Werner Enke in "Zur Sache, Schätzchen"
Werner Enke in "Zur Sache, Schätzchen" (© Peter Schamoni Produktion)

Das hohe Lob des Nichtstuns

Nachruf auf den Schauspieler und Drehbuchautor Werner Enke (25.4.1941-20.7.2026)

Aktualisiert am
27.07.2026 - 17:10:13
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Mit nur fünf Filmen in sechzehn Jahren hat sich Werner Enke als Schauspieler und Drehbuchautor in die deutsche Filmgeschichte gemogelt. Als Karriereverweigerer galt er eine Weile sogar als Vorbild und hinterließ mit seiner sprachlichen Improvisationsvirtuosität sogar in der Alltagssprache Spuren. Nach langer Krankheit ist der Apologet des interessanten Nichtstuns im Alter von 85 Jahren am 20. Juli 2026 in München gestorben.

 

 

„Deshalb wird auf meinem Grabstein stehen: Sterben kann so schlimm nicht sein, sonst würden es nicht so viele tun. Obwohl eigentlich völlig trostlos, enthält dieser Satz einen kleinen Rest Trost.“ Dieser Ausblick findet sich in einem langen Gespräch, das Marco Abel für sein Buch „Mit Nonchalance am Abgrund“ im Juni 2024 in Twistringen bei Bremen mit Werner Enke führte. Darin zieht Enke auch die Bilanz: „Letztendlich betrachte ich mich als gescheitert“ - um diese sogleich wieder zu relativieren, da vieles, was ihm zunächst nur negativ erschienen war, sich später zum Guten gewendet habe. Auch 2024 verstand sich Enke noch immer auf diesen lakonischen Sound seiner eigentümlichen „Pseudo-Philosophie“, die Segen und Fluch gleichermaßen war.

 

Ein Improvisationsvirtuose

Segen insofern, weil Enkes sprachliche Improvisationsvirtuosität so sexy klang, dass sie sich nicht nur in die Alltagssprache einschleichen konnte, sondern auch in Filmkritiken hineinwucherte. So schrieb Ponkie 1974 zu „Hau drauf, Kleiner“ in der Abendzeitung: „Als Querdenker und arbeitsscheuer Heimgarten-Diogenes, als Bundeswehrschwänzer und vor bösen Buben flüchtender Flatterbold pflügt er (also Werner Enke) sich durch seinen ‚philosophischen Kack‘, nährt sich ‚abgelumpt und ausgelabert‘ von Schnorrertricks und Haarwuchsreklame.“ Ein Fluch, weil diese Kunst nicht exportfähig war, wie Enke in Paris selbst erlebte, wo einer der Filme mit ihm mit Untertiteln lief.

1941 in Berlin geboren, aufgewachsen in Göttingen, stand für den Kino-Enthusiasten und Comic-Fan Enke nach dem Abitur 1960 fest, dass er Schauspieler werden wollte. Wie Frank Sinatra, Robert Mitchum, Marlon Brando, James Dean oder Montgomery Clift. Also reiste er nach München, in die damalige Filmhauptstadt Westdeutschlands. Als er die Aufnahmeprüfung an der Otto-Falckenberg-Schule nicht bestand, schrieb er sich pro forma für Germanistik, Französisch und Theaterwissenschaft ein, beschäftigte sich mit dem zeitgenössischen anglo-amerikanischen Theater, Tennessee Williams und John Osborne, schrieb eigene Theaterstücke und wurde schließlich durch persönliche Kontakte an der Ruth-von-Zerboni-Schauspielschule in Gauting angenommen. Dort begeisterte er durch sein Improvisationstalent, in ausweglosen Situationen einen komischen Ausweg zu finden. Weitere Kontakte brachten Enke zur Bavaria, wo er ein paar Jobs als Synchronsprecher erhielt, May Spils kennenlernte und für eine Rolle in der Fernsehserie „Humboldt-Schule“ (1963) engagiert wurde.

Werner Enke, Uschi Glas in "Zur Sache, Schätzchen"
Werner Enke, Uschi Glas in "Zur Sache, Schätzchen" (© imago/Capital Pictures)

 

Dadurch kam er zu Geld und konnte eigene Filme drehen. Mittlerweile hatte er Klaus Lemke kennengelernt und wurde damit gewissermaßen ein Teil der „Neuen Münchner Schule“ um Lemke, Rudolf Thome, Max Zihlmann, Eckhart Schmidt, Roger Fritz, Martin Müller, Marran Gosov und dem Fixstern Huillet/Straub. In Schlöndorffs Spielfilm „Mord und Totschlag“ (1967) hatte Enke einen Kurzauftritt als erstes Opfer von Anita Pallenberg. Zuvor übernahm er Rollen in den Kurzfilmen „Kleine Front“ (1965/66) und „Henker Tom“ (1966) von Klaus Lemke sowie „Das Portrait“ (1966) und „Manöver“ (1966/67) von May Spils, die auf Festivals reüssierten und teilweise ausgezeichnet wurden.

