Ulrich Kriest

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Erzählungen eines Kinogehers - Werner Dütsch

  • Deutschland 2025
  • R: Christiane Büchner

Der Filmwissenschaftler Werner Dütsch (1939-2018) setzte vor allem als WDR-Redakteur Maßstäbe im deutschen Fernsehen, indem er die Umsetzung anspruchsvoller Essay- und Dokumentarfilme ermöglichte und Zugänge zu Filmgeschichte und Gegenwartskino vermittelte. Ein im Jahr seines Todes entstandenes Interview dient als Basis für einen dokumentarischen Abriss seines Lebenswegs, der ihn vom frühen Kino-Enthusiasten über Filmkritik und Filmclub-Bewegung zum Fernsehredakteur führte; bebildert werden die Erinnerungen nicht mit Filmausschnitten, sondern mit Zeichnungen der Regisseurin. So erzählt der Film eine Medien- und Institutionengeschichte nach 1945, erinnert an Meilensteine der Filmpublizistik und -förderung und erschließt Dütschs zahlreiche Verdienste einem nachgeborenen Publikum.

Ulrich Kriest | 16.06.2026

Tod meiner Jugend

  • Deutschland 2025
  • R: Timo Jacobs

Ein Schulhausmeister führt mit einer liebevollen Frau und einem Sohn ein vermeintlich harmonisches Leben. Doch psychische Probleme und körperliche Beschwerden wecken die Erinnerung an eine Jugend, die von sexuellem Missbrauch und brutaler Gewalt in der Familie, in einem Kinderheim und in der Ausbildung geprägt war. Um ihm zu helfen, regt seine Frau einen Versuch als Stand-Up-Komiker an, was zur unkonventionellen Art von Therapie wird. Ein Low-Budget-Drama mit einer betont unpolierten Erzählweise, die Leerstellen zulässt und ungewöhnliche Wendungen enthält. Stimmig wendet sich der Film gegen die Idee, Gewalt, Mobbing und Missbrauch in konventionelle dramaturgische Muster zu pressen.

Ulrich Kriest | 05.06.2026

Ehrenamt - Eine Kulturreise im ländlichen Raum

  • Deutschland 2025
  • R: Daniel Hofmann

In der Kleinstadt Marsberg im Sauerland wurde 2014 ein Metal-Festival ins Leben gerufen, das seitdem jährlich stattfindet. Der Dokumentarfilm erzählt die Erfolgsgeschichte des Festivals nach, das sich mehr und mehr professionalisiert hat und mittlerweile auch für das Stadtmarketing und die Region Bedeutung besitzt. Dabei wartet der Film mit vielen amüsanten Anekdoten auf, neben denen Details zur Organisation etwas spärlich ausfallen. Deutlich wird allerdings sowohl, dass weiterhin jede neue Festivalausgabe ein gewisses Wagnis darstellt, als auch, dass es wie in allen auf ehrenamtlichem Einsatz beruhenden Bereichen Nachwuchsprobleme gibt.

Ulrich Kriest | 19.05.2026

Wir Erben

  • Schweiz 2024
  • R: Simon Baumann

Ruedi und Stephanie Baumann sind ein prominentes Schweizer Politikerpaar, das sich nach seiner aktiven Zeit zur Jahrtausendwende mit einem Bio-Bauernhof in der Gascogne einen Lebenstraum erfüllte. Jetzt aber wollen sie ihren Besitz an die beiden Söhne übergeben, die damit nichts anfangen können. Der höchst unterhaltsame Dokumentarfilm blättert am Beispiel der eigenen Familie des Filmemachers mit viel Augenzwinkern die Widersprüche zwischen den Generationen einer privilegierten Bürgerschicht auf, die zwischen den Zumutungen des Alters, unterschiedlichen Erwartungen und konkurrierenden Perspektiven nach Auswegen suchen.

