Detroit Rock City

- | USA 1999 | 95 Minuten

Regie: Adam Rifkin

Vier Teenager aus der Provinz Nordamerikas brechen gegen den Widerstand ihrer Eltern in die Musik-Metropole Detroit auf, um dort ein Konzert ihrer Lieblingsband KISS zu erleben. Nach einer Reihe von Abenteuern gelingt dies, während die Reise selbst zum endgültigen Abschied von der Kindheit gerät. Musikalisch dominierte Komödie, die auf unterhaltsame Weise den Zeitgeist der 70er-Jahre illustriert und zugleich auf die langsame Verschiebung von gesellschaftlichen Wertmaßstäben verweist. - Ab 14 möglich.
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Filmdaten

Originaltitel
DETROIT ROCK CITY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1999
Produktionsfirma
New Line Cinema/Takoma Entertainment/Base-12/Kissnation
Regie
Adam Rifkin
Buch
Carl V. Dupré
Kamera
John R. Leonetti
Musik
J. Peter Robinson · Kiss · Thin Lizzy · The Ramones
Schnitt
Ufo · Mark Goldblatt · Peter Schink
Darsteller
Edward Furlong (Hawk) · James De Bello (Trip) · Sam Huntington (Jam) · Giuseppe Andrews (Lex) · Gene Simmons (KISS)
Länge
95 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14 möglich.
Externe Links
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Heimkino

Die umfangreiche Special Edition enthält u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs und der Bandmitglieder der Rockgruppe KISS sowie ein Feature mit nicht verwendeten Szenen.

Verleih DVD
Kinowelt (2.35:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Mitte der 70er-Jahre, als endgültig klar wurde, daß mit Rock’ n’Roll die Welt doch nicht zum Guten verändert werden konnte, die Punk-Revolte aber noch auf sich warten ließ, dümpelte die Rock-Musik etwas unentschlossen vor sich hin. Einige „Super Groups“ füllten immer größere Fußballstadien, erweiterten ihre Fuhrparks, protzten mit eigenen Düsenjets, stellten aber einen elitären Kunstanspruch aus, der stillschweigend ihren Anschluss an die etablierte Hochkultur einklagte. In dieses Vakuum stießen die sich grimmig gebärdenden Exponenten des Heavy Metal; hier sublimierte sich zwischenzeitlich die alte Dreifaltigkeit aus Sex & Drugs & Rock’n’ Roll: Feuer und Theater-Blut, abenteuerliche Kostüme, mittelalterliche Requisiten, dreieckige Gitarren, musikalische Anrufung eines Geisterbahn-Luzifers. Hauptsache laut, dreckig und irgendwie anrüchig, Pose und Provokation waren alles, musikalische Innovation hingegen schien weniger gefragt. Die Band „Kiss“ aus Detroit verkörperte eine treibende Kraft dieses kulturhistorischen Phänomens. Schon die Schreibweise ihres Namens, bei der das Doppel-S die nationalsozialistischen SS-Runen zitierte, stellten ein Ausdruck des programmatischen Bürgerschrecks dar. (In der DDR waren „Kiss“ zeitle-bens aus diesem Grund verboten, ungeachtet des Umstandes, dass einige Bandmitglieder jüdischer Herkunft waren.) Ihre Musik fand in der frustrierten Mittelklassejugend Nordamerikas und anderswo eine willige Zuhörerschaft. Sich zu Heavy Metal zu bekennen oder, als Gegenentwurf, zum zeitgleich prosperierenden Disco-Sound, konnte eine Glaubensfrage darstellen.

Die Teenager Hawk, Trip, Jam und Lex sind leidenschaftliche „Kiss“-Fans – wenn sie auch dieser Leidenschaft durch unterschiedlich tolerante Elternhäuser öffentlich nur teilweise huldigen können. Außerdem leben sie in einer bigotten Kleinstadt, in der das demonstrative Anderssein zwar einen besonderen Reiz hat, aber auch auf entsprechend wenig Gegenliebe stößt. Besonders schlimm ist Jam dran. Seine Mutter duldet als aktives Mitglied der MATMOK-Initiative (»Mothers Against The Music Of Kiss«) keinerlei Schallplatten der vermeintlichen Satanisten in ihrem Haus, und selbstverständlich vernichtet sie die vier Tickets für ein „Kiss“-Konzert, das sie in den Hosentaschen ihres Sohnes findet. Ebenso selbstverständlich machen sich die vier Knaben dennoch auf den Weg nach Detroit, um um jeden Preis Zuhörer zu sein. Der Film beschreibt ihre Reise in die Großstadt, die Abenteuer bei der Jagd nach Eintrittskarten und schließlich die Beglückung durch das doch noch erreichte Konzertereignis (wiederum selbstverständlich). Für die vier Heranwachsenden bringen die Erlebnisse nicht nur den erfolgreichen Abschluss des konkreten Vorhabens mit sich, es erweitert sich zur Initiationsreise, deren Ende mit dem ihrer Kindheit zusammenfällt.

„Detroit Rock City“ ist kein Film, der sich als Epoche machendes Werk in die Filmgeschichte einschreiben wird, erfüllt aber seine Aufgabe als Unterhaltungsvehikel auf sympathische Weise: Langeweile kommt keine auf, die unverbrauchten Darsteller agieren erfrischend (allen voran Edward Furlong), Gags kommen angemessen geschmacklos daher, die vitale Scope-Bildgestaltung (mit vielen Reiß-Schwenks und sogar einigen „split screen“-Effekten) unterstreicht den nervösen Charakter des beschworenen Zeitgeistes. Reizvoll auch einige unterschwellige Verweise auf Metamorphosen der öffentlichen Meinung. Während Jams fanatisch moralisierende Mutter z.B. als Kettenraucherin daherkommt, also aus aktueller Sicht eine politisch völlig inkorrekte Person verkörpert, nehmen sich die Gebärden der Heavy-Metal-Desperados heute eher harmlos aus. Zahlreiche Momente ihres einst heftig umstrittenen Provokations-Repertoires sind längst in die Unterhaltungsindustrie eingegangen und werden dort kaum mehr in ihrem historischen Zusammenhang wahrgenommen. Produziert wurde dieser Seitenhieb auf die Relativität guten wie schlechten Geschmacks übrigens von Gene Simmons persönlich: dem führenden Kopf von „Kiss“.
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