Loro - Die Verführten

Biopic | Italien/Frankreich 2018 | 157 Minuten

Regie: Paolo Sorrentino

Ein windiger Zuhälter setzt in den 1990er-Jahren alles daran, die Aufmerksamkeit von Silvio Berlusconi zu gewinnen, und glaubt sich am Ziel, als er in der berüchtigten Villa des Politikers auf Sardinien eine der „Bunga-Bunga-Partys“ organisieren darf. Die auf einen überlangen Film gekürzte, ursprünglich zweiteilige Gesellschaftssatire entfaltet eine kollektive Fantasie sexualisierter Unterwerfung, in der die Würde gegen soziale Aufstiegsfantasien getauscht wird. Die kritische Distanz zum populistischen Fantasma wird allerdings höchstens dialogisch spürbar, weil sich die opulente Inszenierung in rauschhafter Exzessivität verliert. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LORO
Produktionsland
Italien/Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Paolo Sorrentino
Buch
Paolo Sorrentino · Umberto Contarello
Kamera
Luca Bigazzi
Musik
Lele Marchitelli
Schnitt
Cristiano Travaglioli
Darsteller
Toni Servillo (Silvio Berlusconi / Ennio Doris) · Elena Sofia Ricci (Veronica Lario) · Riccardo Scamarcio (Serfio Morra) · Kasia Smutniak (Kira) · Euridice Axen (Tamara)
Länge
157 Minuten
Kinostart
15.11.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Biopic | Tragikomödie
Diskussion

Auf einen überlangen Film gekürzte, ursprünglich zweiteilige Gesellschaftssatire des Italieners Paolo Sorrentino, die sich opulent dem Leben von Silvio Berlusconi annähert. Durch die rauschhafte Exzessivität wird die kritische Distanz allerdings nur ansatzweise spürbar.

Auf der Suche nach Schönheit lotet der italienische Regisseur Paolo Sorrentino in seinen Gesellschaftssatiren Momente zwischen Ironie und Pathos, Profanem und Sakralem aus. Immer wieder hat er sich dabei an der Oberschicht Italiens abgearbeitet, am Klerus („The Young Pope“), an den Intellektuellen (La Grande Bellezza“), aber auch an wichtigen Politikern wie dem Ministerpräsidenten Giulio Andreotti („Il Divo“).

Die Ära Berlusconi in Szene zu setzen, erweist sich jedoch als besondere Herausforderung für Sorrentinos filmischen Stil, denn es geht um weit mehr als nur darum, das Porträt eines mächtigen Mannes zu entwerfen. Gibt es im Populismus noch Augenblicke, in denen das Vulgäre zu einer ästhetischen Erfahrung werden kann und sich damit der Reflexion und der Kritik öffnet?

Sorrentino blickt nicht von außen auf das Politische, sondern entwirft Berlusconi über die Inszenierung einer kollektiven Fantasie. In diesem „Italian Dream“, der von sexualisierten Ermächtigungsfantasien durchzogen ist, begeben sich die Protagonisten auf die Suche nach „ihm“, als Verkörperung von Reichtum, Aufstieg und sexueller Omnipotenz.

Von der Peripherie des verarmten Apuliens kämpft sich ein windiger Zuhälter namens Sergio Morra (Riccardo Scamarcio) ins Zentrum der Herrschaft nach Rom und schließlich in die Nähe der berüchtigten Berlusconi-Villa auf Sardinien. Über die Anwerbung von Prostituierten versucht er gemeinsam mit seiner berechnenden Ehefrau, Berlusconis Aufmerksamkeit zu gewinnen, die zu lukrativen Posten in Politik und Wirtschaft führen könnte. So vergeht in „Loro“ fast eine ganze Stunde, bevor „er“ überhaupt in Erscheinung tritt.

Verführung durch Game-Shows und Miss-Wahlen

Das italienische Wort „loro“ bezeichnet „sie“, die anderen, die sich verführen lassen. Diese Fokusverschiebung auf die affektiven Dynamiken der Gesellschaft eröffnet dem Film andere Möglichkeiten der Inszenierung von politischer Korruption und sozialer Kälte. Lange bevor Donald Trump mit seinen Reality-TV-Shows die mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, kontrollierte Berlusconi in den 1990er-Jahren fast die gesamte italienische Fernsehlandschaft und prägte so auch einen neuen Regierungsstil, der die klassische Parteiendemokratie durch eine Form der Telekratie ersetzte.