Ulrich Kriest | 21.04.2026

It's Never Over, Jeff Buckley

  • USA 2025
  • R: Amy Berg

Anfang der 1990er-Jahre machte sich der junge US-Musiker Jeff Buckley als Singer-Songwriter einen Namen und war nach seinem Debütalbum „Grace“ 1994 mit größten Hoffnungen verknüpft. 1997 ertrank er jedoch mit 30 Jahren, ohne ein weiteres Album veröffentlicht zu haben. Aus dem Abstand von rund drei Jahrzehnten blickt ein materialreicher Dokumentarfilm auf das kurze Leben des Musikers zurück, der als Sohn des ebenfalls gefeierten Singer-Songwriters Tim Buckley (1947-1975) auch eine familiäre Last mit sich herumschleppte. Der Film rekonstruiert mit Zeitzeugen die Karriereschritte und würdigt Buckleys Begabung und seine Bedeutung im Kontext der 1990er-Jahre, ohne bahnbrechende Erkenntnisse zu bieten.

Ulrich Kriest | 08.04.2026

Kinoleben - Über das Arsenal in Tübingen und weitere Programmkinos

  • Deutschland 2025
  • R: Goggo Gensch

1974 wurde in Tübingen mit dem Arsenal das erste Programmkino in Baden-Württemberg gegründet und als Treffpunkt der alternativen Filmkultur betrieben. Über Jahrzehnte hinweg erwarb sich der Kinogründer Stefan Paul mit seinem Filmprogramm hohes Ansehen, bis das Arsenal 2024 seinen Betrieb einstellen musste. Der Dokumentarfilm rollt gemeinsam mit Paul die Geschichte des Arsenals auf, in der sich die allgemeine Entwicklung der mit Herzblut betriebenen Programmkinos zu eher konventionellen Arthouse-Kinos spiegelt. Der Film bietet durchaus erhellende Einblicke, wirkt in der Umsetzung jedoch unstrukturiert und verliert sich in einer Materialanhäufung und Anekdoten.

Ulrich Kriest | 03.03.2026

Sie glauben an Engel, Herr Drowak?

  • Deutschland 2025
  • R: Nicolas Steiner

Ein Menschenfeind verbringt seinen Alltag betrunken und abgestumpft, bis eine behördliche Verordnung ihn zwingt, einen Schreibkurs zu belegen. Als er bei dieser Gelegenheit eine lebensfrohe Studentin kennenlernt, regt sich in dem alten Mann sein literarisches Talent, und er beeindruckt mit seinen poetischen Texten wiederum die junge Frau. Doch je mehr sich der Mann seinen Erinnerungen stellt, desto stärker drohen ihn seine Dämonen heimzusuchen. Die überwiegend in Schwarz-weiß gedrehte Groteske erzählt von einer Gesellschaft, in der Empathie durch Bürokratie ersetzt wird. Für seine Mischung aus Groteske und Poesie, Aufbegehren und Resignation nutzt der hochstilisierte Film eine Fülle teils disparater Einfälle, die ebenso großzügig wie undiszipliniert kombiniert sind.

Ulrich Kriest | 10.02.2026

Coexistence, My Ass!

  • USA 2025
  • R: Amber Fares

Die israelische Stand-up-Komikerin und Aktivistin Noam Shuster-Eliassi wuchs in einem Friedensdorf auf, in dem palästinensische und israelische Familien friedlich miteinander leben. Sie strebte eine politische Karriere an, kam auf Umwegen aber zur Stand-up-Komik und machte sich mit scharfzüngigen Witzen, hinter denen die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben steckte, einen Namen. Der Film folgt ihr zwischen 2019 und 2024 und dokumentiert auch, wie Shuster-Eliassi nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober als Verräterin gebrandmarkt wird. Offen bleibt, ob ihr Einsatz eine politisch produktive Strategie oder eher eine hilflose Geste ist.

