Drama | Schweiz/Deutschland 2017 | 80 Minuten

Regie: Christine Repond

Eine Frau aus gutgestellten Verhältnissen erfährt wenige Monate vor ihrem 35. Hochzeitstag, dass sie HIV-positiv ist. Nach gründlichen Nachforschungen muss sie sich der Tatsache stellen, dass sie sich beim Sex mit ihrem Mann angesteckt hat, und beginnt, ihrem Gatten heimlich nachzuspionieren. Das sorgfältig entworfene und beeindruckend gespielte Psychogramm einer Frau lotet den Schock der Erkrankung ebenso aus wie den Vertrauensbruch durch den Lebenspartner. Die ebenso nüchterne wie elegante Inszenierung setzt das Ringen des Paares um seine Beziehung und ihre Lebensumstände realitätsnah in Szene und bezieht auch den Umgang des bildungsbürgerlichen Milieus mit einer stigmatisierten Krankheit mit ein. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
VACUUM
Produktionsland
Schweiz/Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Christine Repond
Buch
Christine Repond · Silvia Wolkan
Kamera
Aline László
Schnitt
Ulrike Tortora
Darsteller
Barbara Auer (Meredith) · Robert Hunger-Bühler (André) · Oriana Schrage (Maya) · Anna-Katharina Müller (Irene) · Saladin Dellers (Rico)
Länge
80 Minuten
Kinostart
14.03.2019
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
Diskussion

Wenige Monate vor ihrem 35. Hochzeitstag erfährt eine Frau, dass sie HIV-positiv ist. Das so nüchtern wie elegant inszenierte Drama handelt von den Mechanismen einer langjährigen vertrauensvollen Partnerschaft und entwirft mit großer Sorgfalt das Psychogramm einer Frau aus einer gesellschaftlichen Schicht, die man allzu oft übersieht.

Einige Tage, nachdem sie Blut gespendet hat, wird Meredith (Barbara Auer) aufgefordert, nochmals beim medizinischen Dienst vorbeizuschauen. Sie nimmt diese Aufforderung zunächst gelassen. Es gibt auch keinen Grund, anders zu reagieren. Die zweifache Mutter und Großmutter ist 60 und seit über drei Jahrzehnten glücklich mit André (Robert Hunger-Bühler) verheiratet; das Ehepaar lebt in einem schicken Einfamilienhaus im Großraum von Zürich. André ist Architekt, Meredith kümmert sich um Haus, Garten und das Sozialleben des Paares; zusammen planen sie den in einigen Monaten anstehenden Hochzeitstag, der mit Familie, Verwandten und Freunden als großes Fest gefeiert werden soll.

Fast nebenbei, zwischen Gartenarbeiten, Großkinderhüten und dem Tennisspiel mit Freundinnen, fährt Meredith dann ein zweites Mal beim Blutspendenzentrum vorbei. Und kann nicht glauben, was der Arzt ihr eröffnet: dass ihr Blut HIV-positiv getestet wurde, und dass an der Diagnose kein Zweifel bestehe.

Pragmatischer Sex als intimes Eheband

Die Beiläufigkeit, mit der Christine Repond das inszeniert, spricht für die große Sorgfalt der Regie. Nur langsam sickert die Nachricht in Merediths Bewusstsein. Obwohl ihre Beziehung mit André gut ist und sie beiden noch immer regelmäßig Sex miteinander haben (auch für diese überaus stimmige, nicht kuschelig-romantische, sondern wohltuend pragmatisch als Bestandteil des Intimlebens eines Paares inszenierte Szene gebührt Repond großes Lob), vertraut Meredith sich nicht ihrem Mann an. Vielmehr durchforscht sie hinter seinem Rücken ihre und seine Krankheitsgeschichten, ruft in Arztpraxen und Spitälern an, um eine zufällige Ansteckung bei einer Routine-Operation auszuschließen. Später setzt sie sich mit ihren beiden Enkeln ins Auto und spioniert André nach, ohne auf das Gequengel der Kinder Rücksicht zu nehmen.

