Big Fish & Begonia: Zwei Welten - Ein Schicksal

Abenteuerfilm | China 2016 | 109 Minuten

Regie: Liang Xuan

Ein Jugendlicher stirbt, als er eine aus einer mystischen Unterwelt stammende junge Frau rettet. Selbstlos setzt sich das schuldig fühlende Mädchen dafür ein, den Toten in ihrer Welt wieder zum Leben zu erwecken, was fatale Folgen nach sich zieht. Der opulente gestaltete Animationsfilm verknüpft die erzählerischen und ästhetischen Traditionen japanischer Zeichentrickfilme mit chinesischer Mythologie und Philosophie. Die universelle Geschichte über eine bedingungslose Liebe fasziniert durch ihre fantasievollen Figuren und detaillierte Hintergrundzeichnungen. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
DAYU HAITANG
Produktionsland
China
Produktionsjahr
2016
Regie
Liang Xuan · Zhang Chun
Buch
Liang Xuan
Kamera
Liang Xuan
Musik
Kiyoshi Yoshida
Schnitt
Yiran Tu
Länge
109 Minuten
Kinostart
03.02.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Abenteuerfilm | Animationsfilm | Familienfilm | Fantasyfilm
Diskussion

Berauschender chinesischer Animationsfilm über ein Mädchen aus einer mythischen Unterwelt, das einen toten Menschenjungen in seinem Reich wieder zu Leben erweckt, was ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht.

Japanische Animationsfilme unterscheiden sich ästhetisch wie auch erzählerisch deutlich von westlichen Trickfilmen. Deshalb hat sich für sie eine eigene Bezeichnung eingebürgert: Animes. Auch der opulente Zeichentrickfilm „Big Fish & Begonia“ scheint auf den ersten Blick in diese Kategorie zu fallen, lehnt er sich doch eng an die Anime-Ästhetik an und sieht insbesondere den Filmen aus dem Studio Ghibli zum Verwechseln ähnlich. Tatsächlich aber stammt der Film aus China; er ahmt Animes aber keineswegs nur nach, sondern überträgt deren Charakteristika in die chinesische Kultur.

„Manche Fische können niemals gefangen werden, weil sie in den Himmel gehören“, hört man zu Beginn eine alte Frauenstimme aus dem Off. Es sind poetische Worte, die auf die Handlung einstimmen und nebenbei zugleich das bekannte Weltbild durcheinanderwirbeln. Während für die Menschen der Meeresgrund den tiefsten Punkt darstellt, ist dieser für die Bewohner der darunterliegenden Welt, für „die Anderen“, die weder Menschen noch Götter sind und die Seelen der Menschen beschützen, der Himmel.

Ein Leben für ein Leben

Auch Chun ist eine jener „Anderen“. Im Alter von 16 Jahren darf sie sich in Gestalt eines roten Delfins erstmals auf eine Reise in die Welt der Menschen begeben, die zugleich den Übergang vom Jugendalter ins Erwachsenenleben markiert. Dabei geschieht jedoch ein Unglück. Chun verheddert sich in einem Fangnetz, wird aber von dem jungen Kun gerettet – bevor der Jugendliche selbst in einen Strudel gezogen wird und ertrinkt. Chun ist zutiefst betrübt und fühlt sich schuldig. Mit Hilfe eines Seelenwächters gelingt es ihr, Kun entgegen der Regeln der „Anderen“ in Gestalt eines delfinähnlichen Tiers in ihrer Welt wiederauferstehen zu lassen. Doch auch dies hat seinen Preis: Chun muss dafür die Hälfte ihrer eigenen Lebensspanne opfern und stürzt überdies die Welt der Anderen ins Chaos.

Immer wieder geht es in „Big Fish & Begonia“ ums Geben und Nehmen, um Schuld und die Suche nach Vergebung, um Selbstlosigkeit und Liebe, das Leben und den Tod. Noch komplizierter werden die Verstrickungen durch den „Anderen“ Qiu, der in Chun verliebt ist und doch weiß, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben. Trotzdem hilft er Chun bei Kuns Rettung. Auch er ist bereit, für Chun ein Opfer zu bringen.

In den schönsten Momenten kann man den beeindruckend inszenierten Animationsfilm von Liang Xuan und Zhang Chun als Plädoyer für die bedingungslose Liebe interpretieren, der durch seine hypnotischen Bilder bisweilen fast religiöse oder philosophische Qualitäten besitzt. Damit weckt er Erinnerungen an Ang Lees „Life of Pi“, der ebenfalls durch seine Bildgestaltung die Grenzen zwischen Himmel und Erde aufgehoben hat und seinen Protagonisten auf einem kleinen Rettungsboot im weiten Ozean scheinbar im Himmel schweben ließ.

„Gut“ und „böse“ reichen nicht aus

Das fantastische Figurenpersonal, das sich nicht einfach in „gut“ und „böse“ unterteilen lässt und von einäugigen Seelenhändlern bis zu fliegenden Delfinen reicht, wirkt für westliche Augen so fremd wie faszinierend und lässt an „Chihiros Reise ins Zauberland“ denken. Der Vergleich mit dem japanischen Klassiker ist keineswegs überzogen. „Big Fish & Begonia“ fehlt zwar der ökologische Zugriff auf die Geschichte, der die Fantasy-Märchen von Hayao Miyazaki auszeichnet. Aber wie bei Miyazaki ist auch „Big Fish & Begonia“ tief in der Kultur und Mythologie seines chinesischen Herkunftslandes verwurzelt. Die Farbe Rot, in China ein Symbol für das Leben und das Glück, bestimmt den Look des Films, während die Handlung von einer klassischen taoistischen Geschichte inspiriert wurde.

Vor allem aber ist der über zwölf Jahre hinweg entstandene Film, der erst durch Crowdfunding vollendet werden konnte, ein Fest für die Sinne. In der Tradition japanischer Animes sind die Figuren einfach gehalten und flächig, die Hintergründe jedoch überaus detailliert. „Bigfish & Begonia“ lebt von den klaren Farben und den Kontrasten, von fantastischen Settings und dem sorgfältigen Einsatz der CGI-Effekte, die sich dem flächigen Zeichentrickstil unterordnen, vor allem aber vom Gespür seiner Regisseure für Stimmungen und Momente, in denen Bilder und Musik für sich sprechen. Liang Xuan und Zhang Chun kopieren Miyazaki nicht, sondern übertragen vieles von dem, was seine Filme ausmacht, auf die chinesische Kultur.

Fast zeitgleich mit „Have a nice day“ von Liu Jian taucht mit „Big Fish & Begonia“ eine zweite Trickfilmproduktion aus China im deutschen Kino auf – und stellt die chinesische Trickfilmszene mit einem sensationellen Knall vor.

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