Zeit der Geheimnisse

Drama | Deutschland 2019 | 114 (37/34/43) Minuten

Regie: Samira Radsi

Ein Dreiteiler um drei Frauen-Generationen einer Familie, die zu Weihnachten im heimischen Domizil an der Nordsee zusammenkommen und ihren Beziehungsballast aufarbeiten: Die sterbende Großmutter, die Hippie-Tochter, die einst von der Nordseeküste weg nach Ibiza zog, und deren zwei entfremdete Töchter müssen lernen, mit alten Verletzungen umzugehen, bevor es zur weihnachtlichen Versöhnung kommen kann. Die Serie rollt über mehrere Zeitebenen die (mit deutscher Geschichte verschränkte) Familiengeschichte auf, bleibt in der Figurenzeichnung trotz guter Darstellerinnen aber oft wenig subtil und als Porträt weiblicher Befindlichkeiten einigermaßen klischeehaft. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Samira Radsi
Buch
Katharina Eyssen
Kamera
Stefan Unterberger
Musik
Annette Focks
Schnitt
Katja Fischer · Boris Gromatzki
Darsteller
Corinna Harfouch (Eva) · Christiane Paul (Sonja) · Svenja Jung (Vivi) · Leonie Benesch (Lara) · Anita Vulescia (Ljubica)
Länge
114 (37
34
43) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Serie

Diskussion

„Lokalisierung“ nennt man die Strategie, die Netflix seit einiger Zeit erfolgreich anwendet: Der Streaming-Dienst ist weltweit nicht nur abrufbar, er lässt in verschiedensten Ländern auch produzieren. Mehr Content, neue Absatzmärkte, aber auch neue Geschichten und Settings sind das Ziel. Ob das, was dabei rauskommt, auch wirklich für Abwechslung sorgen kann, sei dahingestellt. Aber als Folge dieser Expansion, soviel ist sicher, kennt man auf der ganzen Welt die heimischen Klein- und Großstädte, vom Berlin der „Dogs of Berlin“ bis zum (fiktiven) Kaff Winden in „Dark“. Maskulin und knochenhart war man im Serien-Deutschland unterwegs, wir dealten im Darknet („how to sell drugs online (fast)“) und schauten den Hip-Hop-Beats bei der Entstehung zu („Skylines“). Milieus und Sprache, Kunst und Kapital lieferten die deutschen Originale bisher zwar in einfacher gestrickten, aber gefühlt sehr intensiven Verschränkungen.

Dagegengehalten wirkt „Zeit der Geheimnisse“, die neueste deutsche Netflix-Produktion, wie ein Gruß aus einer Parallelgalaxie, wie ein Relikt aus der Zeit, die man für endgültig passé hielt. In der dreiteiligen Miniserie finden sich die Zuschauer an der Nordseeküste wieder – und allen Anzeichen nach mitten im öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramm. So geht Lokalisierung nämlich auch: Kein gewohnter Netflix-Glanz (was nichts Schlechtes ist, im Gegenteil!), aber dafür leider umso mehr Postkarten-Romantik. Ein Haus direkt an der Küste. Imposante Panoramablicke von oben zeigen es alleinstehend, Wellen und Wogen, der Himmel ist zu jeder Zeit klar. Im Hausinneren vorsichtig arrangierte Gemütlichkeit, in der viel genutzten Wohnzimmer-Kulisse überwiegt in der Farbpalette eine schwierige Kombination aus Senfgelb und Azur.

Corinna Harfouch als sterbende Familien-Matriarchin

Mittelpunkt der Geschichte ist eine Familie, drei Frauengenerationen, die sich über Weihnachten in diesem Haus zusammenfinden. Die alten Spannungen sind da, die Vorwürfe hat man parat, aber echte, offene Gespräche fallen schwer. Bis endlich etwas den gewohnten Ablauf stört, bis das Angesammelte einmal an die Oberfläche durchdringt. Unzählige Male wurden ähnliche Prämissen filmisch umgesetzt, unzählige Male wird das sicher noch passieren. Gerade dann kommt es auf die Details, auf die Dichte des Drehbuchs, auf die jeweilige Inszenierung an. „Zeit der Geheimnisse“ setzt vorrangig auf Klischees und Grimassen, auf humorige Zufälle, vaudevillehafte Auf- und Abgänge, auf sanftes Klavier und zahme Gitarre.

