The Dead Don't Die

Horror | USA/Schweden 2019 | 105 Minuten

Regie: Jim Jarmusch

Eine US-amerikanische Kleinstadt wird von Untoten heimgesucht, die nicht nur nach Menschenfleisch, sondern insbesondere nach Suchtmitteln wie Kaffee, WLAN, Tabletten oder Alkohol gieren. Als Ursache für die Zombie-Apokalypse bringt die radikal entschleunigte Komödie ein sogenanntes „Pol-Fracking“ ins Spiel, das die Erdachse verschoben habe. Die lakonische Farce auf eine handlungsunfähige Menschheit setzt auf Slowburn-Humor und ein prominentes Darsteller-Ensemble, das mit makabrem Witz die menschliche Unfähigkeit, auf die drohende Öko-Katastrophe zu reagieren, vor Augen führt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE DEAD DON'T DIE
Produktionsland
USA/Schweden
Produktionsjahr
2019
Regie
Jim Jarmusch
Buch
Jim Jarmusch
Kamera
Frederick Elmes
Schnitt
Affonso Gonçalves
Darsteller
Adam Driver (Officer Ronald Peterson) · Bill Murray (Chief Cliff Robertson) · Tilda Swinton (Zelda Winston) · Chloë Sevigny (Minerva Morrison) · Steve Buscemi (Farmer Frank Miller)
Länge
105 Minuten
Kinostart
13.06.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Komödie | Zombiefilm

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
Universal
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Eine US-amerikanische Kleinstadt wird von Untoten heimgesucht, die nicht nur nach Menschenfleisch, sondern vor allem nach Suchtmitteln wie Kaffee, WLAN, Tabletten oder Alkohol gieren. Eine „verschlurfte“ Zombie-Komödie als makabre Farce auf die handlungsunfähige Menschheit.

Diskussion

Eine US-amerikanische Kleinstadt wird von Untoten heimgesucht, die nicht nur nach Menschenfleisch, sondern vor allem nach Suchtmitteln wie Kaffee, WLAN, Tabletten oder Alkohol gieren. Eine „verschlurfte“ Zombie-Komödie als makabre Farce auf die handlungsunfähige Menschheit.

„Es ist wegen der Zombies, und was sie der Welt antun“, antwortet der mit dem Selbstmord liebäugelnde Vampir Adam (Tom Hiddleston) in Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive, als seine Geliebte (Tilda Swinton) ihn fragt, warum er so deprimiert sei. Mit „Zombies“ meinte der schöngeistige Blutsauger jedoch keineswegs die untote Verwandtschaft, die sich als „Walking Dead“ übers Fleisch der lebenden Menschen hermacht, sondern die Menschen selbst. Zombies: Das sind, seitdem George Romero sie mit Die Nacht der lebenden Toten und Dawn of the Dead als feste Größe im Horrorgenre etablierte, drastische Sinnbilder für die moderne Menschheit als dumpf-destruktive Masse und insbesondere den (selbst-)zerstörerischen „American Way of Life“ und seine Ableger in den anderen westlichen (Konsum-)Kulturen.

Auch in „The Dead Don’t Die“ schlägt Jim Jarmusch in die gleiche Kerbe. Seine Zombies gieren nicht nur nach Menschenfleisch, sondern auch nach den Dingen, nach denen sie im Leben süchtig waren. Da greifen sich Iggy Pop und Sara Driver, nachdem sie sich aus einem Grab im Friedhof des beschaulichen US-Städtchens Centerville gebuddelt haben, zuerst eine Diner-Kellnerin und dann gierig die Kaffeekanne; andere Zombies verlangen nach Chardonnay, Smartphone, Tabletten und Baseball – die Kulturkritik des Genres, durchexerziert mit doppeltem Ausrufezeichen.

