Krabat (2008)

Fantasy | Deutschland 2008 | 120 Minuten

Regie: Marco Kreuzpaintner

Aufwändige Adaption von Otfried Preußlers Jugendbuch von 1971, in der ein Waisenjunge in der vom Dreißigjährigen Krieg verwüsteten Oberlausitz in einer unheimlichen Mühle in den Sog eines diabolischen Paktes gerät. Dem Fantasy-Film gelingt es zwar nicht recht, die Verführungskraft der Magie (tricktechnisch) umzusetzen, aber dank seines stimmigen Setdesigns, beachtlicher Darsteller, facettenreicher Musik und der Konzentration auf die Spannungen zwischen den in den fatalen Pakt verwickelten Figuren verdichtet er seine gruselige Geschichte doch zu einem atmosphärischen Kinoabenteuer. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2008
Regie
Marco Kreuzpaintner
Buch
Michael Gutmann · Marco Kreuzpaintner
Kamera
Daniel Gottschalk
Musik
Annette Focks
Schnitt
Hansjörg Weissbrich
Darsteller
David Kross (Krabat) · Daniel Brühl (Tonda) · Christian Redl (Meister) · Robert Stadlober (Lyschko) · Paula Kalenberg (Kantorka)
Länge
120 Minuten
Kinostart
30.09.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Fantasy | Literaturverfilmung

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs und des Kameramanns. Die BD/DVD enthält eine deutsche Audiodeskription für Sehbehinderte. Die Special Edition (2 DVDs) und die BD enthalten zudem u.a. noch ein kommentiertes Feature mit 23 im Film nicht verwendeten Szenen (41 Min.).

