Kinderfilm | Deutschland 2002 | 94 Minuten

Regie: Joachim Masannek

Die Sommerferien drohen für eine quirlige Rasselbande zur Katastrophe zu werden. Die ignoranten Eltern haben den fußballbegeisterten Jungs Hausarrest verordnet und eine Clique halbwüchsiger Rüpel besetzt überdies ihren Bolzplatz. Der (Fußball-)Sommer droht deshalb ins Wasser zu fallen droht. Turbulenter Kinderfilm nach der Buchreihe von Joachim Masannek, der anfänglich für sich einzunehmen versteht, dann aber immer deutlichere Mängel offenbart. Zwar steckt der Film voller pädagogischer Anspielungen, doch die Kinder gebärden sich überwiegend altklug, während die Erwachsenen als blöd karikiert werden. - Ab 8.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2002
Regie
Joachim Masannek
Buch
Joachim Masannek
Kamera
Sonja Rom
Musik
Gert Wilden jr. · Bananafishbones
Schnitt
Alex Berner
Darsteller
Jimi Blue Ochsenknecht (Leon) · Wilson Gonzalez Ochsenknecht (Marlon) · Constantin Gastmann (Fabi) · Raban Bieling (Raban) · Sarah Kim Gries (Vanessa)
Länge
94 Minuten
Kinostart
20.01.2022
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 8.
Genre
Kinderfilm | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Concorde (16:9, 1.78:1, DD5.1 dt.)
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Turbulenter Kinderfilm nach einer Buchreihe von Joachim Masannek um eine Gruppe fußballbegeisterter Jungs und Mädchen.

Diskussion

Früher kamen ansehnliche Kinder- und Jugendfilme aus der DDR; in den skandinavischen Ländern haben sie auch eine bemerkenswerte Tradition, und als Zeichentrick-Importe sind US-Produktionen scheinbar unschlagbar. (Kinderbuch-)Klassiker bieten ein nahezu sicheres Umfeld, und auch klassische Märchenstoffe wie Pinocchio finden ihre Abnehmer. Nun aber soll das Genre aufgemischt werden. „Die wilden Kerle“ ist das filmische Extrakt einer 13-teiligen Buchreihe (acht Bände sind bereits erschienen), das mit einer multimedialen Vermarktungsstrategie (Bücher, Film, Kooperationen mit Schulen) unter die Kinder gebracht wird.

Zweifelsohne brauchen Kinder Filme und vor allen Dingen das Rüstzeug, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber welche Filme brauchen Kinder? „Die wilden Kerle“ vielleicht? Mag sein. Zumindest lässt sich die Geschichte von Joachim Masannek gut an. Sie erzählt von der Rasselbande der „wilden Kerle“ (Motto: „Alles ist gut, solange du wild bist!“), die den Ferien entgegenfiebert und auf eine Reihe von Heimsuchungen reagieren muss. Plötzlich erteilen ignorante Eltern den Fußball verrückten Jungs Spielverbot und „lebenslänglichen“ Stubenarrest, und die Bande des „dicken Michi“, der, der dem Rottweiler die Ohren abgerissen hat, okkupiert mit seine übergewichtigen „Kotzbrocken“ den Bolzplatz.

Ein Fußballspiel soll entscheiden

Ein Entscheidungsspiel soll über die Feldhoheit entscheiden. Kurzfristig wird Trainer Willi engagiert, der die Jungs fürs Spiel fit machen soll. Er erweist sich in den Augen der Kinder aber kurz vor Torschluss als „Lusche“. Schließlich mischt sich auch noch Vanessa ein, die Neue, die mit ihrer Oma in die Stadt gezogen ist und Anschluss sucht – ausgerechnet bei den wilden Kerlen.

Würde die Papierform einer Geschichte über ihren Erfolg entscheiden, hätten „Die wilden Kerle“ einiges zu bieten. Die Zusammenfassung, mit der der kleine Off-Erzähler Raban nicht nur in die Geschichte einführt, sondern auch die kindliche Vorstellungswelt abgrenzt, liefert einstimmende Momente und schafft Interesse für die Story um die Schlacht am „Teufelstopf“. Die erste halbe Stunde macht Spaß, doch dann schleichen sich Fehler ein, die vieles untergraben. Unterentwickelte Liedchen gemahnen an Solidarität und Mädchen-Power; die Kinder entwickeln sich zur altklugen, rotzfrechen Rasselbande, die ohne ihre strengen Eltern weit besser gestellt ist, und die Kontrahenten mutieren zur Inkarnation des Bösen, die sich ohne familiären Hintergrund durchs Leben prügeln wollen.

Unvermittelt ist man in einem Kinderfilm voller Klischees, der schwache Eltern vorstellt, um die Stellung der Kinder zu stärken und überdreht seine – wohlgemeinten – Botschaften propagiert. Dabei geraten die guten Ansätze in Vergessenheit und entwickeln sich zum lärmenden Spektakel, das im völlig uninspiriert inszenierten Fußball-Finale mündet, bei dem die Kleinen zu unterliegen drohen.

„Die wilden Kerle“ wollen zu viel

„Die wilden Kerle“ wollen zu viel: Freundschaftssinn und Teamgeist fördern, ein Lanze für die Kleinen und Mädchen brechen, eine heile Kinderwelt auf hohem Konsumstandard beschwören, den Kindern eine eigene Welt einrichten, die aber nicht die ihre sein kann. Denn auch die meisten Erwachsenen sind in der Regel Partner und Freunde und keine Lachnummern. Wirkliche Kinderspiele fordern zwar Körpereinsatz, kommen aber nicht mit solcher Brachialgewalt daher, sondern haben in der Regel ihr Geheimnis. Nur so kann man die eigene Welt ergründen und Grenzen ausloten, „cool“ allein kommt man nicht ganz so weit.

Der Debütfilm von Joachim Masannek ist ein Zwitter, der sich Kinder anzubiedern versucht und schöne Sets und kindgerechte Tagträume zu bieten hat; seine vielen visuellen und akustischen Anleihen beim (Italo-)Western zielen indes auf ein ganz anderes Publikum und handeln mit Chiffren, die die Kleinen nicht entschlüsseln können. Diese Hinwendung zu den Erwachsenen offenbart sich auch im Detail, wenn Rufus Beck als Trainer-Althippie mit Peace-Zeichen durch die Szenerie wandelt oder Mutter „Juli und Joschko“ (Judith Al Bakri) einen schwarzem Anarchisten-Stern auf ihrem T-Shirt trägt. Warum sind alle Kinder bei alleinerziehenden Elternteilen untergebracht? Und warum wird das nicht thematisiert? Vielleicht haben die Macher hier ihre eigenen Träume und Albträume verarbeitet. Dann müsste das Thema Kinderfilm aber noch einmal neu überdacht werden.

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