Ulrich Kriest | 03.02.2026

Scham

  • Deutschland 2025
  • R: Lukas Röder

Nach vier Jahren Funkstille besucht ein Mann Mitte zwanzig erstmals wieder seine Mutter. Er ist alles andere als versöhnlich gestimmt und konfrontiert die Mutter mit Vorwürfen, dass sie ihn als Kind psychisch wie physisch missbraucht habe, wobei er ihre Reaktion filmt. Doch die Mutter reagiert nicht allein mit Ablehnung, sondern auch mit Gegenvorwürfen, die Zweifel an den Erinnerungen des Sohnes wecken. Das inszenatorisch konsequente, aber auch enervierende Kammerspiel um Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, setzt mit nur wenigen Atempausen auf beständige Steigerung. Die Nutzung von Smartphone-Aufnahmen mit verwackelten Bildern sorgt für Intensität und Dynamik, betont aber auch die Unschärfe der Konfrontation.

Ulrich Kriest | 27.01.2026

MUDDI - Zwölf Annäherungen an das Altern

  • Deutschland 2025
  • R: Sobo Swobodnik

Nach vielen Jahren kehrt der Filmemacher Sobo Swobodnik in sein Elternhaus auf der Schwäbischen Alb zurück, wo seine 90-jährige demente Mutter lebt, mit der ihn ein schwieriges Verhältnis verbindet. Über Bildern aus ihrem Leben und Impressionen des Dorflebens entfaltet sich in zwölf Kapiteln ein essayistischer Diskurs über das Alter, Herkunft, Fremdheit und das Sterben, der mehr ins Allgemeine tendiert und die betagte Protagonistin nur als Aufhänger grundsätzlicher Überlegungen nutzt. Versöhnlich gibt sich der Filmemacher dabei in seinen Reflexionen eher nicht.

Ulrich Kriest | 03.12.2025

Ohne Chefs - Demokratie bei der Arbeit

  • Deutschland 2025
  • R: Mario Burbach

Der Dokumentarfilm stellt vier selbstverwaltete Betriebe in Deutschland vor, die als Kooperative oder Kollektive ohne Chefetage und hierarchische Struktur auskommen. Stattdessen wird das betriebliche Miteinander gemeinsam organisiert, was gleiche Rechte und Pflichten, aber auch eine gemeinsame Verantwortung umfasst und manche Entscheidung mühsam macht. Der Film spart die Probleme in der Praxis nicht aus, sucht aber vor allem nach Wegen, die positiven Effekte der Ideen zu unterstreichen. Der Enthusiasmus der Beteiligten und die Ausnahme-Position der vorgestellten Projekte tragen dazu das Ihre bei.

Ulrich Kriest | 24.11.2025

Der Mann im Hintergrund - Hark Bohm

Der kürzlich verstorbene Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler, Produzent Hark Bohm (18.5.1939-14.11.2025) ist einer der umtriebigsten Filmschaffenden in Deutschland. Seit Mitte der 1960er-Jahre hat er in den verschiedensten Funktionen an weit über hundert Filmen mitgewirkt, den deutschen Autorenfilm und das Filmfest Hamburg mitbegründet, den Hamburger Filmstudiengang ins Leben gerufen, die Filmförderung und das Filmbüro in Hamburg initiiert und jüngst auch seine Kindheitserinnerungen in „Amrum“ veröffentlicht, die in der Umsetzung durch Fatih Akin jetzt auch im Kino zu sehen sind.

Ulrich Kriest | 15.11.2025

Das Ungesagte

  • Deutschland 2025
  • R: Patricia Hector

Achtzig Jahre nach dem Kriegsende versammelt ein Interviewfilm elf Menschen aus den Jahrgängen 1920 bis 1936, die sich an ihre Erlebnisse und Erfahrungen während der NS-Zeit erinnern und daran, dass später davon kaum gesprochen wurde. In fünf Kapiteln geht es um die anfängliche Begeisterung und die Ideologie, den Krieg und das Schweigen sowie das lange Nachwirken der braunen Jahre. Dabei wird deutlich, dass ihre Erinnerungen an diese Zeit einerseits von der öffentlichen Aufarbeitung überformt sind, andererseits Scham oder Schuldgefühle aber weiterhin routiniert wegrationalisiert werden. Als Einblick ins kollektive Bewusstsein verdeutlicht der Film beispielhaft den Abgrund zwischen historischem Geschichtswissen und dem, was weiterhin „unsagbar“ bleibt.

