Jellyfish - Vom Meer getragen

- | Israel 2007 | 82 Minuten

Regie: Shira Geffen

In mehreren ineinander verschachtelten Geschichten, deren Palette vom sozialkritischen Realismus bis zum Märchen reicht, nähert sich der Film unaufgeregt dem multikulturellen Alltag in Israel. Das stimmungsvolle Mosaik strahlt große stilistische Ruhe aus, wobei die häufigen Perspektivwechsel nie als Brüche erscheinen. Ein berührendes Bild Israels, das durch den Verzicht auf Tagesaktualität dem Land eine neue Textur verleiht. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
MEDUZOT
Produktionsland
Israel
Produktionsjahr
2007
Produktionsfirma
Lama/Les Films du Poisson
Regie
Shira Geffen · Etgar Keret
Buch
Shira Geffen
Kamera
Antoine Héberlé
Musik
Christopher Bowen
Schnitt
Sascha Franklin · François Gédigier
Darsteller
Sarah Adler (Batia) · Naama Nissim (Naomi) · Ma-nenita De Latorre (Joy) · Zharira Charifai (Keren) · Gera Sandler (Michael)
Länge
82 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Externe Links
IMDb | TMDB

Heimkino

Verleih DVD
Arsenal (16:9, 1.85:1, DD2.0 hebr./dt.)
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Diskussion
Internet und Multimedien prägen nicht nur unseren Alltag – auch auf die Erzählstrukturen des modernen Kinos nehmen sie Einfluss. In den letzten Jahren hat sich in Hollywood wie auch im sogenannten Arthouse-Kino neben der traditionellen linearen Narration eine andere Form des Erzählens etabliert, welche nicht mehr einen Helden und seine Geschichte ins Zentrum stellt, sondern um mehrere Figuren kreist. Wie die Bezeichnung „Mosaikfilm“ schon impliziert: Die einzelnen Teilgeschichten stehen jeweils nicht für sich allein, oft liegt eine geografische, immer eine stilistische Einheit vor, welche die Geschichten verbindet. Die verschiedenen Schicksale spielen parallel, überschneiden sich manchmal – und knüpfen dabei Bezugspunkte, die den Film zusammenhalten. Stein nach Stein zeichnet sich so ein größeres Bild ab, das nach dem einfachen Prinzip der filmischen Montage auf eine neue, umfassendere Bedeutung hinausläuft. „Meduzot“ (Hebräisch für „Quallen“) ist ein solcher Mosaikfilm. Er zeichnet ein berührendes Bild Israels, das dem in der Tagesaktualität so medialisierten Land eine völlig neue Textur gibt. Diese ist auffallend bunt – und wird damit dem sprachlichen wie kulturellen Werdegang des jungen Staates gerecht. Seit 1948 haben mehrere Einwanderungswellen (u.a. nach dem Verfall der UdSSR, wie auch durch zahlreiche Fremdarbeiter aus der ganzen Welt) Israel gebildet und geprägt. Diese Multikulturalität, die in den Nachrichten kaum erwähnt wird, findet in der Struktur von „Meduzot“ ein perfektes Ausdrucksmittel. Schon jeder einzelne Mosaikstein hat da nicht nur eine andere Farbe, sondern spiegelt in sich die Vielfalt der Menschen und ihrer Emotionen. Aus den Philippinen kommt Joy, eine der vielen Hauptfiguren. Joy spricht kein Hebräisch, versteht sich aber blendend mit einer alten, verschlossenen Frau, die von Englisch nichts wissen will und über alles Fremde schimpft. Batya, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat, kann sich in ihrem Job nicht verwirklichen und findet ihren Weg über ein ebenso merkwürdiges wie bezauberndes Mädchen, dem sie am Meer begegnet. In diesen zwei Beispielen mischen sich nicht nur die unterschiedlichsten Gefühle, etwa durch Humor ermöglichte Freude und bodenlose Melancholie. Vom sozialkritischen Realismus bis zum Märchen wechselt der Film immer wieder auch das Register und die Gattung. Seiner stilistischen Ruhe ist zu danken, dass diese häufigen Wechsel nicht wie Brüche wirken, sondern immer wieder eine andere Saite zum emotionalen Klingen bringen. In seinen kleinen wie auch größeren Strukturen ist „Meduzot“ wunderbar gelungen; in einem noch größeren Kontext funktioniert er aber (zufällig?) auch: Zwei weitere israelische Filme starten noch diesen Herbst in der Schweiz: der so coole wie tiefsinnige „The Bubble“ (fd 38307) von Eytan Fox sowie die bewegende Komödie „The Band’s Visit“ von Eran Kolirin. Zusammen mit „Meduzot“ erweitern diese Filme das Bild Israels. Obwohl in Geschichten und Stil völlig verschieden, haben sie neben ihrer Herkunft eine weitere Gemeinsamkeit: Alle drei Filme arbeiten sich vordergründig nicht an politischen Themen ab, sondern stellen Austausch, Mehrsprachigkeit und Multikulturalität ins Zentrum ihrer Erzählungen.
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