Es ist scheinbar auch nach Jahrzehnten ein immergrünes Thema für Filme: „Republikflucht“ aus der DDR zu Lande („Durchbruch Lok 234“, „Der Tunnel“), zu Wasser („Wir wollten aufs Meer“, „Jenseits der blauen Grenze“) und in der Luft („Ballon“). „Spaziergang nach Syrakus“ legt noch einmal eine Schippe Bildungsbürgertum drauf, gönnt sich aber gleichzeitig Abzüge in der Spannungsnote, weil der Film mit Bildern aus Italien und auf Italienisch beginnt: „Raccontami la tua historia, Paolo!“ – „Erzähl von deinem kleinen Deutschland!“ Aus heutiger Sicht, so heißt es zum Auftakt, sei vieles im kleinen Deutschland schwierig zu verstehen.
Ein Spaziergang, der keiner ist
Der Regisseur Lars Jessen bedient sich in „Spaziergang nach Syrakus“ bei Motiven von F.C. Delius’ Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ (1995), die wiederum auf einer wahren Begebenheit basiert, in der Johann Gottfried Seumes Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“ (1803) eine nicht ganz durchsichtige Rolle spielt, denn Seumes Reisebericht beschreibt die Verhältnisse in Italien nicht gerade einladend, sondern als chaotisch und anarchisch. „Spaziergang“ ist aber sowohl bei Seume wie auch bei Delius und nun auch in Jessens Verfilmung als ein Euphemismus zu verstehen. Doch Paul Gompitz (Charly Hübner) aus Rostock, der 1982 auf einem Schiff der Weißen Flotte zwischen Rügen und Hiddensee als Kellner arbeitet, hat die Lektüre von Seumes Reisebericht einen Floh ins Ohr gesetzt. Er ist entschlossen, seinerseits zu einem Spaziergang nach Sizilien aufbrechen. So, wie sich nach Pauls Verständnis Seume 1801 „einfach“ die Freiheit dazu genommen hat.
Überhaupt: Paul hätte gerne studiert. Literatur, Philosophie, Geschichte. Aber er durfte nicht einmal Abitur machen. Wenn bei der Arbeit an Bord Kollegen sich beklagen, dass sie nicht länger auf große Fahrt gehen dürfen, sehen sie diese Einschränkung als Konsequenz, dass andere diese Möglichkeit zur „Republikflucht“ genutzt haben. Für Paul impliziert das, dass er bei seinen Plänen stets die strafrechtlichen Konsequenzen für andere, aber auch für sich selbst bedenken und nach Möglichkeit minimieren muss. Ohnehin ist die irrationale Sehnsucht des Paul Gompitz eine Leerstelle des Films. Das Leben an der Ostseeküste wirkt entspannt wie Ferien für immer. Paul argumentiert mit seinem Anspruch auf eine Bildungsreise, aber die Realität der DDR der 1980er-Jahre gewährt diese nur als doppelte Bildungsreise. Paul muss sich bilden, um nach Italien zu gelangen.
Versuchen, möglichst nicht verdächtig zu wirken
Zunächst einmal stellt Paul sich naiv und sucht einfache Wege gen Süden via Verwandtenbesuch und Völkerfreundschaft. Beides schlägt fehl, letzteres macht verdächtig. Die erhoffte „geistige Durchdringung Italiens“ ohne das Bedürfnis nach einer physischen Erfahrung Italiens klingt offenkundig nach einer Ausflucht. Paul sucht nach Alternativen, die für ihn und seine Frau, die Ärztin Anne (Lina Beckmann), Freunde und Kollegen berechenbare Risiken beinhalten. Die beste Lösung lautet: allein, ohne Geld, übers Wasser. Doch je mehr Pläne Paul schmiedet, desto fremder wird ihm die DDR. Lockt Italien oder verstößt ihn die DDR? Und nicht nur das: Anne und einige Freunde bemerken, dass Paul etwas ausbrütet. Darauf angesprochen, lügt er zwar nicht, aber er sagt auch nicht die Wahrheit, weil er diejenigen, die er liebt oder schätzt, vor Mitwisserschaft schützen will. Er lernt das uneigentliche Sprechen und versucht, möglichst nicht verdächtig zu wirken.