 

Ein prototypischer Herumtreiber

In „Manöver“ ging es noch darum, einem Paar beim Training zuzuschauen, das darauf zielte, den Mann zu konditionieren, damit er im Alltag funktioniert, morgens aus dem Bett kommt und rechtzeitig am Arbeitsplatz erscheint. Enkes erste Hauptrolle bestritt dann aber einen anderen, kontroversen Weg. In der etwas schwerfälligen Militär-Satire „Mit Eichenlaub und Feigenblatt“ (1968) von Franz-Josef Spieker spielte der notorische Uniform-Allergiker Enke einen jungen Mann, der damit liebäugelt, im wiederbewaffneten Westdeutschland ein Fallschirmjägerheld zu werden. Ein Traum, der schon bei der Musterung ausgeträumt ist, ihn aber geradewegs ins Bett der Frau eines Nicht-Vorgesetzten führt.

Im gleichen Jahr landete May Spils mit ihrem Spielfilmdebüt „Zur Sache, Schätzchen“ einen Sensationserfolg, mit einem jungen deutschen Film, der nicht vergrübelt daherkam, obwohl es dauernd ums Altern, den Tod und Selbstmord ging. Der Film lebte vom originellen Sprachwitz des bohemistischen Schlagertexters Martin, einem prototypischen „Slacker“, gespielt von Werner Enke, der „pseudophilosophische“ Sätze sagte wie: „Ich mag es gar nicht gern, wenn sich die Dinge morgens schon so dynamisch entwickeln!“ Oder: „Es ist besser, wenn man nichts tut, als wenn man irgendwas tut. Da kommt man viel weiter, das kannst du mir glauben. Man kann nicht einfach irgendwas tun, irgendwelche Worte aneinanderreihen. Das tut mir leid um die Worte. Ihr habt kein Wortaneinandergereihe-Gewissen. Ein Wort, das ist etwas unendlich Geheimnisvolles, man weiß noch nicht einmal, wo das herkommt. Irgendwo aus dem Kopf, vielleicht. (Greift sich an den Kopf.) Von hier, hier, hier oder hier.“

Enke, der am Drehbuch mitschrieb, gab hier den kompletten Enke mit einem Faible für Improvisation, einem Gespür für Neologismen („bollerig“) und einem Hang zu Slapstick und Körperkino a la Buster Keaton und Jacques Tati sowie einer ausgeprägten Ablehnung jeder Form von Autorität, zumal, wenn sie uniformiert ist und mit Schopenhauer nichts anzufangen weiß. Aus heutiger Perspektive wirkt diese zutiefst pessimistische Komödie aus dem „swingin‘ Munich“ des Jahres 1968 mit ihrem Witz und ihrem Zeitgeist wie eine Flaschenpost, in der es gleichzeitig ums Dabei-Sein beim Nicht-Dabeisein, ums Fummeln und darum geht, von der Polizei nicht in Notwehr erschossen zu werden.

An der Wand von Martins Zimmer hängt ein englisches Filmplakat zu Clouzots „Lohn der Angst“. Am Schluss kann Martin froh sein, den Film und den Tag mit einer Schusswunde beendet zu haben. „Zur Sache, Schätzchen“ wurde ein Kassenschlager, mit dem nicht rechnen war und dessen Qualitäten auch von der Filmkritik entsprechend gewürdigt wurden.

Obwohl May Spils die erste Spielfilmregisseurin seit Leni Riefenstahl war, wurde sie in der feministischen Szene der damaligen Zeit nicht wahrgenommen. Spils/Enke waren gleichzeitig jung und Kommerz wie „Papas Kino“. Ob man die gar nicht so latente Macho-Attitüde von Enke durch die Regie von Spils als subtil kommentiert einschätzt, hängt wohl vom Betrachter ab.

