Fantasy | Großbritannien 2019 | 360 (6 x 60) Minuten

Regie: Douglas Mackinnon

Eine Serienadaption des Fantasy-Romans "Ein gutes Omen" von Terry Pratchett und Neil Gaiman (1990), betreut von Neil Gaiman als Showrunner, der sich relativ eng an die Buchvorlage hält. Im Mittelpunkt stehen ein Engel und ein Dämon, die sich beide bequem in der moralischen Grauzone des Erdenlebens eingerichtet haben und entsprechend wenig begeistert sind, als der Antichrist geboren wird und die Apokalypse sowie ein epischer Kampf zwischen Gut und Böse bevorstehen. Gemeinsam versuchen sie, den drohenden Weltuntergang abzuwenden, was für sie und diverse andere Protagonisten zur chaotischen tour de force gerät. Die Serie übernimmt die relativ lose Struktur des Buchs, die mehr von der Lust am Kurios-Episodischen als von dramatischen Zuspitzungen lebt, und überzeugt durch ihr großartiges Darstellerensemble beneso wie durch ihr Gespür für Geimans und Pratchetts schrägen Humor.

Filmdaten

Originaltitel
GOOD OMENS
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2019
Regie
Douglas Mackinnon
Buch
Neil Gaiman
Kamera
Gavin Finney
Musik
David Arnold
Schnitt
William Oswald · Emma Oxley
Darsteller
David Tennant (Crowley) · Michael Sheen (Aziraphale) · Anna Maxwell Martin (Beelzebub) · Jon Hamm (Erzengel Gabriel) · Derek Jacobi (Metatron)
Länge
360 (6 x 60) Minuten
Kinostart
-
Genre
Fantasy | Serie
Diskussion

Nie war die Apokalypse chaotischer: Eine Serienadaption von Neil Geimans und Terry Pratchetts Fantasy-Roman, in dem ein Dämon und ein Engel gemeinsam versuchen, das Ende der Welt abzuwenden.

Sie kennen sich schon ewig: der Dämon Crowley (David Tennant) und der Engel Erziraphael (Michael Sheen). Seit damals, als Crowley Eva im Garten Eden zum Pflücken der verbotenen Frucht anstiftete und Erziraphael dem ersten Menschenpaar nach der Vertreibung sein Flammenschwert schenkte, aus Mitleid, damit es den Gefahren der Welt nicht wehrlos ausgeliefert sei. War das richtig, gemäß seiner gütigen Engelsnatur? Oder ein Regelverstoß gegen die Ordnung der himmlischen Obrigkeit? Und war Crowleys Verführungstat moralisch falsch, wie es sich für einen Dämon gehört? Oder am Ende gar richtig, denn wenn Gott gewollt hätte, dass niemand vom Baum der Erkenntnis isst, hätte er ihn auch auf einen fernen Berg statt mitten im Paradiesgarten pflanzen können? Solche heikle Fragen treiben die beiden auf die Erde abkommandierten übernatürlichen Wesen seit Anbeginn der Erde um. Mit der Schwarzweißmalerei ihrer Artgenossen in Himmel und Hölle haben sie es nicht so; beide tendieren eher zum Zweifeln und zu den moralischen Grauzonen, wie sie das irdische Leben und der Umgang mit Menschen mit sich bringen.

Hedonistische „Balance of Power“

Zu Beginn von Episode 3 der auf dem gleichnamigen Fantasy-Roman von Neil Gaiman und Terry Pratchett beruhenden Serie erfährt man in einem kleinen Exkurs, wie sich dieses „odd couple“ über die Jahrhunderte nähergekommen ist, etwa wie beide mit betretener Miene Zeugen der nahenden Sintflut und von Jesu Kreuzigung werden (so viel göttliche Rigorosität scheint ihnen gleichermaßen unverständlich) und wie sie schließlich bis ins 20. Jahrhundert hinein zu einer perfekten „balance of power“ finden: statt sich zu bekriegen, erfreuen sie sich lieber gemeinsam an den Annehmlichkeiten des Erdenlebens.