Verleih DVD
Fox (16:9, 2.35:1, DD5.1 dt.)
Verleih Blu-ray
Fox (16:9, 2.35:1, dts-HD dt.)
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Diskussion
Raben krächzen, das Mühlrad steht still – ein Grab muss geschaufelt werden im Koselbruch. Und jener, der mitten im Winter aus Eis und Erde die Grube aushebt, weiß, dass sein eigener Körper bald darin liegen könnte. Das Szenario zeigt: „Krabat“, die Adaption von Otfried Preußlers 1971 erschienenem Jugendroman, passt nicht in die Kategorie des „Family Entertainment“, denn für Zuschauer unterhalb des Teenager-Alters ist die Geschichte zu düster und morbide. Der Film, der lange Jahre nach der wunderschönen tschechischen Animations-Fassung von Karel Zeman (fd 22066) die Abenteuer des Waisenjungen Krabat auch als Realfilm auf die Leinwand bringt, ist vielmehr veritable Fantasy. Und als solche in der deutschen Filmlandschaft, die das Genre seit der Stummfilmzeit sehr stiefmütterlich behandelt, an sich schon eine Rarität, eine Pionierleistung. Das Wagnis, das die Produzenten damit eingegangen sind, hat sich gelohnt: Trotz einiger Schwächen ist ihr „Krabat“ eine spannende, atmosphärische Fabel, die im Umgang mit der Vorlage eigene Akzente setzt und schaurig-schön eine dunkle Zeit heraufbeschwört, in der zwar das Wünschen nicht mehr hilft und magische Kräfte nur um einen fatalen Preis zu haben sind, in der aber Liebe und Solidarität doch noch stärker sein können als die Macht des Bösen. Den Rahmen der Geschichte bildet der vom Dreißigjährigen Krieg und der Pest heimgesuchte Nordosten Deutschlands. Hier versucht Krabat, in einer tristen winterlichen Landschaft irgendwie zu überleben – bis er eines Nachts ein seltsames „Berufungserlebnis“ hat, das ihn in eine verrufene Mühle führt. Der Müllermeister sieht zwar unheimlich aus, aber er bietet Nahrung und einen warmen Platz zum Schlafen. Also lässt der Junge sich als Lehrling anstellen und nimmt die harte Arbeit neben elf anderen Gesellen auf, die ihm mit Ausnahme des Vorarbeiters Tonda keineswegs freundlich begegnen. Bald häufen sich die Anzeichen, dass es bei dem Ausbildungsvertrag mit dem Meister nicht nur ums Müllerhandwerk geht, sondern um das Erlernen schwarzer Magie. Je tiefer Krabat in die Geheimnisse der Bruderschaft auf der Mühle eingeführt wird, umso mehr profitiert er von der Aufnahme in die Gemeinschaft und den neuen magischen Fähigkeiten. Doch dem Jungen wird auch immer klarer, dass der Pakt mit den dunklen Mächten zum Jahresende regelmäßig ein Menschenleben kostet. Als er sich in ein Mädchen aus dem nahen Dorf verliebt, bringt ihn das in große Gefahr – und eröffnet doch auch eine Chance, der Mühle und dem Meister zu entkommen. In der Kinoadaption des Romans, der seinen Sagenstoff zu einem faszinierenden Panorama zwischen Schwank, Parabel und schauerromantischem Märchen ausarbeitet, fallen zwangsläufig einige der Faktoren weg, die den Reiz der Vorlage ausmachen. So wird die Bildwelt, die im Roman eine wichtige Rolle spielt – christliche liturgische Formen, volksfromme Riten, abergläubisch-heidnische Zeichen – in ihrer Bedeutung für das Geschehen eingeschränkt (wohl im Wissen darum, dass diese Symbolsprache dem jungen Publikum weitgehend fremd ist), und auch das sehr spezifische Lokalkolorit der Oberlausitz wird gedämpft. Außerdem verzichtet die Filmversion weitgehend darauf, die Faszination jener magischen Kräfte anschaulich zu machen, die sich Krabat durch das Studium der „Schwarzen Kunst“ eröffnen. Die schwankhaften Elemente des Romans, die waghalsige Streiche, kühne Abenteuerfahrten oder kuriose Begegnungen schildern und in denen die Magie gewitzt zum Einsatz gebracht wird, bleiben ausgespart (etwa die Treffen mit dem Trickster-Zauberer Pumphutt) oder werden reduziert. Stattdessen konzentriert sich der Film darauf, die düster-klaustrophobische Atmosphäre in der Mühle zu vergegenwärtigen und die Spannungen, das Misstrauen und die Eifersucht, aber auch die zögerlichen Annäherungen unter den Gesellen herauszuarbeiten. Das trägt zur Dichte des Films bei, verkürzt aber zugleich einen zentralen Aspekt des Romans, die Verführungskraft, die die (von der Magie verliehene) Macht auf Krabat ausübt. Anziehend wirkt die „Schwarze Kunst“ in diesem Film in der Tat nicht. Was an magischen Kabinettstückchen noch vorhanden ist, verlangt eher, dass man ein Auge zudrückt und keine Hollywood-Maßstäbe anlegt. Den Sequenzen, in denen sich die Zauberschüler in Raben verwandeln und über Land fliegen, sieht man ihre virtuelle Herkunft allzu deutlich an, und eine „Actionsequenz“, in der es mit magisch verstärkten Kräften einen Trupp marodierender Söldner aus dem Dorf zu vertreiben gilt, gehört zu den schwächsten des Films. Dafür besticht die Inszenierung durch eindrückliche Figuren, deren Erscheinungsbild sich angenehm von der glatten Hollywood-Schönheit etwa der „Narnia“-Helden abhebt. David Kroß als Krabat und die anderen Gesellen der Teufelsmühle sowie Christian Redl als diabolischer Meister geben einen pittoresken Haufen ramponierter Charakterköpfe ab und helfen mit, dass der Film bei aller Fantastik rau-authentisch wirkt. Man kann den Schmerz von den Schwielen an den Fingern, die nasse Kälte des Wetters oder den allgegenwärtigen Schmutz und die kargen Lebensumstände gut nachfühlen, ebenso wie das wachsende Unbehagen und die Todesangst, die sich unter den Zwölfen breit machen, wenn der Winter naht. Das ist allemal genug, um sich auf Spielfilmlänge in Krabats düstere, gruselige Welt bannen zu lassen.

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