. „Es war mir sehr wichtig, dass ein Film wie ,Garten der Hoffnung‘ in der Reihe mit dabei ist. Diese Ost-Tradition des Erzählens und der Beobachtung wurde ja schon mehr oder weniger totgesagt“, sagt Lemke. Dass sie jedoch noch immer eine enorme Kraft besitzt, bewies in Leipzig die positive Aufnahme des Films durch ein junges Publikum.

"Garten der Hoffnung" von Dieter Schumann
"Garten der Hoffnung" von Dieter Schumann (© Basthorster Filmmanufaktur)

 

Das Interesse an ostdeutschen Stoffen belegten auch die 1300 Menschen, die in der Empfangshalle des Leipziger Hauptbahnhofs den Eröffnungsfilm „Guten Abend, du Schöne“ sehen wollten. „Ohne den ‚Fokus Ost‘ hätte die Vorführung hier nicht in dieser Form stattgefunden. Daran sieht man, wie groß das Bedürfnis nach (ostdeutschen) Erzählungen und Geschichten ist“, so Lemke.

 

„Was hat das mit mir zu tun“

Es gab aber auch Werke junger Filmemacher:innen im Rahmen von „Fokus Ost“. Eine postmigrantische Perspektive nimmt der Film „Onkel Thuận“ der Regisseurin Minh Anh Nguyễn ein. Der 57-minütige Film schildert die Geschichte ihres leiblichen Onkels, der als Vertragsarbeiter in die DDR kam und heute ein Restaurant in Nordrhein-Westfalen betreibt. Der Film schlägt eine Brücke zur heutigen Generation und thematisiert neben Thuáns Erfahrungen mit Rassismus auch seine tiefe Verbundenheit mit der vietnamesischen Kultur, die in wehmütigen Liedern anklingt. Die junge Generation interessiere sich auffällig für die verdrängte Geschichte des Ostens, so Lemke: „Formal sieht das alles anders aus. Sie filmen anders, sie montieren anders, sie erzählen anders. Aber sie fragen sich: ‚Was hat das mit mir zu tun, mit meiner Generation?‘“ Neben „Onkel Thuận“ sehe man das etwas an dem 13-minütigen Kurzfilm „Silicon Saxony“. Der nimmt den Spatenstich für eine taiwanesisch-europäische Chipfabrik im sächsischen Moritzburg zum Anlass, um humorvoll und doch analytisch einen Bogen zur Mikroelektronik in der DDR zu schlagen. Wabernde Musik und Bilder aus futuristischen DDR-Filmen machen klar: Die Chips von damals dienten einer sozialistischen Utopie. Sie sollten den Menschen den Alltag erleichtern und ein Instrument für mehr Teilhabe sein. Dem stellt Regisseur Leon Meschede das heutige Wettrennen um ökonomische Herrschaft zwischen den USA, Europa und China gegenüber.

„Fokus Ost“ widmet sich aber auch einem Großen der dokumentarischen Zunft: dem 2024 verstorbenen Regisseur Thomas Heise. „Übergang“ hieß dessen letztes Filmprojekt, das von ihm und seinem Berliner Wohnort, der Schönhauser Allee, handeln sollte. In den Wochen vor und nach dem Jahreswechsel 2023/24 wurden erste Bilder gedreht – in Schwarzweiß. Doch nur wenige Monate später starb Heise. Seine langjährigen Mitstreiter Peter Badelt und Chris Wright führten den Film fort.

In Memoriam Thomas Heise: "Übergang"
In Memoriam Thomas Heise: "Übergang" (© ma.ja.de/GMfilms)

 

Heise wird darin selbst zum zentralen Gegenstand des Films. Archivfotos und -bilder sowie Texte und Briefe aus seinem Nachlass ergänzen Aufnahmen der Schönhauser Allee von heute und damals und zeichnen das sensible Porträt eines eigensinnigen, streitbaren, aber immer seine Linie verfolgenden Filmemachers. In der DDR eckte er an, ließ sich aber weder den Mund verbieten noch unterkriegen. In den 1990er-Jahren nahm man dem Sohn des Philosophen und NS-Opfers Wolfgang Heise seine filmischen Beobachtungen über die Neonazi-Szene im Osten Deutschlands übel. Ausschnitte aus Interviews und Fernsehauftritten lassen Heise über Politik, Gesellschaft und Kunst zu Wort kommen. Die assoziative und fragmentarische Machart des Films ist ganz in seinem Stil gehalten und erzählt viel über den charismatischen Menschen und begabten Künstler sowie über deutsche Geschichte. „Übergang“ lief auch im Wettbewerb Deutscher Dokumentarfilm und erhielt dort die Goldene Taube in der Kategorie Langfilm.

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