Ulrich Kriest | 06.11.2025

Songs for Joy

  • Deutschland 2025
  • R: Jan Becker

Im Sommer 2024 veranstalteten zwei Musiker im Hamburger Stadtteil Veddel ein partizipatives Musiktheater-Projekt, bei dem jeder Texte fürs Songs einreichen konnte, aus denen schließlich 18 Stücke mal als Chanson, mal als Jazz, Schlager oder Country umgesetzt wurden. Der Film fängt die Energie und Lebensfreude der Mitmachenden ein und dokumentiert mit viel Gespür für Rhythmus und Emotionen, wie die Kombination von Musik und Theater in ein ebenso mit- wie hinreißendes Kunstwerk mündet, das zu Austausch und Dialog, Neugier und Empathie anstiftet.

Ulrich Kriest | 30.10.2025

Achtundzwanzig - Der Weg entsteht im Gehen

  • Deutschland 2024
  • R: Cornelia Grünberg

Dritter Teil einer Langzeitbeobachtung von vier jungen Müttern, deren Kinder jetzt so alt sind wie sie, als sie schwanger wurden. Die inzwischen 28 Jahre alten Frauen erzählen von Wünschen, Frustrationen und Herausforderungen in ihren sehr unterschiedlichen Lebenssituationen. Rückblicke in die ersten beiden Filme sollen die Kontinuität sicherstellen, was aber nur teilweise gelingt. Dafür kommen jetzt einige der Kinder zu Wort. Ein gewisses Unbehagen hinterlässt der Film, weil er die Protagonistinnen nicht als Zeitgenossinnen in den Blick nimmt, sondern weitgehend nur in einer Sphäre des Mutmachens und Kümmerns porträtiert.

Ulrich Kriest | 09.10.2025

Mona Mur in Conversation

  • Deutschland 2024
  • R: Dietmar Post

Dokumentarfilm über die Musikerin und Experimentalkünstlerin Mona Mur, die im Gespräch mit dem Filmemacher Dietmar Post und angeregt von vielfältigen Archivmaterialien ausgiebig über ihre Karriere spricht und ihren Weg von der Post-Punk-Szene der 1980er-Jahre über Proto-Industrial-Rock und elektronische Musik bis zu experimentellen Klavierstücken Revue passieren lässt. Nach vielversprechenden Anfängen blieb der kommerzielle Durchbruch aus, ehe der Film „Gegen die Wand“ (2004) ein forciertes Retro-Revival einläutete und neue Türen öffnete. Der Film stellt den Werdegang einer unangepassten Künstlerin nach, die zwar keinen Riesenhit gelandet, aber einen Weg gefunden hat, von ihrer eigenwilligen Musik zu leben.

Ulrich Kriest | 26.09.2025

Hannah Arendt - Denken ist gefährlich

  • USA 2025
  • R: Chana Gazit

Dokumentarfilm über Hannah Arendt (1906-1975) und ihre teilweise kontrovers diskutierten Schriften. Wie im Schulfernsehen älteren Datums werden dabei viele ihrer biografischen Stationen mit zeitgeschichtlichen Ereignissen verbunden und mit wichtigen Begegnungen und zentralen Strömungen in Politik, Philosophie und Kulturgeschichte ergänzt. Das reicht als eine erste Annäherung an eine streitbare Intellektuelle und Einführung in ihre Gedankenwelt, wenngleich der unbedarfte Umgang mit historischen Bildern oder Filmen zum Widerspruch reizt.

