Das perfekte Geheimnis

Drama | Deutschland 2019 | 120 Minuten

Regie: Bora Dagtekin

Bei einem launigen Abendessen lassen sich drei Frauen und vier Männer auf die spielerische Idee ein, alle Gespräche und Mittteilungen auf ihren Smartphones während der nächsten Stunden öffentlich zu machen. Die anfänglichen Risse in der bürgerlichen Fassade brechen dabei schnell auf, weil Geheimnisse und Heimlichkeiten gleich dutzendweise gelüftet werden. Das boulevardeske Remake einer italienischen Komödie interessiert sich nur oberflächlich für die Widersprüche der Figuren und schiebt Brüche und Konflikte zugunsten des Feel-Good-Faktors beiseite. Die seltsame Häufung von Happy Ends korreliert dabei bestens mit konservativ-reaktionären Untertönen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Bora Dagtekin
Buch
Bora Dagtekin
Kamera
Moritz Anton
Musik
Egon Riedel · Simon Heeger · Christian Vorländer
Schnitt
Sabine Panek
Darsteller
Elyas M'Barek (Leo) · Florian David Fitz (Pepe) · Jella Haase (Bianca) · Karoline Herfurth (Carlotta) · Frederick Lau (Simon)
Länge
120 Minuten
Kinostart
31.10.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie
Diskussion

Remake einer italienischen Komödie um dreieinhalb Paare, die bei einem Abendessen alle Gespräche und Mitteilungen auf ihren Smartphones öffentlich machen.

Alle Zeichen auf Spaß! Schönheitschirurg Rocco und Psychotherapeutin Eva haben eingeladen. Rocco kocht eines seiner legendären Überraschungsmenus. Leo, ein Bauzeichner in Elternzeit, bringt seine Partnerin Carlotta mit, die eine höchst erfolgreiche, aber auch sehr eingespannte Werberin ist. Taxifahrer Simon ist noch nicht allzu lange mit der quirligen Tierärztin Bianca zusammen. Das Spannendste: Lehrer Pepe hat seine neue Freundin Anna angekündigt.

Die vier Männer kennen sich seit der Grundschule, wie der Film in einem blutigen Prolog zeigt. Schon die ersten Minuten des neuen Ensemblefilms von Regisseur Bora Dagtekin offenbaren allerlei Risse hinter der gutbürgerlichen Fassade. Rocco kann nicht kochen, Eva hadert mit der pubertierenden Tochter, Leo findet die Elternzeit eigentlich nicht so glamourös, Carlotta kommt ohne Slip von der Arbeit, Simon ist der Loser des Quartetts, der sich immer wieder verzockt, aber insgeheim auf das Erbe seiner neuen Freundin setzt. Und Anna? Die kann nicht kommen, die hat Magen-Darm.

Alles, was reinkommt, wird öffentlich gemacht

Die Rollen sind bestens etabliert, der Small Talk flutscht. Für ein brisantes Thema ist auch gesorgt: die Beziehung von Bekannten ist gerade durch einen Blick aufs Display eines Smartphones gescheitert. Darf man das? Soll man das, wenn man es denn kann? Recht professionell und nicht ohne Hintersinn entwickelt Eva aus dieser moralischen Frage die Idee eines Spiels. Für diesen Abend soll gelten: Alles, was übers Phone reinkommt, wird öffentlich gemacht. Schließlich habe man ja keine Geheimnisse voreinander.

Was folgt, ist eine kleine, ausgesprochen boulevardeske Meditation über die Rolle der neuen Kommunikationsmedien im Alltagsleben und ihre eigentümliche Dialektik. Sie stehen gleichermaßen für die Möglichkeit eines Doppellebens wie sie das, wenn es an den Tag kommt, ebenso verunmöglichen. Da bei diesem Abend die Enthüllungen gleich im Dutzend kommen, wird dieser Sachverhalt dick unterstrichen. Die Geheimnisse, die gelüftet werden, reichen dabei von der Brust-OP über Unzufriedenheit mit dem gewählten Lebensentwurf bis hin zum Betrug und dem überfälligen Coming-out. Etwas irritierend ist vielleicht, dass hier fast alles um Sex kreist, weil man ja auch aus Krankheit, Jobverlust oder politischer Haltung ein Geheimnis machen könnte.

