Vaya con dios

- | Deutschland 2001 | 106 Minuten

Regie: Zoltan Spirandelli

Drei Mönche werden aus ihrem Kloster aus dem Brandenburgischen vertrieben und brechen zu Fuß zu ihren Ordensbrüdern nach Italien auf. Unterwegs begegnen sie zahlreichen Verführungen und Verlockungen, finden dann aber auf den rechten Weg zurück. Märchenhafte Komödie, in der Gut und Böse von vornherein feste Konturen besitzen. Der einfallsreiche, gut gespielte Film weist zwar einige dramaturgische Schwachstellen auf, transportiert aber bei aller Unterhaltsamkeit auch zivilisationskritische Töne und erkennt weder die Spaßgesellschaft noch die Geschäftemacherei als Nonplusultra des menschlichen Seins und Handelns an. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2001
Regie
Zoltan Spirandelli
Buch
Zoltan Spirandelli
Kamera
Dieter Deventer
Musik
Detlef Friedrich Petersen
Schnitt
Magdolna Rokob
Darsteller
Michael Gwisdek (Benno) · Daniel Brühl (Arbo) · Matthias Brenner (Tassilo) · Chiara Schoras (Chiara) · Traugott Buhre (Abt Stephan)
Länge
106 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs und David Gravenhorst.

Verleih DVD
Universal (16:9, 1.85:1, DD5.1 dt.)
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Diskussion
Im Grunde erzählt Zoltan Spirandelli eine Geschichte, die auf hiesigen Leinwänden, besonders in letzter Zeit, nicht gerade selten vorkommt. Auch in „Vaya con dios“ geht es zumindest partiell darum, unter welchen Umständen ein junger Mann seine Unschuld verliert. Das aber ist auch schon die einzige Parallele zum gegenwärtigen deutschen Kino. Ansonsten erweist sich der Film als souverän anders, behauptet sich als erfindungsreich, weitgehend klischeefrei und als singuläres Kunststück gehobener Kinounterhaltung. Das Thema heißt: Glaube und Verführung. Es wird an drei Cantorianer-Mönchen exemplifiziert, die ihr verfallenes Kloster im Brandenburgischen nach dem Tod des Abts verlassen müssen. Dieser hatte ihnen das Versprechen abgenommen, die „Regula Cantorianorum“, ein dickes altes Buch mit sämtlichen Ordensregeln, zu ihren Brüdern nach Italien zu bringen. Das ist für den Orden von existenzieller Bedeutung: Es gibt nur noch wenige, die im Glauben leben, dass man nur im Gesang nah bei Gott sein könne. Der Einfall, der den Film zur Komödie macht, besteht darin, die Mönche als ganz und gar aus den Zeitläuften herausgefallen zu zeigen. Ihr Dasein wird zunächst fast ausschließlich von geistlichen Gesängen ausgefüllt. Sie nutzen weder Fernsehen noch Radio, weder Autos noch Landkarten, jedenfalls keine aus dem 20. oder gar 21. Jahrhundert. Als sie aus ihrem Refugium herausgerissen werden, kennen sie nichts von der modernen Welt. Ihre Odyssee gestaltet sich so zu einer einzigen Bewährungsprobe, dem rechten Glauben und dabei sich selbst treu zu bleiben – bis zur Ankunft im Schoß der Gleichgesinnten. Das klingt nach Märchen und ist auch eins: Das Edle und Gute steht von vornherein fest, und auch das „Böse“ hat im Laufe der Geschichte stets klare Konturen. Spirandelli lässt die Verführung in unterschiedlicher, dem Alter, Wissen und Habitus der drei Mönche jeweils entsprechender Gestalt daherkommen: Arbo, noch fast ein Milchbart, verliebt sich in eine junge Frau, die auf der Landstraße in einem Cabriolet heranbraust und die Männer einlädt, mit zu fahren. Tassilo, der Schwergewichtige, kann auf der Reise keinen Bogen um sein Thüringisches Elternhaus machen: Die Kochkünste seiner Mutter und überhaupt die Wiederbegegnung mit der allein gebliebenen Greisin lassen ihn für eine Weile das Versprechen verdrängen, seine Brüder nach Italien zu begleiten. Benno schließlich, der Älteste, kommt bei einem Jesuiten-Abt in der Großstadt vom Wege ab: Der bietet ihm an, die kostbaren Handschriften in der Musikbibliothek zu studieren. Dafür gibt er beinahe sogar die „Regula“ preis. Diese Konfrontationen mit Versuchungen diverser Art werden spielerisch und antinaturalistisch inszeniert; Personen und Handlungsumstände sind frei und locker erfunden. Und doch unterfüttert Spirandelli sein Märchen immer wieder mit kritischen Tönen: Der Wandel des Mädchens Chiara von der flotten, oberflächlichen Journalistin zur nachdenklichen, sich zu ihren Gefühlen bekennenden Liebenden hat durchaus etwas mit einer Absage an die Spaßgesellschaft zu tun; und die eiskalte, ins Mafiotische tendierende Geschäftstüchtigkeit des Jesuiten-Abts zeigt deutlich, wohin es führen kann, wenn das erbarmungslose Streben nach Profit vor Humanität rangiert. Wie Mönch Benno aus den Fängen des Verführers gelöst wird, hat dann wieder mit jener archaischen Musik zu tun, der er sich bisher in aller Strenge verpflichtet fühlte. Der Befreiungsschlag findet singend statt – auch das einer von vielen präzise ausgeführten Einfällen des Films. Spirandelli besetzte seine Mönche mit dem stoischen Michael Gwisdek, dem sichtlich sinnenfreudigen Matthias Brenner und dem vergrübelten, zwischen Kloster und Welt hin und her gerissenen, nervösen Daniel Brühl; eine Besetzung, die gut miteinander korrespondiert, auch wenn es jedesmal, wenn die Herren synchron zu den eingespielten klassischen Gesängen ihre Lippen zu bewegen haben, zu tonalen Brüchen kommt. Die Entscheidung, den Film in CinemaScope zu fotografieren, war zugleich eine Entscheidung für große Bilder und bestechende Totalen: das dunkle Kloster in der grünen Landschaft, der angstvolle Gesang der Mönche zwischen zwei in gegensätzliche Richtungen vorbeirauschenden D-Zügen, die Hektik der Großstadt, die Ankunft in Italien und vieles mehr bleiben dem Zuschauer in Erinnerung. Schade nur, dass der Film dramaturgisch einige unnötige Hänger hat. Die anfängliche Verfolgungsjagd durch Wälder und in einem Steinbruch ist viel zu breit ausgespielt, die Wanderschaft hätte zumindest zu Beginn gerafft werden können. Aber das sind nur marginale Schwächen in einem ansonsten gelungenen Film.
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