Die schönste Zeit unseres Lebens

Drama | Frankreich 2019 | 116 Minuten

Regie: Nicolas Bedos

Ein ewig nörgelnder Karikaturist, der mit der Gegenwart wenig anfangen kann, darf sich eine nostalgische „Zeitreise“ wünschen, bei der eine Eventagentur akribisch das erste Kennenlernen mit seiner Ehefrau nachinszeniert, die ihn soeben vor die Tür gesetzt hat. Die Imagination eines Pariser Cafés in den 1970er-Jahren funktioniert allerdings so gut, dass Realität und Illusion bald heftig aneinandergeraten. Die dynamische Komödie über Täuschungen aller Art lebt vor allem vom lustvollen Schlagabtausch des namhaften Ensembles und einer kritischen Haltung gegenüber den allzu selbstverliebten Figuren, was die eskapistische Vergegenwärtigung einer scheinbar paradiesischen Vergangenheit spürbar erdet. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA BELLE ÉPOQUE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Nicolas Bedos
Buch
Nicolas Bedos
Kamera
Nicolas Bolduc
Musik
Anne-Sophie Versnaeyen
Schnitt
Anny Danché
Darsteller
Daniel Auteuil (Victor) · Guillaume Canet (Antoine) · Doria Tillier (Margot) · Fanny Ardant (Marianne) · Pierre Arditi (Pierre)
Länge
116 Minuten
Kinostart
28.11.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie
Diskussion

Flotte Liebeskomödie um einen unleidlichen Karikaturisten, der in der Nachinszenierung eines wichtigen Moments seines Lebens seiner späteren Ehefrau wiederbegegnet.

Die Idee ist nicht neu. Man nehme den Freizeitpark aus „Westworld“, mische ihn mit dem wiederaufgetauten und in die Belle Époque zurückversetzten Onkel Paul aus „Louis taut auf“ sowie mit Woody Allens automobilen Zeitsprüngen in „Midnight in Paris“, garniere das Ganze mit einer kulturkritischen Gegenwarts-Diagnose – und fertig ist eine romantische Komödie, die sich gleich an mehrere Generationen richtet.

Die tiefen Falten eines eitlen Nörglers

Daniel Auteuil mimt den Comiczeichner und Karikaturisten Victor und entwickelt dabei eine diebische Freude an der Misanthropie seiner Figur. Die interessiert sich nicht dafür, Anschluss an die digitale Revolution zu suchen. Viel lieber idealisiert Victor seine Jugendzeit, während ihm das Hier und Jetzt nur Anlass zu verbitterten Bemerkungen ist. Die chronische Nörgelei hat sich tief in jede seiner zahlreichen Gesichtsfalten eingegraben.

Das ist einer der vielen Gründe für seine Frau Marianne, eine von Fanny Ardant furios gespielte Psychoanalytikerin, nach 45 langen Ehejahren endlich doch einen Schlussstrich zu ziehen und den Gatten vor die Tür zu setzen.

Marianne ihrerseits steht den neuen Technologien neugierig gegenüber und hat in Victors bestem Freund längst auch einen Ersatz gefunden, der ihr Sex-Leben zwar nur mäßig bereichert, aber immerhin eine weniger in Selbstmitleid zerfließende Alternative bietet.

Eine Reise in die Vergangenheit

Der Gutschein, den Victor von seinem mit einem Start-up erfolgreichen Sohn (Michaël Cohen) erhält, kommt da gerade zur rechten Zeit, auch wenn es das „Reise“-Angebot in sich hat. Guillaume Canet verkörpert Antoine, den übernervösen Betreiber der Firma, die mit analogen Nachstellungen vergangener Epochen eine offenbar kaum zu stillende Nachfrage nach Nostalgie bedient.

Victor wünscht sich eine Rückkehr in das Paris von 1974, in dem er Marianne zum ersten Mal in einem verrauchten Bistro begegnet ist. Der Sohn stellt nicht nur den Schauplatz samt Straßenkreuzung nach, sondern besetzt auch seine eigene Freundin, mit der ihn eine von Gefühlsgewittern angepeitschte Amour fou verbindet, als die junge Marianne.

Auch wenn die amouröse Illusion immer wieder an den Kellnern zu scheitern droht, die nicht bis ins letzte Detail über die Eigenheiten der Ära informiert sind, möchte Victor die Wiederbegegnung nicht mehr missen und bucht die Treffen öfter, als ihm guttut, was alle Beteiligten auf eine harte Probe stellt. Immer wieder spiegeln sich Gegenwart und Vergangenheit ineinander, Falsches und Wahres, hoffnungsvolle Jugend und das sarkastische Alter, getragen von Kostümwechseln und musikalischen Dauerausflügen in die 1970er-Jahre.

Vergewaltigung als Kavaliersdelikt

Regisseur Nicolas Bedos geizt auch nicht mit Klischees, wenn in der noch frischen Post-Hippie-Zeit Gesundheitsbedenken keine Rolle spielen, Drogen und Sex im Übermaß konsumiert werden und die Gespräche der physisch optimierten Zeitgenossen nur noch um den neuesten veganen Trend kreisen. Immerhin verpasst die echte Marianne Victors Drang zur Verklärung einen Dämpfer, wenn sie daran erinnert, dass Vergewaltigung früher so gut wie nie angezeigt wurde und Frauen illegal und oft ohne Unterstützung der Männer abtreiben mussten.

Für solche Einwände einer auf dem Boden der Tatsachen bleibenden Spielverderberin ist man bei allem Verständnis für eine eskapistische Dramaturgie mehr als dankbar. Und auch für die letztlich kritische Haltung des Drehbuchs gegenüber den Figuren, die alle, ob jung oder alt, so lange ihre Selbsttäuschungen pflegen, bis das Umfeld die Luftblasen platzen lässt.

Ein großes Vergnügen

Es ist ein meist großes Vergnügen, dem Schlagabtausch der „Zeitreisenden“ zuzusehen, was vor allem am Star-Ensemble liegt, abgesehen von ein paar überflüssigen Pointen, die sich den rustikalen Humor der 1970er-Jahre zum Vorbild nehmen. Für die Schauspieler ist der sentimentale Rückwärtsgang zugleich auch harte Arbeit an der eigenen Vergänglichkeit, die auf beiden Seiten der Leinwand schon mal die Tränendrüse aktiviert.

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