Ulrich Kriest | 18.09.2025

22 Bahnen

  • Deutschland 2025
  • R: Mia Maariel Meyer

Eine Mathematikstudentin, die mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter und ihr jüngeren Schwester in einer tristen Kleinstadt lebt, hält mit ihrer Fürsorge und Beständigkeit das prekäre Familienleben zusammen. Raum für sich selbst findet sie nur im Schwimmbad, wo sie einem mysteriösen jungen Mann begegnet, der wie sie stets 22 Bahnen schwimmt. Als ihr eine Promotionsstelle angeboten wird, die sich mit ihrem bisherigen Alltag kaum vereinbaren lässt, gerät sie in innere Not. Die Adaption eines erfolgreichen Romans hält sich eng an die Vorlage und kreist um Verantwortung und Schuld, Traum und Trauma, ohne sich zu einer eigenständigen Interpretation aufzuschwingen. Die Qualität des Films resultiert größtenteils aus der Leistung der drei Hauptdarstellerinnen, die den Figuren Komplexität und Widersprüchlichkeit verleihen.

Ulrich Kriest | 04.09.2025

Altweibersommer (2025)

  • Österreich 2025
  • R: Pia Hierzegger

Drei Freundinnen um die 50, von denen eine gerade eine Chemotherapie hinter sich hat, wollen wie früher auf einem Campingplatz in der Steiermark gemeinsam Urlaub machen. Doch als sie sich durch eine ungeahnte Wendung plötzlich ein Luxushotel in Venedig leisten können, brechen sie aus ihren alten Mustern aus. Allerdings holen sie auch in Italien ihre Probleme und Nöte bald wieder ein. Ein zwischen Road Movie und postfeministischer Tragikomödie aufgespanntes Drama um eingefahrene Rituale und Lebensmuster, das mit leichtem Hang zum Soft-Morbiden um die Herausforderungen des Älterwerdens kreist.

Ulrich Kriest | 31.07.2025

Jeder Ton zählt - Die Monheim Triennale

  • Deutschland 2025
  • R: Mika Kaurismäki

Im Juli 2024 trafen sich 16 Musiker von Weltformat in Monheim am Rhein, um ohne Vorgaben, aber vor Publikum als „Prequel“ für die Monheim Triennale II miteinander zu musizieren. Der Dokumentarfilm beobachtet diesen kreativen Ausnahmezustand, bei dem es um etwas Neues, Unbekanntes jenseits tradierter musikalischer Genres geht, um Klangräume abseits des Mainstreams und Improvisationen, die zu unerhörten Dingen anstiften. Der Film fängt auch Begegnungen am Rande, Stimmungen und viele Impressionen ein und streift zudem die kommunale Kulturpolitik, die dieses anspruchsvolle Konzept einer „documenta der Gegenwartsmusik“ ermöglicht.

Ulrich Kriest | 26.06.2025

QRT: Zeichen Zombie Teqno - Ein Nekrolog

  • Deutschland 2024
  • R: Manuel Stettner

In den 1980er-Jahren kehrte der aus Konstanz stammende Autor Konradin Leiner der Provinz den Rücken und tauchte unter dem Künstlernamen QRT als Punk, Performer, Schriftsteller, Comic-Zeichner und Schauspieler in die Westberliner Subkultur ein. Der anekdotenreiche Dokumentarfilm erkundet sein für die Zeit vor dem Mauerfall geradezu exemplarisches Bohème-Leben bis zu seinem tragischen Drogentod im Oktober 1996. Dazu gehören auch Auszüge aus einigen posthum im Merve Verlag erschienenen Texten, die QRTs Denken und Handeln auf der Suche nach Intensitäten anschaulich machen.