Was schon schwierig ist, wenn man versucht, sich notwendige Informationen zu beschaffen. Verdächtig, wenn man sich im Buchladen für Bücher zu Themen wie Segeln, Nautik und Radartechnik interessiert. Verdächtig, wenn man sich als Vierzigjähriger um die Aufnahme in einen Segelverein bemüht. Verdächtig, wenn man in der Bahn Westdeutsche anspricht, ob sie vielleicht Devisen in den Westen schmuggeln könnten, damit Paul nach der gelungenen Flucht in den Westen seine Italienreise finanzieren kann. Als er einmal fast beim Devisenschmuggel erwischt und verhaftet wird, bricht es aus Paul heraus: „Was für ein Staat! Niemandem konnte man trauen. Immer nur einschüchtern und demütigen. Ein Land in Agonie!“ Dazu muss man wissen, dass Paul seine Geschichte rückblickend erzählt, aus der Perspektive von 2006, den Wochen des „Sommermärchens“. Das erklärt vielleicht den melancholischen Grundton des Films.
Ein Fluchtplan mit zahlreichen Unterpunkten
Wieder in der DDR der 1980er-Jahre, macht Paul aus seiner Italophilie privat keinen Hehl. Er hört italienische Musik, kocht Pasta à la Paolo und hat sogar Tricks drauf, Parmesan auf Edamerbasis zu zaubern. Punkt für Punkt, aber mit großer Geduld hakt Paul seine Fluchtvorbereitungen ab, organisiert sich privat praktischen Segelunterricht bei Günter (zuverlässig nuanciert: Thorsten Merten), findet neue Jobs erst auf Rügen, dann auf Hiddensee. Weil der Film von vornherein auf die übliche Spannungsdramaturgie zugunsten von inneren Entfremdungsprozessen verzichtet hat, fällt auch die Flucht nach Dänemark schließlich recht unspektakulär und nicht triumphal aus. Nach sechs Jahren Vorbereitungszeit wird Paul Gompitz von dänischen Grenzern mit freundlicher Bewunderung begrüßt. Passiert ja nicht alle Tage, so was.
Während Paul kurz bei der Verwandtschaft in Bochum vorbeischaut, bekommt Anne derweil die Konsequenzen von Pauls Flucht zu spüren. Weil er genau das nicht wollte, sucht er die Ständige Vertretung der DDR auf, um noch einmal zu betonen, dass es sich bei seiner Ausreise nicht um eine Flucht, sondern eher um eine Art von Ausflug handle. Er werde nach Abschluss der Reise nach Rostock zurückkehren. Eine sofortige Rückreise mit einer vom Staat bezahlten Karte lehnt Paul, nach kurzer Rücksprache mit seinen Wessi-Verwandten, ab, weil er dann die Lebensjahre der Fluchtvorbereitung verschenkt hätte. Es folgt der lange geplante Spaziergang nach Syrakus, allerdings aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse ohne größere soziale Kontakte.
Immerhin: Paul bekommt jetzt erstmals richtigen Parmesan zu seiner Pasta, aber das ist auch schon fast der emotionale Höhepunkt der folgenden Wochen. Weil Paul bemerkt, dass er seine Erfahrungen und Erlebnisse ohne ein Gegenüber nicht adäquat kommunizieren kann, bleibt es bei einer Abfolge touristischer Stationen, die auf Postkarten festgehalten werden, die er an Anne nach Rostock schickt.
Noch nie so frei gefühlt?
Von Seume ist längst nicht mehr die Rede und wenn Paul am Rande seiner „ertrotzten Bildungsreise“ davon spricht, sich noch nie so frei gefühlt zu haben, sprechen die Bilder dazu eher von Solo-Pauschaltourismus an menschenleeren Orten. Aufgrund einer naiven Nachlässigkeit ist es dann auch bald vorbei mit der Bildungsreise. Kurz darauf erreicht Paul die Nachricht vom Fall der Mauer. Die verschwundene DDR gönnt ihm nicht einmal mehr die Strafe für sein egoistisches Aufbegehren. Und hatte Paul zu Beginn noch über den Sinn des Lebens befunden, es gehe darum, durch die Welt zu reisen und einen Ort zu finden, wo man hingehöre, dabei aber diesen Ort immer an der Seite von Anne gesehen, ist die nun aufgebrochen zu ihrer eigenen Reise. Entsprechend erscheint die Bilanz der Bildungsreise von Paul Gompitz unterm Strich eher widersprüchlich. Der Spaziergang nach Syrakus hat ihn zum Zaungast seines Lebens werden lassen.