Drama | Italien/Frankreich 2019 | 129 Minuten

Regie: Pietro Marcello

Ein junger italienischer Arbeiter verliebt sich in eine Tochter aus gutem Hause. In seiner Leidenschaft entdeckt er auch die Kultur und speziell die Literatur für sich. Der Aufstieg der Figur, die aus dem autobiografischen Roman von Jack London in ein vergangenes, aber nie exakt historisch verortetes Neapel verlegt wird, trennt sie von ihren proletarischen Wurzeln. Die persönliche Tragödie wird zu einer Reflexion der Gegensätze zwischen Altruismus und Eigennutz, Kollektivismus und Individualismus, Land und Stadt, Kunst und Politik. Die in ästhetischer Zeitlosigkeit eingefrorene Charakterstudie wird so zum vielschichtigen Plädoyer gegen Neoliberalismus und Kulturindustrie. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MARTIN EDEN
Produktionsland
Italien/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Pietro Marcello
Buch
Maurizio Braucci · Pietro Marcello
Kamera
Francesco Di Giacomo · Alessandro Abate
Musik
Marco Messina · Sacha Ricci · Paolo Marzocchi
Schnitt
Aline Hervé · Fabrizio Federico
Darsteller
Luca Marinelli (Martin Eden) · Jessica Cressy (Elena Orsini) · Denise Sardisco (Margherita) · Vincenzo Nemolato (Nino) · Carmen Pommella (Maria)
Länge
129 Minuten
Kinostart
26.08.2021
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Freie Adaption des gleichnamigen Romans von Jack London über einen idealistischen Arbeiter, der sich durch Bildung aus seiner Klasse befreit, als Schriftsteller aber jeden Bezug zu seiner Herkunft verloren hat.

Diskussion

Martin Eden kämpft. Für den Arbeiter, der mit der Kohlenschaufel in der Hand zusammenbricht oder seinen spärlichen Lohn vertrinkt, für die Alleinerziehende auf dem Land, für sich selbst, einen Mann, der noch fähig ist, derartige Arbeitsbedingungen zu ertragen, und, in einer schicksalhaften Begegnung, auch für einen Jungen, dem Martins Welt völlig fremd ist. Am Hafen bewahrt er ihn vor einer Tracht Prügel und bekommt dafür erstmals einen Einblick in das reiche Neapel.

Die Familie Orsini, in deren Haus er eingeladen wird, ist fasziniert von seinem Charme, der Narbe, die er am Hals trägt, und dem Dreck unter seinen Fingernägeln. Er (Luca Marinelli) ist verzaubert von den Speisen und Gemälden des Hauses, von Baudelaire und von der jungen Elena (Jessica Cressy). Martin will ihr ebenbürtig sein; er will lesen, schreiben und Französisch lernen, überhaupt alles lernen, was es zu lernen gibt. Das allerdings ist für einen einfachen Arbeiter offiziell gar nicht möglich. Martin ist zu arm für eine klassische Bildung und zu ungeschult für die Universität. So stürzt er sich in das Selbststudium.

Aufstieg in eine andere Klasse

Der Autodidakt aus dem autobiografischen Jack London-Roman wird von Regisseur Pietro Marcello an den Hafen von Neapel versetzt. Der Weg, den sein Protagonist geht, bleibt der gleiche: Er schuftet in den Fabrikhallen und am Schreibtisch, schaufelt Kohlen und hackt mit dem Zeigefinger auf die Schreibmaschine ein. Sein Lohn wird nicht ausgezahlt, seine Kurzgeschichten werden nicht veröffentlicht. Trotzdem arbeitet er Tag und Nacht, um die Armut hinter sich zu lassen. In seiner Verbissenheit wird er zunächst nicht reich, lässt aber die eigene Klasse hinter sich. Die anderen Arbeiter schließen sich unter der Flagge des Sozialismus zusammen, während Martin mit Elena und Familie Orsini speist. Sie lesen Karl Marx, er liest Herbert Spencer. Sie stehen dicht an dicht unter ihresgleichen, Martin steht abseits auf den Familienporträts der Orsinis.