Dies ist die erschütterndste Szene des ganzen Films. Indem „Vakuum“ die Protagonistin vorübergehend in die für die Zuschauer zunächst völlig falsch wirkende Rolle einer Detektivin steckt, macht er schlagartig den Vertrauensbruch sichtbar, welcher die Beziehung der Eheleute erschüttert.

In dem folgenden Drama erweist sich vieles als äußerst schlimm, doch bei aller Heftigkeit, auch in den Momenten, in den Gefühlsbarrieren brechen und Menschen außer sich geraten, wird es nicht wüst und laut, sondern wahrt der Film eine Art Contenance.

Aus der Sicht der Frau

„Vakuum“ folgt dem weitgehend aus der Sicht der Frau erzählten Ringen eines Paares um seine Beziehung, einer Auseinandersetzung erwachsener Menschen mit sich, ihren plötzlich aus den Lot geratenen Gefühlen und, nachdem Meredith André vor die Tür gesetzt hat, auch mit nicht zuletzt gesundheitlich unverhofft anderen Lebensumständen.

„Vakuum“ ist nach „Silberwald“ (2011) der zweite lange Kinospielfilm der Schweizer Regisseurin Christine Repond, in dem sie sich mit einem in den Medien sträflich wenig aufgegriffenen Phänomen auseinandersetzt: dem Umstand, dass die HIV-Ansteckungen seit 2008 zwar rückläufig sind und 2017 einen neusten Tiefstand erreichten, die Ansteckung heterosexueller Frauen aber in 2 von 3 Fällen durch sexuelle Kontakte mit bekannten Partner erfolgt.

Mit Blick auf die Krankheit und den Umgang damit orientiert sich der Film an „authentischen Fällen“ aus der Schweizerischen Wirklichkeit. Merediths Kontaktaufnahme mit einer Selbsthilfegruppe ist so realistisch wie die Wirkung der Medikamente, die sie einnimmt, und der HIV-Spezialist wird von dem Zürcher HIV-Experten André Seidenberg gespielt.

Auch dass HIV-Infizierte in Kreisen, wo man eine solche Infektion am wenigsten vermuten würde, nämlich dem bürgerlichen Bildungsmilieu, am meisten stigmatisiert werden, dürfte durchaus der Wirklichkeit entsprechen. Hier setzt „Vakuum“ ein. Bei der schmerzhaften Leere und der unverhofft aufklaffenden Einsamkeit, die in die eine Frau gerät, wenn der Partner, mit dem man seit Jahren durch das gemeinsam aufgebaute Leben geht, plötzlich nicht mehr die Person des Vertrauens ist – und man gerade dies der Umgebung nicht mitteilen kann.

Elegant, nüchtern, sehr unmittelbar

Die Inszenierung ist elegant, gerade auch in Momenten, in denen die Gefühle außer Rand geraten, nüchtern, aber auch sehr unmittelbar. Getragen wird der Film von den beiden Hauptdarstellern, Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler, die auf der Höhe ihres Könnens tief beeindrucken. Vor allem Auer lässt sich auf die kompromisslose Inszenierung ein. Sie spielt körperlich, aber auch emotional und immer wieder an Grenzen gehend eine psychisch tief verletzte Frau, die letztlich aber doch entscheiden muss, ob sie diesem ihrem Mann, der zugleich ihr bester Freund und Vertrautet ist, verzeihen kann und mit ihm weiterhin durchs Leben gehen will.

„Vakuum“ wirkt auf den ersten Blick verhalten, entwickelt aber zunehmend einen subtilen Sog, weil der Film weit mehr als die Schilderung eines tragischen „Krankheitsfalls“ ist: das äußert sorgfältig entworfene Psychogramm einer Frau aus einer gesellschaftlichen Gruppet, die man – auch im Kino – zu oft übersieht.

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