Abenteuerfilm | Großbritannien 2017 | 102 Minuten

Regie: James Marsh

Ende 1968 nimmt der englische Amateursegler Donald Crowhurst trotz mangelnder nautischer Erfahrung und mit einem noch unfertigen Boot an einem Einhand-Rennen rund um die Welt teil, weil er mit dem Preisgeld seine Firma retten will. Da ihm schon bald ernste Probleme zu schaffen machen, schwant ihm, dass er die weite Strecke nicht bewältigen kann, lässt die Öffentlichkeit darüber aber im Unklaren. Das packende Drama spürt den Motiven der Hauptfigur nach, vermag deren Abgründe aber nicht auszuleuchten. Am Rande geht es auch um die Rolle der Medien, die das Ereignis ohne Kenntnis der Fakten aufbauschten und damit erst zum Fall Crowhurst machten.

Filmdaten

Originaltitel
THE MERCY
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2017
Regie
James Marsh
Buch
Scott Z. Burns
Kamera
Eric Gautier
Schnitt
Jinx Godfrey · Joan Sobel
Darsteller
Colin Firth (Donald Crowhurst) · Rachel Weisz (Clare Crowhurst) · David Thewlis (Rodney Hallworth) · Ken Stott (Stanley Best) · Jonathan Bailey (Wheeler)
Länge
102 Minuten
Kinostart
29.03.2018
Fsk
ab 6; f
Genre
Abenteuerfilm | Biopic | Historienfilm
Diskussion
Es gibt wohl nur wenige Situationen, die im Kino wie im Leben eine größere Angst auslösen als die Handlungsprämisse von „Vor uns das Meer“: ein Mann allein auf einem seeuntüchtigen Segelboot mitten im Atlantischen Ozean, hilflos den Naturgewalten und der tosenden See ausgeliefert. Eine Ahnung von der Existenzangst und Verzweiflung, die den Helden des Films heimsucht, vermittelte jüngst J.C. Chandor mit „All is Lost“ (fd 42 127). Robert Redford spielte darin einen Segler, der im Indischen Ozean mit seiner Yacht mit einem Container kollidierte und ganz allein auf sich gestellt in Seenot geriet. Ein nervenaufreibend spannendes Drama, das, vielleicht sogar im Sinne von Herman Melville, von der Herausforderung des modernen Menschen handelt, sich in einem archaisch anmutenden Konflikt mit der Natur zu behaupten. Der Mensch kann nicht alles beherrschen; die ganze Tragik des von Redford verkörperten Seglers liegt darin, dass ihn keinerlei Schuld trifft. Das ist in „Vor uns das Meer“ anders. Der Amateursegler Donald Crowhurst, auf dessen authentischem Schicksal der Film beruht, hätte gar nicht losfahren dürfen; er war zu unerfahren und nur mangelhaft unvorbereitet. Der Film von Regisseur James Marsh, der schon mit „Man on Wire“ (fd 39 095) menschliche Grenzerfahrungen auslotete, beginnt im Jahr 1968 im englischen Küstenort Teignmouth. Crowhurst lebt hier mit einer schönen Frau und vier Kindern. Er hat ein Peilfunkgerät für die Navigation in der Privatschifffahrt erfunden. Doch das Gerät verkauft sich schlecht, die Firma steht kurz vor dem Ruin. In dieser Zeit ruft die Tageszeitung „Sunday Times“ das „Golden Globe Race“ aus, bei dem Einhand-Segler die Welt nonstop umrunden sollen. Start: zwischen dem 1. Juni und dem 31. Oktober. Dem Gewinner winken 5000 Pfund. Crowhurst leiht sich Geld von einem Unternehmer, beauftragt zwei Werften mit dem Bau des Trimarans namens „Teignmouth Electron“ und engagiert einen ehemaligen Polizeireporter als PR-Berater. Doch dann beginnen die Probleme: Das Boot wird nicht rechtzeitig fertig, das Geld geht aus, mehrmals muss Crowhurst den Starttermin verschieben, bis er als letzter von neun Teilnehmern am 31.Oktober 1968 endlich in See sticht. Doch das Boot ist nicht so schnell wie erhofft, mehrere Lecks in den Bootsrümpfen bremsen die reibungslose Fahrt, es fehlt ein Kenterschutz. Crowhurst ahnt, dass er keine Chance hat, die weite Strecke zurückzulegen, geschweige denn Kap Hoorn zu umrunden. Aber das muss ja niemand erfahren. In der Originalversion heißt der Film „Mercy“. Es geht also um Gnade und Erlösung. Crowhurst steckt in einem moralischen Konflikt, der ihn zu zerreißen droht. Zuviel steht auf dem Spiel, sein Ansehen, seine Existenz, sein Haus, vor allem aber seine Familie. Crowhurst hat ein ruinöses Lügengebäude errichtet, aus dem es keinen Ausweg und erst recht keine Rückkehr gibt. Die Inszenierung konzentriert sich vor allem auf dieses mentale Dilemma; das körperliche Leiden auf See ist dem Film nur wenige Szenen wert. Während „All is Lost“ sich auf das praktische Überleben fokussierte, mit Robert Redford als erfahrenem Seemann, der für jedes Problem eine Lösung weiß, geht Colin Firth mit Krawatte an Bord, so als müsse er einen guten Eindruck machen. Man fragt sich unwillkürlich, warum Crowhurst überhaupt losgefahren ist: Abenteuerlust? Selbstüberschätzung? Ruhmsucht? Geldnot? „Ich gehe, weil ich keinen Frieden habe, wenn ich bleibe“, sagt er einmal und weiß dabei seine Frau, die von Rachel Weisz als liebe- und verständnisvolle Partnerin dargestellt wird, auf seiner Seite. Vielleicht ist es dieses Getriebensein, das Crowhursts dunkle Seite definiert, die ihn fast in den Wahnsinn treibt. Allerdings gelingt es Colin Firth mit bravem und steifem Spiel kaum, die Abgründe der Figur prägnant auszuloten. Eine große Rolle spielen auch die Medien: Rodney Hallworth, der PR-Berater, bauscht jede halbwegs gute Nachricht zur Sensation aus. Ohne genaue Kenntnis der Umstände ist er stets bereit, Rekorde zu vermelden und Fakten auszuschmücken. Plötzlich ist Donald Crowhurst eine landesweite Berühmtheit. Damit ist sein Schicksal besiegelt.
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