Ulrich Kriest | 05.06.2025

Muxmäuschenstillˣ

  • Deutschland 2024
  • R: Jan Henrik Stahlberg

Fortsetzung der Politsatire „Muxmäuschenstill“ (2004) um einen selbsternannten Revolutionär, der nach vielen Jahren im Wachkoma die Welt nicht mehr versteht. Zusammen mit seinem Langzeitpfleger und einem eigens verfassten Manifest will er den Neoliberalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen. Allerdings verläuft ihre Agitation nur mühsam und nur dort halbwegs erfolgreich, wo die Klassengesellschaft in den Blick kommt. Nur mit seiner Kritik an den Eliten bewegt sich der Film im Rahmen aktueller Diskurse; vieles andere bleibt unvermittelt und widersprüchlich, sodass er sich als Satire nicht recht entfaltet.

Ulrich Kriest | 01.05.2025

Stasi FC

  • Deutschland 2023
  • R: Arne Birkenstock

Nachdem Stasi-Chef Erich Mielke 1977 verkündet hatte, dass in der Fußball-Oberliga der DDR künftig sein Lieblingsverein, der Berliner Fußball Club Dynamo (BFC) an der Spitze stehen solle, holten dessen Kicker zehnmal hintereinander die Meisterschaft. Die sporthistorische Dokumentation rekonstruiert die Manipulationen hinter diesen Erfolgen und legt die Methoden der Stasi im Fußball offen. Dabei bedient er sich allerdings eines Duktus der moralischen Entrüstung, auf welchen die informative und streckenweise auch recht unterhaltsame Recherche gut hätte verzichten können.

Ulrich Kriest | 27.03.2025

Köln 75

  • Deutschland 2024
  • R: Ido Fluk

Anfang der 1970er-Jahre kommt die Kölner Jugendliche Vera Brandes in Kontakt mit internationalen Jazz-Größen und erweist sich als Naturtalent für die Organisation von Auftritten. 1975 gelingt ihr mit einem Solo-Auftritt von Keith Jarrett in der Kölner Oper ein besonderer Coup, der trotz der improvisierten Rahmenbedingungen Jazzgeschichte schreibt. Der Historienfilm erzählt mit einigen Freiheiten die Geschichte um das „Köln Concert“ nach und widmet sich sowohl der umtriebigen jungen Organisatorin als auch dem versierten Künstler. Als rasante, mit Illusionsbrüchen hantierende Komödie über Improvisation und Selbstermächtigung hält der Film etliche Überraschungen parat.

Ulrich Kriest | 13.03.2025

Like A Complete Unknown

  • USA 2024
  • R: James Mangold

Anfang 1961 taucht der 19-jährige Bob Dylan in New York auf und findet rasch Aufnahme in die Folkmusik-Szene. Mit seinem ungewöhnlichen Songschreiber-Talent steigt der enigmatische Eigenbrötler in den nächsten Jahren zum Star auf, zeigt jedoch zusehends erste Verunsicherungen und Absetzbewegungen und beginnt, mit dem rebellischen Gestus des Rock’n’Rolls zu flirten. Die aufwändig ausgestattete und glänzend besetzte Filmbiografie arbeitet redlich, aber ohne große Überraschungen die Stationen in Dylans Karriere bis zur Kontroverse um seinen Auftritt beim Newport Folk Festival 1965 ab. Unterhaltsam und mit gelungenen Konzert-Szenen, fehlt es dem Film am höheren Ehrgeiz, tiefer in die Persona von Bob Dylan einzutauchen.

Ulrich Kriest | 27.02.2025

Mutiny in Heaven - Nick Caves frühe Jahre

  • Australien 2023
  • R: Ian White

Doku über die australische Punkbank „The Birthday Party“ und ihren Sänger Nick Cave, die von 1978 bis 1984 bestand und dabei von Melbourne nach London umsiedelte. Obwohl die noch lebenden Musiker der Band im Rückblick die Anfänge selektiv verklären, resultiert aus Konzertmitschnitten, Fotos, animierten Graphic-Novel-Passagen, Songtexten und dem Artwork der LP-Cover ein interessanter Einblick in die Bandgeschichte und ihr zeitgeschichtliches Umfeld.

