Das geheime Leben der Worte

- | Spanien 2005 | 115 Minuten

Regie: Isabel Coixet

Eine schwerhörige Frau, die von ihren Kolleginnen geschnitten wird, verbringt ihren Urlaub als freiwillige Krankenschwester auf einer Bohrinsel, wo sie einen Arbeiter kennen lernt, der nach einem Tauchunfall kurzzeitig sein Sehvermögen verlor. Durch die Annäherung der beiden verschlossenen Menschen brechen alte Wunden auf. Das leise entwickelte Drama um zwei traumatisierte Menschen erzählt auf vielschichtige Weise von Schuld, Verletzungen und Liebe, wobei die Gratwanderung zwischen Innerlichkeit, politischer Betroffenheit und trivialer Emotionalität zwar nicht immer ganz gelingt, aber jederzeit berührt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE SECRET LIFE OF WORDS | LA VIDA SECRETA DE LAS PALABRAS
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2005
Regie
Isabel Coixet
Buch
Isabel Coixet
Kamera
Jean-Claude Larrieu
Schnitt
Irene Blecua
Darsteller
Sarah Polley (Hanna) · Tim Robbins (Josef) · Javier Cámara (Simon) · Eddie Marsan (Victor) · Steven Mackintosh (Dr. Sullitzer)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. ein kommentiertes Feature mit im Film nicht verwendeten Szenen.

Verleih DVD
Universum (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Hanna arbeitet in einer Verpackungsfabrik. Die scheue blonde Frau mit dem fremden Akzent umgibt eine Einsamkeit, die mit einem Geheimnis verknüpft zu sein scheint. In der Fabrik wird sie von ihren Kolleginnen gemieden, denn die arbeitsame Frau ist schwerhörig und will nichts mit den anderen Arbeiterinnen zu tun haben. Denen geht ihre Gewissenhaftigkeit auf die Nerven. Niemand kann Hanna besonders leiden. Die stille Form des Mobbings bleibt auch der Firmenleitung nicht verborgen. Um die Situation zu entschärfen, fordert ihr Chef sie auf, Urlaub zu nehmen und sich an tropischen Stränden zu sonnen. Aber Hanna will keine Erholung. Im Kontext einer wohlorganisierten „Fun & Wellness“-Gesellschaft wirkt Hanna wie ein Fossil, weshalb es wohl konsequent ist, dass sie sich als freiwillige Krankenschwester auf einer Ölbohrinsel bewirbt. Nach einem schweren Unfall liegt dort ein Mitarbeiter transportunfähig darnieder. Ein Hubschrauber bringt Hanna auf die Stahlplattform im offenen Meer. Schon in der Eingangssequenz ergeht sich „Das geheime Leben der Worte“ in mysteriösen Andeutungen und Hinweisen auf die psychologischen Abgründe seiner Protagonisten. Hanna gibt in ihrer reduzierten Pflichterfüllung Rätsel auf; aus dem Off spricht eine Kinderstimme, was für die spanische Regisseurin Isabel Coixet einen eher ungewohnten Kunstgriff in die Trickkiste des magischen Realismus darstellt. Aber auch Josef, der Arbeiter auf der Bohrinsel, der nach einem Tauchunfall kurzzeitig das Sehvermögen verlor, wird von einer unbewältigten Vergangenheit gequält. Er kann die Schwester nicht sehen, die sich um ihn kümmert; stattdessen ist er auf seine anderen Sinne angewiesen und auf das, was Hanna ihm erzählt. Zwischen den beiden verschlossenen Menschen entwickelt sich eine Annäherung, die sich in Vertrauen und vorsichtiger Zuneigung dokumentiert. Die Bohrinsel ihrerseits ist ein in Auflösung begriffener Mikrokosmos: Öl wird nicht mehr gefördert; Hanna trifft auf sechs Männer, die auf die endgültige Abwicklung warten. Einmal fällt der Satz: „Man muss die Zeit totschlagen, bevor sie einen totschlägt.“ Allerdings gelingt es Coixet nicht, dem exotischen Raum eine authentische oder eine magische Dimension zu verleihen, wie dies etwa Lars von Trier in „Breaking the Waves“ (fd 32 145) geschafft hatte. Der Film berührt durch das Spiel und die Interaktion der beiden Protagonisten: Das dunkle Geheimnis Josefs gibt sich als klassischer Tragödienstoff um eine fehlgeleitete Männerfreundschaft zu erkennen. Wie im Ödipus-Stoff steht die Erblindung als Strafe für die verbotene Liebe. Hannas Geheimnis ist noch viel tragischer: In den brutalen Wirren des jugoslawischen Bürgerkrieges wurde die junge Frau bei Dubrovnik gefoltert, vergewaltigt und fast um ihr Gehör gebracht. Der Film erzählt von Schuldgefühlen, Traumata und der Liebe, die letztendlich einen Ausweg zu bieten scheint. Doch auch das enthemmte Weinen, die Enthüllung der Narben führt nur scheinbar zur Katharsis. Das vermeintliche Happy End, die Wiedererlangung der Normalität, ist doppeldeutig. „Das geheime Leben der Worte“ ist ein Film voller Anspielungen und Ahnungen, mit dem die junge spanische Regisseurin einmal mehr unter Beweis stellt, wie leicht es ihr fällt, große Gefühle auf unkonventionelle Art zum Ausdruck zu bringen. Allerdings gelingt die Gratwanderung zwischen Innerlichkeit, politischer Betroffenheit und trivialer Emotionalität nicht immer, weil der Aufbau der Geschichte zwar überzeugt, am Ende aber doch der Beigeschmack modischer Sentimentalität überwiegt.
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