Der Horror der Schlurfigkeit

Wobei es „durchexerziert“ freilich nicht recht trifft, wurde doch in kaum einem Zombiefilm weniger exerziert und mehr geschlurft als hier. Tatsächlich scheint es in „The Dead Don’t Die“ sogar an allererster Stelle um den Horror der Schlurfigkeit zu gehen, nicht um den genretypischen Body Horror, den sich Jarmusch nach dem ziemlich blutigen Auftakt im Diner fast vollständig versagt. Was weniger an den armen Untoten liegt, die ja nicht anders können, als auf ihren verwesenden Gliedmaßen langsam und ungelenk einherzuschlurfen, sondern an den Lebenden, die sehr wohl anders könnten und trotzdem eine geradezu enervierende Trägheit an den Tag legen.

„Das wird böse enden“, wiederholt Ronny, der von Adam Driver gespielte Cop des ländlichen Kleinstädtchens, immer wieder, und gibt schließlich, die Filmfiktion durchbrechend, sogar zu, dass er „das Skript kennt“ – aber auf die Idee, aus dieser Kenntnis heraus engagierte Gegenmaßnahmen zu ergreifen, kommt er so wenig wie sein älterer Kollege Cliff (Bill Murray), der dem ganzen Schlamassel mit einer Art stoischer Konsterniertheit begegnet. Bobby (Caleb Landry Jones), der Nerd von der Tankstelle, kennt zwar sämtliche Zombiefilme, begeht aber trotzdem den Anfängerfehler, sich vor den herannahenden Zombie-Horden in einem Haus zu verschanzen und zu vergessen, neben der Vorder- auch die Hintertür zu verrammeln. Minerva (Chloe Sevigny) schließlich, Ronnys Kollegin, versucht es statt mit beherzten Aktionen lieber mit der flehentlichen Bitte, ihr doch einfach tröstend zu versichern, dass alles nur ein böser Traum sei.

There’s something rotten

Worauf Jarmusch abzielt, wird klar, wenn als Ursache der Zombie-Apokalypse nicht etwa außerirdische Strahlung wie in Die Nacht der lebenden Toten ins Spiel gebracht wird, sondern sogenanntes „Pol-Fracking“, mit dem Energieunternehmen die Erde aus ihrer Achse gehoben hätten. Und dass Einsiedler Bob, ein von Tom Waits verkörperter Kauz, in den Wäldern um Centerville ausgerechnet ein weggeworfenes Exemplar von Melvilles „Moby Dick“ findet, dem Schlüsselroman in Sachen menschlicher Hybris gegenüber der Natur, kommt nicht von ungefähr: Es geht um den Einfluss der Menschen aufs Klima und auf die Ökosysteme, und um die beängstigende Unfähigkeit, dieses Wissen entschieden in einer besseren Politik und einem nachhaltigeren Wirtschaften umzusetzen.

Das alles ist als Interpretation des Zombie-Genres simpel und wenig überraschend; aber allein wie stimmig in „The Dead Don’t Die“ die Jarmusch-typische Lässigkeit und Entschleunigung, die totale Verweigerung gegenüber dem strammen „Pacing“ der gängigen Genre-Dramaturgie, hier zur treffsicheren Pointe wird, macht den Film zusammen mit dem exzellenten Schauspieler-Ensemble  dennoch zu einem großen Vergnügen. Zu den gemütlichen Country-Rhythmen von Sturgill Simpsons Song „The Dead Don’t Die“ entfaltet sich der Film als makabrer Witz auf Kosten einer handlungsunfähigen Menschheit, vorgetragen mit einem Slowburn-Humor, der wie die Faust aufs Auge passt.

„What a fucked-up world“

„What a fucked-up world“: So fasst es Bob schließlich treffend zusammen. Denn auf Wunder als letzten Ausweg, um das Steuer noch herumzureißen, sollte man besser nicht hoffen. Zwar wird Tilda Swinton als Lichtblick eingeführt, die als geheimnisvolle Fremde mit schottischem Akzent spricht und sehr geschickt mit einem Samurai-Schwert umzugehen weiß; doch den Gefallen, das Desaster im Alleingang zu beenden, macht sie Centerville dann doch nicht. Bleibt als Hoffnungsschimmer allenfalls die Jugend, im Film vertreten durch drei Teenies, die in der Jugendstrafanstalt des Städtchens einsitzen. Sie haben immerhin den Verstand und den Elan, rechtzeitig die Beine in die Hand zu nehmen.

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