Werne Enke, Gila von Weitershausen in "Nicht fummeln, Liebling"
Werne Enke, Gila von Weitershausen in "Nicht fummeln, Liebling" (© imago/Zuma/Keystone)

 

Fast noch besser als „Zur Sache, Schätzchen“ gelang dem Team Spils/Enke der Nachfolge-Film „Nicht fummeln, Liebling!“ (1970), der sich auch daran abarbeitete, dass die linke Boheme-Szene sich radikalisiert hatte. Jetzt hieß es verkürzt: Fummeln oder Kaufhäuser anzünden. Enke als Charley entscheidet sich fürs Fummeln im Kaufhaus, was Marco Abel im Sinne des Situationismus als „Verweigern der Verweigerung“ gewertet sehen möchte, während Dietrich Leder darauf hingewiesen hat, dass die Ernsthaftigkeit der Militanz hier verlacht werde: Wenn schon Politik, dann soll sie Spaß machen und „für Erfolg bei jungen Frauen sorgen“.

 

In olympischen Abständen

Mit „Zur Sache, Schätzchen“ und „Nicht fummeln, Liebling“ hatten Spils/Enke ihre Rezeptur gefunden, die in olympischen Abständen noch ein paar Mal variiert wurden. In „Hau drauf, Kleiner“ (1974) ging es gegen die Bundeswehr, in „Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt“ (1979) gegen das Finanzamt, und in „Mit mir nicht, du Knallkopf“ (1983) gegen die Politik, die deutsch-deutsche Teilung und, wenn man es seriös hochjazzt, gegen den militärisch-industriellen Komplex. Doch wie das bei Sequels so ist, wurden der Witz erwartbar, die Handlungen abstruser und die Akteure älter. Aus bohemistischen Studenten entwickelten sich bohemistische Dauerstudenten und schließlich bohemistische Alt-Studenten. Nur Enkes ikonische Jeansjacke schien dabei nicht zu altern. Nachdem „Mit mir nicht, du Knallkopf“ aus diversen unglücklichen Umständen fast unsichtbar geblieben war, zogen sich May Spils und Werner Enke aus dem Filmbusiness zurück, wobei es Enke als einer neben Marquard Bohm und Rolf Zacher interessantesten Männer-Darsteller der Zeit noch zu einer Art Pop-Ikone schaffte, dem beispielsweise von der Hamburger Band „Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen“ mit dem Song „Kennst du Werner Enke?“ huldigte.

Werner Enke (l.) in "Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt"
Werner Enke (l.) in "Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt" (© imago/Cola Images)

 

Bis heute genießt Werner Enke Kultstatus, wobei aber oft übersehen wird, dass er sich den Nouvelle-Vague-Slogan „Kino bedeutet, mit schönen Mädchen schöne Dinge tun“ zu Herzen genommen hatte. Er drehte mit May Spils, Anita Pallenberg, Uschi Glas, Gila von Weitershausen, Mascha Gonska, Sabine von Maydell und Beatrice Richter. Die konsequente Karriereverweigerung Enkes, dem Apologeten des „interessanten Nichtstuns“, lässt einen ernstzunehmenden Konkurrenten wie Peter Hein von der Band „Fehlfarben“ fast wie einen Streber aussehen. Auch hier gilt die Verweigerung der Verweigerung.

 

Es wird böse enden

Im Jahr 2003, also 35 Jahre nach dem erotischen Abenteuer mit Uschi Glas, holte Enke die alte Daumenkino-Idee aus der Schublade, verwandelte die Strichmännchen in Sprechmännchen und erzählte ein halbes Jahr aus dem Leben des schlaffen Haro, der immer noch den schluffigen Gammler-„Spirit of 68“ verbreitet. Man kann das Buch „Es wird böse enden“ auch als Storyboard des nie gedrehten neuen Enke-Films lesen. Die lakonischen Sprüche und Witze waren nicht mehr ganz taufrisch, aber Enke benutzte sie in den die Publikation begleitenden Interviews selbst und war stolz darauf, sich den kontinuierlich eintrudelnden Fernsehangeboten so lange erfolgreich entzogen zu haben, bis sie nicht mehr trudelten. Und versprach zudem, den Beweis liefern, auch in den nächsten zehn Jahren nichts zu tun. Man könnte sagen: „Der alte Schwung ist hin!“, aber auch das hatte Enke bereits getan, 1971 in „Nicht fummeln, Liebling!“. Bei passenden Gelegenheiten tauchte Enke als Zeitzeuge bei Retrospektiven auf und präsentierte sich dabei stets als pointiert-ironischer und bestens informierter Zeitgenosse. 2023 stellte er in München der Öffentlichkeit eigene Gemälde unter dem Titel „Hobbyismus“ vor. Ebenfalls 2023 stellte er die Webseite wernerenke.de ins Netz: materialreich, leicht angeranzt und im Design passend aus der Zeit gefallen. Nach langer Krankheit ist Werner Enke im Alter von 85 Jahren am 20.Juli 2026 in München gestorben.

 

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