Doch dann droht das Ende dieses Dolce Vita – in Gestalt des Weltuntergangs. Der Antichrist ist geboren, und er wird, wenn er alt genug ist, die Apokalypse in Gang setzen. Sowohl die himmlischen als auch die höllischen Heerscharen finden das gut: endlich naht die große Endschlacht, auf die alle gewartet haben! Bis auf Crowley und Erziraphael, die gerne noch lange weiter warten würden und nun händeringend überlegen, ob sich die Apokalypse nicht doch noch sabotieren lässt.

Adaption mit Hindernissen

Es sah lange so aus, als ob es mit der filmischen Adaption des Romans nie etwas werden würde. Das Buch erschien 1990, und kein geringerer als Terry Gilliam trug sich mit dem Plan, es für die Leinwand zu verfilmen (angeblich mit Johnny Depp und Robin Williams in den Hauptrollen). Gilliam scheiterte aber genauso wie sein Ex-„Monty Python“-Gefährte Terry Jones, der an einer Fernsehverfilmung arbeitete. Nur in der US-Serie „Supernatural“, deren Showrunner Erik Kripke ein bekennender Gaiman-Verehrer ist, konnten Fans viele motivische Anspielungen auf die Endzeit-Satire finden, am explizitesten in der Figur eines Dämons namens Crowley. Dank Neil Gaiman hat es nun aber endlich auch mit der direkten Adaption geklappt. Der Schriftsteller fungiert als Showrunner der Serie „Good Omens“, und dementsprechend ist sie eine ziemlich getreue Umsetzung des Stoffs.

Lust am Kurios-Episodischen

Das heißt dann auch, dass die erzählerische Struktur keinen straffen Spannungsbogen schlägt, sondern genüsslich durch Rückblenden und Nebenstränge mäandert, immer mehr am Kurios-Episodischen als an der dramatischen Zuspitzung interessiert – ganz im Sinne des Romans mit seinen locker verknoteten Handlungsfäden und irrwitzigen Fußnoten. Dank diverser Missgeschicke, an denen unter anderem ein schlecht organisierter Orden satanischer Nonnen und ein Ehepaar aus dem beschaulichen südenglischen Örtchen Tadfield schuld sind, geht der Antichrist als Baby verloren; Crowley und Erziraphael haben alle Hände voll damit zu tun, den Jungen rechtzeitig wieder aufzuspüren, bevor er seine unselige Rolle spielen kann. Eine junge Hexe, die Nachfahrin einer irren Prophetin aus dem 17. Jahrhundert, und die letzten Überreste einer Hexenjäger-Armee sind ebenfalls von der nahenden Katastrophe alarmiert. Doch was können sie schon gegen die apokalyptischen Reiter ausrichten?

Diese unübersichtliche Gemengelage bereitet den Boden für Auftritte allerlei schräger Figuren, überstrahlt und zusammengehalten vom Dreamteam David Tennant und Martin Sheen, die den Hauptfiguren kongenial Leben einflößen, und von Regisseur Douglas MacKinnon mit viel Gespür für Gaimans Humor in Szene gesetzt. Statt dass die drohenden Apokalypse die Welt ins Chaos stürzt, ist es hier umgekehrt: das ganz normale irdische Chaos verspricht letztlich den Weltuntergang zu hintertreiben.

Endzeit-Szenario ohne heroisches Pathos

Endzeit-Szenarien haben in den letzten Jahren Hochkonjunktur; und nicht selten hat man den Eindruck, dass da eine masochistische Bußübung mitschwingt: Während die Menschheit realiter die Erde mit ihrem Ressourcenverbrauch und ihrer Umweltverschmutzung unbewohnbar zu machen droht, funktionieren Stoffe wie Avengers: Endgame oder Godzilla 2 – King of the Monsters, in denen übermächtige Wesen die natürliche Ordnung durch Dezimierung der Menschen wiederherstellen wollen, gleichermaßen als Bestrafungsfantasie wie als Entlastung – die Menschen im Film werden übel heimgesucht und müssen Opfer bringen, entgehen aber am Ende dann doch der Vernichtung. „Good Omens“ kommt ganz ohne das Pathos aus, das da häufig mitschwingt; die Serie atmet eher den hedonistischen 1990er-Geist der Vorlage, die vor allem eine Absage an religiöse und andere Ideologien war und eine humanistische Parteiname dafür, dass die Menschheit ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen muss. Woraus ein Vertrauen in die eigene Spezies spricht, das mittlerweile fast etwas nostalgisch wirkt.

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