Mit seiner ersten veröffentlichten Geschichte vollzieht sich dieser Wandel endgültig: Eden steigt zum Schriftsteller auf. Ein Aufstieg, der ihn, mehr noch als seine intellektuellen Flirts mit Spencer und dessen Sozialdarwinismus, von seiner Vergangenheit und von der Solidarität trennt. Er schreibt von den namenlosen Massen, den Arbeitern und Armen – und wird darüber selbst zu einem Mann, dessen Namen man nun kennt und mit Ehrfurcht ausspricht.

Pietro Marcello kittet diese gesellschaftlichen Brüche nicht, sondern reißt sie beständig weiter auf. Die Kluft zwischen der proletarischen Vergangenheit und dem Erfolg als Intellektueller ist nicht mehr zu überwinden. Es gibt keine Brücke zwischen dem Schriftsteller und den Menschen, über die er schreibt. Seine Entscheidung für die Kunst ist eine Entscheidung gegen die Massen, gegen das Kollektiv, dem er einst selbst angehörte. Kein ideologischer Wandel, kein künstlerisches Plädoyer für das Proletariat, keine Spende für die Revolutionäre könnte das ändern: Martin Eden wird, all seines fehlgeleiteten und aufrichtigen Idealismus zum Trotz, ein Teil der Kulturindustrie.

Das strahlende Lächeln hat Flecken bekommen

Im langen Epilog ist dieser Wandel bereits vollzogen. Der Schriftsteller ist ein erblondeter und müder Mann geworden. Der enorme Wille, mit dem sich der Arbeiter in einen Intellektuellen transformierte, ist gebrochen. Die breiten Schultern, die über Jahre die Widersprüche seines Lebens trugen, sind in den teuren Anzügen zusammengesunken, das Haar zu blond-grauem Stroh erloschen und das strahlende Lächeln hat braune Flecken bekommen. Martin löscht die Persona aus, die er mit der eigenen Kraft ins Leben gewuchtet hat.

Die Präsenz von Luca Marinelli schultert das Gewicht dieser Figur mühelos, die vom pathetischem Enthusiasmus bis in den Selbsthass fällt. In seiner Körperlichkeit, seiner Leidenschaft und seiner Melancholie ist er der unverzichtbare Ankerpunkt eines Films, der den wütenden Fatalismus über eine Vielzahl thematischer Ebene streut, ohne sie je miteinander zu verbinden. Altruismus und Eigennutz, Kollektivismus und Individualismus, Land und Stadt, Kunst und Politik stehen nicht nur als unvereinbare Gegensätze nebeneinander, sondern werden in einer ästhetischen Zeitlosigkeit eingefroren.

Die körnigen Messingfarben des 16mm-Materials präsentieren ein Italien, das altert und zugleich beständig sein Geburtsdatum zu verschieben scheint. Es ist nie klar, an welchem Punkt der Historie die thematisierten Disparitäten genau zu verorten sind. Wieder und wieder in die Zeitlosigkeit gezwungen, kommen sie nie gänzlich in der Gegenwart an. Dafür sorgen auch die Archivaufnahmen, die immer wieder zwischen die Erzählung geschoben werden. „Martin Eden“ eröffnet mit Bildern des italienischen Anarchisten Errico Malatesta, er zeigt die proletarischen Massen, ihre rußgeschwärzten Gesichter, ihr Lächeln wie ihre Erschöpfung. Diese alten, in damaliger Tradition eingefärbten Filmbilder gehen nahtlos in die Geschichte eines Arbeiters über, dessen Aufstieg die Evolution eines verloren gegangenen Klassenkampfes nachzeichnet. Der Neoliberalismus hat das Leben vom Alltag bis in die Kunst durchdrungen, und der Faschismus hat sich der Revolution ermächtigt. „Martin Eden“ ist eine sozialistische Anklage dieser Entwicklung. Ein Film, der um das Kollektiv und die Solidarität trauert.

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