Sorrentino setzt bei den Bildern der stupiden Gameshows und Miss-Wahlen an, um die Zuschauer in kollektive Begehrenszusammenhänge der italienischen Gesellschaft eintauchen zu lassen. Das bedeutet vor allem eine permanente Sexualisierung, die schwer zu ertragen ist, da sie im Laufe des ganzen Films nie kritisch gebrochen wird. Die schönen jungen Frauen im Fernsehen machen sich selbst zum Objekt und werden gleichzeitig immer wieder von Sorrentino zur Schau gestellt, ohne dass es darin mehr zu sehen gäbe als nackte Haut. Zumindest zeigt der Film, dass die Lust an der Unterwerfung auch mit dem Wunsch nach Teilhabe an der Macht verbunden ist. Frauen wie Männer tauschen ihre Würde gegen soziale Aufstiegsfantasien, die ein narzisstisches Genießen versprechen, wie es der reichste Mann Italiens seinen Bürgern vorlebt.

Der Übergang zwischen Fernsehen und Realität erscheint dabei im Film oft unmarkiert: Auch auf den berüchtigten „Bunga-Bunga-Partys“ performen die Körper eine Ekstase, die immer schon am voyeuristischen Blick der Kamera orientiert ist.

Berlusconi selbst wird von Toni Servillo mit Charme und einem Übermaß an Make-Up als alternder Mann dargestellt, der durchaus nicht immer unsympathisch erscheint. Im zweiten Erzählstrang des Films beschäftigt sich Sorrentino fast ausschließlich mit dem gescheiterten Eheleben Berlusconis, dessen Frau Veronica (Elena Sofia Ricci) nur noch Zurückweisung für ihren Mann übrighat, obwohl sie die Vorteile der finanziellen Absicherung nicht missen möchte. Auch hier wirkt der erzählerische Zugang problematisch, denn der Film schwelgt zu sehr in verträumten Sequenzen, die Berlusconi als eine Art Märchenonkel ins Bild setzen.

Über weite Teile fehlen kritische Momente

In einer der wenigen pointierten Szenen ruft er mitten in der Nacht eine zufällig ausgewählte Frau aus dem Telefonbuch an, um ihr eine imaginäre neue Wohnung zu verkaufen. Genau wie Donald Trump ist Berlusconi durch Immobilien reich geworden, bevor er über das Fernsehen zur Politik kam. Er ist ein Verkäufer, der bei seinen Adressaten gezielt auf der Ebene der Affekte ansetzt, um zu profitieren. Ein solcher Dialog erzählt viel mehr über die Wirkungsweisen des Populismus als das Ausstellen von Körpern und vulgären Bildern, doch „Loro“ fehlen über weite Teile gerade diese kritischen Momente, an denen sich die Wahrnehmung und der endlose Fernseh-Flow bricht. Wo „Il Divo“ noch mittels grotesker Elemente das Innen der politischen Eliten nach Außen kehrte, bietet „Loro“ überhaupt kein Außen mehr und somit für den Zuschauer auch keine intrinsischen Momente der Reflexion, außer vielleicht als Reaktion auf den Ekel, der einen doch irgendwann überkommt.

Im Hässlichen lassen sich durchaus ästhetische Momente finden; das hat Sorrentino in seinen Filmen oft eindrucksvoll bewiesen. Was hier stört, ist nicht das Abstoßende der Darstellung, sondern die Erfahrungslosigkeit des Populismus selbst, die sich nicht einfach bruchlos ästhetisieren lässt. Die ungerahmten Exzesse, die im Namen der „Forza Italia“ ausgelebt werden, zeigen völlig selbstbezogene Menschen, die sich in ihren obszönen Fantasien verlieren. Nur fragt man sich, ob ein Film sich wirklich so weit an sie schmiegen kann, wenn er kritisch bleiben will.

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