Filmessay | Schweiz/Frankreich 2018 | 85 Minuten

Regie: Jean-Luc Godard

Filmessay von Jean-Luc Godard, das mit den avanciertesten filmischen Mitteln assoziativ über die Menschheit und das Kino, den Zustand der Welt und die lebenslange Beschäftigung des Regisseurs mit Bildern reflektiert. Das digital verfremdete Material aus der Filmgeschichte, von Youtube oder simplen Handyaufnahmen wird mit Fragmenten aus Literatur, Film und Kunst zu einem mäandernden Bewusstseinsstrom verschmolzen, der zu vielfältigsten Überlegungen Anlass gibt und auch durch seine stereophonische Gestaltung formal begeistert. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LE LIVRE D'IMAGE
Produktionsland
Schweiz/Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Jean-Luc Godard
Buch
Jean-Luc Godard
Kamera
Fabrice Aragno
Schnitt
Jean-Luc Godard
Länge
85 Minuten
Kinostart
04.04.2019
Fsk
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Filmessay

Heimkino

Die DVD-Ausgabe umfasst ein Booklet mit einem Interview mit Jean-Luc Godard zum Film.

Verleih DVD
absolutMEDIEN
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Diskussion

Filmessay von Jean-Luc Godard, das mit den avanciertesten filmischen Mitteln assoziativ über die Menschheit und das Kino, den Zustand der Welt und die lebenslange Beschäftigung des Regisseurs mit Bildern reflektiert.

 

Das erste Bild in „Le livre d’image“, so der Originaltitel von Jean-Luc Godards jüngstem Werk, zeigt einen erhobenen Zeigefinger. Achtung!, könnte das heißen, passt auf, was jetzt kommt und macht euch Gedanken. Die letzten Bilder zeigen hingegen ekstatisch tanzende Paare in einem Pariser Salon. Ein Monsieur im Zylinder bricht auf der Tanzfläche zusammen. Cineasten freuen sich, wenn sie erkennen, dass es sich um eine Szene aus Max Ophüls’ Episodenfilm „Pläsier“ (1951) handelt. Doch darum geht es nicht.

Es geht in „Bildbuch“ nicht um die Geschichte des Kinos, obwohl Godard die meisten Bilder hier aus der Filmgeschichte holt, ohne sie konkret zu identifizieren. Filmausschnitte, assoziativ montiert mit Youtube-Clips, Online-Videos oder Aufnahmen mit dem Mobiltelefon können Gedanken freisetzten, wenn man als Zuschauer bereit ist, sich treiben zu lassen durch eine Bildercollage mit Fragmenten aus Literatur, Kunst und Film. Jean Vigo, Nicholas Ray, Max Ophüls, Charlie Chaplin, Buster Keaton, Dziga Vertov, Victor Hugo, Bertolt Brecht, Arthur Rimbaud, Johann Wolfgang von Goethe, Honoré de Balzac...

Ein Palimpset der Filmgeschichte

Man kann „Bildbuch“ unschwer als Palimpsest begreifen. Wie ein altes Pergamentschriftstück, von dem in der Antike der ursprüngliche Text abgeschabt wurde, um neu beschriftet zu werden, ruft der Film immerwährende Schichten von Ideen, Bildern, Gefühlen, die nicht gelöscht sind, aus dem Gedächtnis auf und stellt eine unendliche Kette von Bedeutungen her. Es geht in diesem Film um alles, um die Umwelt und ihre fortschreitende Zerstörung, um Unrecht, Krieg, Liebe und Freiheit, und um die einseitige westliche Sicht auf den Orient. So illustriert Godard ironisch Albert Cosserys Parabel vom machthungrigen Scheich Ben Kladen im Köngreich Dofa, dem einzigen Golfstaat, der kein Öl produziert.

Für alles gibt es Bilder, die Godard mit zitternder Stimme kommentiert; in der deutschen Fassung sogar in Deutsch. Über Bilder, die Hände bei der Arbeit am Schneidetisch zeigen und schreibende Hände, hört man ihn mit starkem französischem Akzent sagen: „Das sind die fünf Finger, die fünf Sinne, die fünf Erdteile. Die fünf Finger formen die Hand. Und mit der Hand zu denken, ist die wahre Bestimmung des Menschen.“

„Ich bin gegen Untertitel“, sagt Godard, „weil man keine Zeit hat, sich das Bild anzusehen, auch wenn es interessant wäre. So wird jeder Film mit Untertiteln versehen, weil die Bilder nicht interessant genug sind. Es steht immer die Geschichte im Vordergrund. Dann liest man den Text, aber wenn der Text und das Bild gleichzeitig interessant sind, ist das unbefriedigend. Ich war schon immer für synchronisierte Fassungen. Doch es wird fast nie gut gemacht.“

Der Ton emanzipiert sich vom Bild

In „Bildbuch“ ist es aber nur die Stimme Godards, die deutsch spricht. Die anderen Kommentarstimmen sind in dieser „deutschen“ Fassung im Original geblieben und werden untertitelt. Der Ton spielt in „Le livre d’image“ eine ganz besondere Rolle. Godard will ihn nicht mehr als bloßen Begleiter des Bildes hören, er gibt ihm einen eigenen Stellenwert. Der Mehrkanalton schießt stereophonische Effekte in den Raum, die sich vom Bild befreit haben. Das bedeutet aber, dass nur Kinos mit einer Dolby 7.1-Anlage das so projezieren können, wie Godard sich das ausgedacht hat.

„Die perfekte Projektion für mich wäre“, bemerkte Godard bei seinem Pressetelefonat in Cannes, „man sieht in einem Café den stummen Film, der Ton kommt von Lautsprechern links und rechts im Raum, und der Gast nimmt plötzlich wahr, dass beides zusammengehört.“

Kein Happy End

Trotz des erhobenen Zeigefingers hat „Le livre d’image“ auch etwas Spielerisches. Mit sichtlichem Vergnügen montiert Godard beispielsweise Szenen aus der Filmgeschichte, die mit Zügen zu tun haben, um am Ende dann doch wieder zu dem Zug zu kommen, der nach Auschwitz fährt. Der Schrecken und das Vergnügen. Kein Happy End.

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