Ulrich Kriest | 06.02.2025

Soundtrack to a Coup d'Etat

  • Belgien 2024
  • R: Johan Grimonprez

In den 1960er-Jahren schickten die USA berühmte Jazzinterpreten wie Louis Armstrong oder Nina Simone auf Werbetouren nach Afrika, um für den Westen Stimmung zu machen, während auf der anderen Seite Menschen wie Malcolm X sich mit den afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen solidarisierten. Der beeindruckende Essayfilm erforscht die Schnittstelle von Jazz, Geopolitik und Kolonialismus während des Kalten Krieges. Dabei werden erstaunliche Archivaufnahmen, persönliche Videos und Reden von Patrice Lumumba mit den Geschichten prominenter schwarzer Künstler verwoben. Die meisterhafte Montage des überbordenden Materials rekonstruiert nicht nur die kolonialistische Ausbeutung, sondern deutet auch auf die anhaltenden Auswirkungen der historischen Ungerechtigkeiten hin.

Ulrich Kriest | 06.02.2025

Misty - The Erroll Garner Story

  • Schweiz 2024
  • R: Georges Gachot

Der US-amerikanische Pianist Erroll Garner (1921-1977) war ein Jazzmusiker, der mit seiner Virtuosität am Klavier für Staunen und Bewunderung auf Konzertbühnen und bei Fernsehauftritten sorgte. Der Dokumentarfilm schöpft aus dem reichen Archivmaterial der Auftritte und macht es sich zur Aufgabe, den Musiker, der keine Noten lesen konnte und auf der Bühne am liebsten improvisierte, der Vergessenheit zu entreißen. Dazu fährt der Film zahlreiche Lobeshymnen von damals bis heute auf, gerät darüber aber einseitig und wenig dramatisch, zudem widmet er sich zu ausführlich der wenig bekannten, aber auch nicht sehr ergiebigen privaten Seite des Künstlers.

Ulrich Kriest | 23.01.2025

Baldiga - Entsichertes Herz

  • Deutschland 2024
  • R: Markus Stein

1979 zog der Essener Arbeitersohn Jürgen Baldiga nach West-Berlin, um Künstler zu werden. Mit seinen radikalen Fotografien entwickelte er sich zum Chronisten der schwulen Subkultur, deren Freiheitsdrang er als Aktivist emphatisch feierte, aber auch in ihrem widersprüchlichen Umgang mit AIDS schonungslos dokumentierte. Als Baldiga selbst an dem HIV-Virus erkrankte, rückte er auch seine eigene Hinfälligkeit ins Bild. Der auch formal und in der Transparenz der gewählten Mittel äußerst durchdachte Dokumentarfilm geht als Reflexion des Umgangs mit AIDS in der hedonistischen Kultur West-Berlins weit über die Rekonstruktion einer Biografie hinaus.

Ulrich Kriest | 28.11.2024

Milchzähne

  • Deutschland 2024
  • R: Sophia Bösch

In einer Art postapokalyptischen Welt nimmt eine junge Frau ein unbekanntes Mädchen bei sich auf, obwohl sie damit ihre Zugehörigkeit zu der Dorfgemeinschaft gefährdet, die alles Fremde aus ihren Reihen verbannen möchte. Als sich dann unvorhergesehene Dinge ereignen, Vieh gerissen wird und Kinder verschwinden, ist die vermeintliche Ursache schnell benannt. Die Romanadaption um eine isolierte Gemeinschaft spielt episodenhaft Variationen von weiblicher Solidarität und männlicher Gewaltbereitschaft durch, ohne dabei klare Konturen zu entwickeln. Am nachhaltigsten berühren die bestechende Naturfotografie und die parabelhaften Anspielungen.

Ulrich Kriest | 21.11.2024