Selbst die tolle Corinna Harfouch vermag das nicht zu retten. Sie spielt Eva, die im Sterben liegt und früher mal eine energische, liebevolle und sehr beherrschte Frau war. Eva hält die Fenster gerne offen, die Gardinen flattern – die Geheimnisse, wie der Titel schon sagt, müssen endlich gelüftet werden. Sie lebt umsorgt von ihrer osteuropäischen Haushälterin Ljubi (Anita Vulesica), die von Drehbuchautorin Katharina Eyssen und Regisseurin Samira Radsi mit lauten Ahs und Ohs und – was sonst – einer Schnapsflasche ausgestattet wurde. „Zwei Chi“ statt „Tai Chi“ sagt Ljubi immer, nicht die hellste Kerze auf der Torte ist sie, das ist klar.

Wenig Geschick für subtile Charaktergestaltung

Evas Tochter Sonja (Christiane Paul) hat das Zuhause früh verlassen, das abgebrochene Jurastudium gegen das engagierte Hippie-Dasein eingetauscht und die Nordsee gegen Ibiza. Aber auch dort kann sie nicht sesshaft werden. Zwei eigene Töchter hat sie bekommen, für Vivi (Svenja Jung) und Lara (Leonie Benesch) war sie aber so gut wie nie da. In dem Äußeren der beiden jungen Frauen zeigen sich die gegensätzlichen Strategien, mit der traumatisierenden Abwesenheit der Mutter umzugehen. Vivi trägt hippe T-Shirts und Kopfhörer, während Lara Rollkragenpullis und eine Brille trägt – in der Charaktergestaltung gibt es leider wenig Geschick fürs Subtile.

Die Handlung im Heute ist in „Zeit der Geheimnisse“ mit gleichmäßig eingestreuten Rückblenden aufgefüllt – verschiedene Zeiten, verschiedene Moden, ein kleines bisschen Geschichtsunterricht. Der Zweite Weltkrieg, RAF und die Wende dienen als historische Markierungen, als bunte Kulissen im Hintergrund, als Versuch, einen Eindruck der Tiefe zu erzeugen. Die Tiefe ist in „Zeit der Geheimnisse“ nämlich ein echtes Problem.

Eine frappierend altbackene Vorstellung vom weiblichen Publikum

Der Humor ist es auch. „Wie war Ihr Name, Fritz?“ Ljubi: „Nein, das ist Mauschitz!“ – „Moritz, ich bin Moritz!“ Moritz, Laras Verlobter, muss einiges einstecken. Auch die übrigen Männerfiguren kommen hier nicht besonders gut weg, die Typenpalette ist dürftig. Einen deprimierten Despoten gibt es, ansonsten alles große Kinder oder schüchterne Werber, die mal wieder schroff und genüsslich zum Zweck der passiven Selbstvergewisserung von Frauenfiguren abserviert werden. Darin gefallen sich Eva, Sonja, Vivi und Lara. Darin gefällt sich die Serie auch. Eine Geschichte über weibliche Stärke und Zusammenhalt will „Zeit der Geheimnisse“ offenbar sein, aber mit ihrem rührenden, versöhnlichen Ton kann sie als solche wenig überzeugen.

Eva van Leeuwen, Creative Executive bei Netflix, erklärte in einem Interview, mit „Zeit der Geheimnisse“ habe man in die Original-Serien eine ganz neue Farbe gebracht: „Es ist unsere erste Serie für ein vorwiegend weibliches Publikum.“ Dass das Bild vom weiblichen Publikum hier so frappierend altbacken und einseitig ausfällt, dass die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in solch angestaubten Mustern gedacht werden, ist dabei besonders schwer auszuhalten. Am Ende steht sowieso eine große Versöhnung, Frauen bleiben Frauen, boys will be boys und das osteuropäische Hauspersonal eben nur das, was die Branche für Figuren wie diese in den Zeiten vor Gender- und Diversitätsdebatte an Rollen übrighatte. Das ist ärgerlich. Die langweiligste Netflix-Serie aller Zeiten hat aber auch einen klaren Vorteil – mit drei Folgen hat man sie schnell durch.

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