Schönheitschirurg mit Macho-Allüren

Kein Geheimnis ist es, dass es sich bei „Das perfekte Geheimnis“ um die deutsche Version der italienischen Komödie „Perfetti sconosciuti“ von Paolo Genovese handelt. Das Original scheint ein allgemeingültiges Thema angeschlagen zu haben, da sich die Remake-Rechte weltweit bestens verkaufen. Die französische Version „Le Jeu – Nichts zu verbergen“ ist aktuell bei Netflix zu besichtigen. Wer sich das Vergnügen macht, „Le Jeu“ mit „Das perfekte Geheimnis“ zu vergleichen, staunt nicht schlecht, wie uninspiriert der erklärte Perfektionist Dagtekin hier zu Werke gegangen ist.

Zunächst wirkt der Film wie eine laue, etwas aufgeblasene Version von Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“. Doch es wird schnell klar, wie oberflächlich die Figuren gezeichnet und auf jeweils zwei Charaktereigenschaften reduziert sind, die sich teilweise sogar widersprechen. Da ist der Schönheitschirurg mit den Macho-Allüren und einem Minderwertigkeitskomplex, der heimlich (oder auch nicht so heimlich, weil von den Freunden mit Alibi gedeckt) eine Therapie macht, obwohl er sich gegenüber seiner Therapeuten-Ehefrau über die Bedeutung von Therapien lustig macht. In einer Szene, in der die komplette Stimmung des Films unvermittelt auf den Kopf gestellt wird, kehrt er gegenüber seiner pubertierenden Tochter aber den überaus besonnenen und unerhört soften Vater heraus. Später erfährt man, dass Rocco immerhin so clever ist, ein zweites Telefon zu besitzen.

Was Nacktfotos verraten

Ungleich schlimmer aber ist, dass sich Dagtekin im Gegensatz zur finalen Indifferenz der französischen Version für eine seltsame Häufung von Happy Ends entschieden hat, die bestens mit dem reaktionären Zeitgeist korrelieren. Da ist der erfolgreiche Mann, der die Elternzeit genommen hat, die ihn aber nicht befriedigt, weil die Mütter auf dem Spielplatz ihn nicht akzeptieren, bis auf jene, die ihm regelmäßig Nacktfotos von sich schickt. Da ist die höchst erfolgreiche Werberin, die sich nicht nur in ihrem Job buchstäblich prostituieren muss, um sich in ihrem promisken und koksenden Milieu zu behaupten, sondern die zudem instinktiv viel lieber das Muttertier gegeben hätte.

Und dann gibt es auch noch die lustige Idee, die zuvor nachdrücklich artikulierte Homophobie dadurch zu exorzieren, indem man dem gemobbten homosexuellen Freund in der Art beispringt, dass man einen anderen Schwulenhasser verprügelt. Die Botschaft des Abends war doch eigentlich klar: Waren wir überhaupt je befreundet? Und wenn ja, wollen wir nach diesem Abend noch länger miteinander befreundet sein?

Malen nach Zahlen

„Das perfekte Geheimnis“, ohnehin recht statisch und geleckt inszeniert, wischt solche Bedenken zugunsten des Feel-Good-Entertainment-Faktors einfach vom Tisch. Und da auch das gepriesene Star-Ensemble (Elyas M’Barek, Florian David Fitz, Karoline Herfurth, Jessia Schwarz, Frederick Lau, Wotan Wilke Möhring) sich mit Ausnahme von Jella Haase auf ein Agieren auf Autopilot beschränkt, bleibt unterm Strich nur ein ziemlich enttäuschendes Malen-nach-Zahlen mit unangenehm reaktionären Untertönen.

Kommentar verfassen

Kommentieren