Kirschblüten & Dämonen

Drama | Deutschland 2019 | 116 Minuten

Regie: Doris Dörrie

Fortsetzung der Tragikomödie „Kirschblüten – Hanami“, in der sich die drei erwachsenen Kinder zehn Jahre nach dem Tod ihrer Eltern erstmals deren materiellen wie emotionalen Hinterlassenschaften stellen. Im Zentrum steht der jüngste Sohn, der seine Depressionen in Alkohol ertränkt und nicht nur von Dämonen, sondern auch einer jungen Japanerin heimgesucht wird. Sie stößt ihn und mit ihm seine Geschwister auf verdrängte Familiengeheimnisse und vererbte Traumata. Der mitunter märchenhaft-poetische Film verbindet melancholische Schwere und komische Situationen zu einem waghalsigen Selbstfindungstrip, dessen erstaunliche Heterogenität Menschlich-Allzumenschliches mit der unverdauten Last mörderischer Historien zusammenbringt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Doris Dörrie
Buch
Doris Dörrie
Kamera
Hanno Lentz
Musik
Karsten Fundal
Schnitt
Frank Johannes Müller
Darsteller
Golo Euler (Karl) · Aya Irizuki (Yu) · Floriane Daniel (Emma) · Birgit Minichmayr (Karolin) · Felix Eitner (Klaus)
Länge
116 Minuten
Kinostart
07.03.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Highlight/Universal
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Fortsetzung der Tragikomödie „Kirschenblüten – Hanami“ von Doris Dörrie, in der sich die drei hinterbliebenen Kinder zehn Jahre nach dem Tod ihrer Eltern erstmals deren materiellen wie emotionalen Hinterlassenschaften stellen.

Diskussion

Fortsetzung der Tragikomödie „Kirschenblüten – Hanami“ von Doris Dörrie, in der sich die drei hinterbliebenen Kinder zehn Jahre nach dem Tod ihrer Eltern erstmals deren materiellen wie emotionalen Hinterlassenschaften stellen.

Die Sätze „Ich habe Angst“ und „Ich bin einsam“ fallen oft in Doris Dörries Fortsetzung von „Kirschblüten – Hanami“. Zehn Jahre liegen zwischen den beiden Filmen, und bis auf Maximilian Brückner, dessen Rolle Golo Euler übernommen hat, ist die Besetzung gleich geblieben. Statt der von Hannelore Elsner und Elmar Wepper gespielten Eltern stehen diesmal ihre drei Kinder im Mittelpunkt. Durch die Rückkehr des jüngsten Bruders Karl aus Japan kommen die Geschwister nicht um ein Wiedersehen herum, denn das Haus der verstorbenen Eltern im Allgäu ist immer noch nicht verkauft.

Karl hat seinen lukrativen Job bei einer Bank verloren und ertränkt seine Depressionen in Alkohol; er trauert seiner geschiedenen Frau und Tochter nach und hat auch keine Kraft mehr, das plötzliche Eindringen von Yu in sein Leben zu verhindern: Die junge, etwas exzentrische Japanerin hatte im ersten „Kirschblüten“-Teil seinen Vater durch Tokio geführt. Jetzt begleitet sie den Sohn, um dessen Zuneigung und Liebe sie mit allen Tricks buhlt, ins Elternhaus, das zunehmend von Gespenstern heimgesucht wird. Mal sieht Karl seine Eltern am Tisch streiten und über seine vermeintlich unmännlichen Schwächen schimpfen, mal taucht Yus tote Mutter in traditioneller japanischer Kleidung auf.

Hitler und Hirohito lassen grüßen

Als sich eines Abends sogar die Großväter dazugesellen, deren Uniformen ihre Zugehörigkeit zu den jeweiligen Diktaturen verraten, und die Elterngeneration in kindlich apathischer Scham versinkt, beginnt man zu verstehen, woher die emotionale Instabilität bei den Enkeln herrühren könnte, zumal nun auch verdrängte Geheimnisse, etwa der Klinikaufenthalt der selbstmordgefährdeten Mutter, wieder ins Bewusstsein drängen.

Auch wenn Karls Geschwister die geerbten Traumata offenbar mit Härte kompensiert haben – die Schwester vermeidet jede Empathie und sucht die größtmögliche Distanz zur Familie, der überangepasste Bruder findet sein Heil in den Versprechungen einer der AfD nachempfundenen nationalistischen Partei –, können auch sie sich nicht der Tragödie entziehen, als Karl im Vollrausch im Wald einschläft und durch die eisigen Temperaturen nicht nur seine Genitalien verliert, sondern auch ins Koma fällt. Doch nachdem ein unbekannter Dämon nachts an seinem Krankenbett ausharrt, wacht er tags darauf vor versammelter Sippe wieder auf, die nun von der Entscheidung befreit ist, die lebenserhaltenden Apparate abschalten zu lassen.

Nach einer zaghaften Annäherung gehen alle wieder ihre Wege; zu stark wirken die von Eifersucht und Überlegenheitsgefühlen geprägten Rollen aus der Kindheit nach. Nur von Yu fehlt jede Spur. Für Karl, der seine „Entmannung“ als Erleichterung zu empfinden beginnt und fortan mit Vorliebe einen weiblichen Kimono trägt, ist das Grund genug, um in Japan nach der seelenverwandten Freundin zu suchen und sich bei dieser Gelegenheit über die eigene Identität klar zu werden. Ein schwerer Weg, denn seine inneren Dämonen finden auch in der Fremde Möglichkeiten, ihn ins Reich der Toten zu locken.

Melancholie und Humor

Dass Doris Dörrie es bei aller existenziellen Schwere auch diesmal schafft, die tief melancholische, entlang wunderschöner Landschaftsaufnahmen und harter Realitätsbrüche getaktete Geschichte immer wieder durch komische Situationen aufzulockern, ist ein kleines Wunder, das sich auch den mehr als überzeugenden Schauspielern verdankt und der Bereitschaft, einen Blick auf die nicht immer angenehme Zerrissenheit der Figuren zu werfen.

Auch wenn man manche Wendung als allzu „poetisch“, wenn nicht gar märchenhaft überdehnt empfinden könnte, oder die kuriosen Bräuche in Deutschland und Japan als allzu kalkuliert in Analogie gesetzt, so inszeniert Dörrie die Generationen überdauernden Abgründe und die Trauer um das nicht gelebte Leben doch gekonnt als waghalsigen Trip zu sich selbst, warmherzig und präzise, monströs und schauerhaft, mit dramatischer Schutzhülle und doch zugleich verwurzelt in der zunehmend polarisierten deutschen Gesellschaft. Ein erstaunlich heterogener Mix, der Propaganda für das Menschliche macht und dabei perfekt auf der Klaviatur der Gefühle spielt.

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