Männerfreundschaften

Experimentalfilm | Deutschland 2018 | 90 Minuten

Regie: Rosa von Praunheim

Unterhaltsame Recherche über homosexuelle Beziehungen und Untertöne zur Zeit der Weimarer Klassik bei Goethe, Schiller & Co. Was als kokett-frivoler Genre-Mix aus literaturgeschichtlichen Anekdoten, „queeren“ Textinterpretationen und Reenactments beginnt, wandelt sich zu einer erstaunlich vielschichtigen, differenzierten Untersuchung, die der empfindsamen Versprachlichung von Emotionen auch auf dem Feld der Freundschaft, Zuneigung und Liebe zwischen Männern nachspürt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Rosa von Praunheim
Buch
Rosa von Praunheim · Valentina Schütz
Kamera
Patrick Richter
Musik
Andreas M. Wolter
Schnitt
Mike Shephard
Darsteller
Matthias Luckey (Johann Wolfgang von Goethe & Mephisto) · Valentin Schmehl (Herzog Emil August u.a.) · Thomas Linz (August von Platen & Philipp Seidel) · Tobias Schormann (Friedrich Schiller) · Sybille Enders (Adele Schopenhauer & Hofdame)
Länge
90 Minuten
Kinostart
13.12.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Experimentalfilm | Filmessay
Diskussion

Unterhaltsame Recherche über homosexuelle Beziehungen und Untertöne zur Zeit der Weimarer Klassik bei Goethe, Schiller & Co.

Am Anfang war ein Buch. Zu seinem eigenen Erstaunen brauchte es den Anstoß der Lektüre von „Warm Brothers“, einer Studie des US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers Robert Tobin über das Thema „Queer Theory and the Age of Goethe“, um Rosa von Praunheim überhaupt zu einem Film über „Männerfreundschaften“ zu Zeiten der Weimarer Klassik zu inspirieren. Die unzähligen Frauengeschichten Goethes und die zweifellos behauptete Heterosexualität der Weimarer Klassiker hatten ihn zuvor stets gelangweilt.

Was dann aber folgt, ist eine kokett-frivole Mischung aus literaturgeschichtlichen Anekdoten, Klatschgeschichten, Textinterpretationen, Vermutungen und „queeren“ Re-Enactments von Schauspielern, die in historischen Kostümen das aktuelle Weimar bevölkern. Eines darf bei dieser Recherche allerdings als ausgemacht gelten, wie es Matthias Luckey, der Goethe-Darsteller, gleich zu Beginn feststellt: „Schwul wird’s werden!“ 

Was bedeutet eine „queere“ Perspektive für Faust & Mephisto?

Ebenfalls zu Beginn taucht die Frage auf: Ändern sich die Texte von Goethe, Schiller, Kleist & Co., wenn man nachweisen könnte, dass sie schwul waren oder zumindest über homosexuelle Erfahrungen verfügten? Rückt aus einer queeren Perspektive auf „Faust“ das Verhältnis von Faust und Mephisto ins Zentrum der Interpretation? Hat Mephisto „schwule Tendenzen“? Dass dies zumindest für den burlesken Schluss von „Faust II“ in Betracht käme, wenn Mephisto beim Anblick der Engel so begehrlich wird, dass die Wette um Fausts Seele kaum noch Bedeutung hat, würde sich durchaus nahelegen. Aber sagt das etwas über die sexuellen Präferenzen des Autors aus? Oder doch eher etwas über diejenigen von der Figur Mephisto?

In der Folge weitet von Praunheim den Blick von der Literatur aufs Soziale und erinnert an die Hygiene-Verhältnisse um 1800, an Zahnausfall, Mund- und andere Gerüche. Goethes Fürst Carl-August war nicht nur einige Jahre jünger als der Olympier, sondern auch außerordentlich lebenslustig. Ausgestattet mit den Privilegien des Adels, setzte er Dutzende uneheliche Kinder in die Welt.

Die beiden Vertrauten am Weimarer Hof pflegten zwar eine intensive Männerfreundschaft, allerdings scheint ein „Ausleben“ dieser Freundschaft eher unwahrscheinlich. Gleiches gilt in umgekehrter Richtung wohl auch für die Beziehung zwischen Goethe und seinem langjährigen Diener Seidel, die sogar in einem Zimmer nächtigten. Auch der passionierte Freundschaftskult jener Zeit, wie er etwa in dem skandalträchtigen Briefwechsel zwischen Gleim und Jacobi dokumentiert ist, muss historisch interpretiert werden und sollte nur mit größten Vorbehalten als Indiz queerer Praktiken dienen.

Augenzwinkerndes Spiel mit den Perspektiven

Strukturell etabliert der Film augenzwinkernd eine Spannung zwischen literarischen Funden oder sozialen Konstellationen, die aus heutiger Perspektive „homosexuelle Untertöne“ vermuten lassen, und seriösen Einschätzungen von Fachleuten, die diese „Untertöne“ durch ihre Einordnung in entsprechende Kontexte plausibel gleich wieder entkräften. Das ist insofern produktiv, weil die Zeit der Weimarer Klassik zugleich auch jene Zeit war, in der die „Diskurse der Empfindsamkeit“ (Nikolaus Wegmann) in der herrschenden Briefkultur experimentell ausgelotet und erkundet wurden.

Die Qualität der Versprachlichung von Emotionen stand ganz im Zeichen der bürgerlichen Revolution; sie konnte gegen die Konventionen der repräsentativen Öffentlichkeit des Adels ausgespielt werden, musste aber zugleich gegen die asoziale Selbstbezogenheit der übertriebenen „Empfindelei“ abgesichert werden. Auch Goethe wurde erst im Verlauf seiner Italienreise sämtlicher Spielarten der Liebe ansichtig und näherte sich ihnen mit dem Interesse des Naturforschers. Die Freundschaft zwischen ihm und Schiller war eher eine Feier der Idee der passionierten Männerfreundschaft.

Weil die komplementären Begriffe „Homo“- und „Heterosexualität“ erst Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt wurden, bewegt sich von Praunheim nur dann auf „sicherem“ Terrain, wenn er sich sozusagen bereits „verbürgten“ schwulen und lesbischen Personen nähert: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens, August von Platen, der von Heinrich Heine geoutet wurde, dem Begründer der Kunstgeschichte Johann Joachim Winckelmann oder dem wahrhaft flamboyanten „Feministen“ Herzog August Emil Leopold von Sachsen-Gotha und Altenburg, der Napoleon Bonaparte „in drag“, in Frauenkleidern, empfangen haben soll, aber auch zweimal verheiratet war.

Die Zuneigung und Liebe zwischen Männern

Am Schluss aktualisiert der Film widerstrebende Thesen, vorgetragen von dem Medizinhistoriker Florian Mildenberger und dem von Praunheims Projekt stets etwas skeptisch gegenüberstehenden Schauspieler Matthias Luckey. Einerseits gilt die Polemik einer Germanistik ohne Unterleib, die eifrig an einem Bild der Weimarer Klassik bastelte, das bestens zur weltoffenen „Goethe-Schiller-Bildungsrepublik-Deutschland“ passt und alles, was nicht der Norm entspricht, ausblendet. Andererseits wird es als Verdienst von Goethe und Schiller gewertet, dass die beiden nicht verleugnet haben, dass es Zuneigung und Liebe zwischen Männern immer gegeben hat und gibt. Selbst, wenn die Sache mit dem Sex ungeklärt bleiben muss. Unterm Strich die das ein erstaunlich vielschichtiges und differenziertes Resultat einer ziemlich informativen Recherche.

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