Drei Tage und ein Leben

Drama | Frankreich/Belgien 2019 | 120 Minuten

Regie: Nicolas Boukhrief

Ein 12-jähriger Junge hütet voller Angst das Geheimnis um das vermeintliche Verschwinden eines kleinen Jungen in den belgischen Ardennen. Auch 15 Jahre später hält ihn die Vergangenheit umklammert. Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Pierre Lemaitre erzählt eine Geschichte über kindliche Schuld und die Unmöglichkeit des Vergessens. Ein dichter und milieugenauer Kriminalfilm, der sich ganz auf das innere Drama des Kindes konzentriert. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
TROIS JOURS ET UND VIE
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2019
Regie
Nicolas Boukhrief
Buch
Pierre Lemaitre
Kamera
Manuel Dacosse
Musik
Robin Coudert
Schnitt
Lydia Decobert
Darsteller
Sandrine Bonnaire (Blanche Courtin) · Pablo Pauly (Antoine Courtin) · Charles Berling (Michel Desmedt) · Philippe Torreton (Dr. Hubert Dieulafoy) · Margot Bancilhon (Emilie Desmedt)
Länge
120 Minuten
Kinostart
03.09.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Thriller

Verfilmung eines Bestsellers über einen 12-jährigen Jungen, der voller Angst das Geheimnis um das Verschwinden eines anderen Knaben in den belgischen Ardennen hütet.

Diskussion

Als der 12-jährige Antoine in den frühen Morgenstunden des 22. Dezember 1999 aus dem Fenster schaut, ist sein Blick voll freudiger Erwartung. Im Haus gegenüber wohnt Emilie, seine erste Liebe. Auch dort geht gerade das Licht an. Am Nachmittag will er der Angehimmelten die selbstgebaute Hütte im Wald zeigen, in der er manchmal mit ihrem kleinen Bruder Rémi Karten spielt. Antoine wird in dem Kriminaldrama von Nicolas Boukhrief noch viele Male aus diesem Fenster seines Zimmers schauen. Doch sein Blick wird voller Angst sein. Nicht nur in den drei folgenden Tagen, die der Film aus Antoines Perspektive schildert. Sondern auch noch 15 Jahre später, als der inzwischen junge Mann als angehender Mediziner für einige Tage in das in den belgischen Ardennen gelegene Dorf Olly zurückkehrt.

Dichte Nebenschwaden ziehen im Vorspann zu „Drei Tage und ein Leben“ unheilvoll über den Wald von St. Eustache. Durch einen von Antoine verschuldeten Unfall kommt der kleine Rémi Desmedt zu Tode. Der Film lässt die Betrachterin zur Zeugin und Mitwisserin werden, nicht nur der Tat, sondern auch des inneren Dramas des Jungen. Er teilt seine Schuldgefühle mit dem Publikum. Seine Panik beim Beseitigen der Spuren. Seine Angst, die von ihm vergrabene Leiche könnte gefunden werden. Seine Feigheit und die Erleichterung, als nach einem verheerenden (und etwas zu hollywoodesk inszenierten) Sturm die Suche nach dem Vermissten aufgegeben wird. Es ist ein Gefängnis, das sich Antoine durch sein Schweigen selbst errichtet hat. Die Familie des spurlos verschwundenen Jungen zerstört es.

Geglückter Wechsel ins filmische Medium

„Drei Tage und ein Leben“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Pierre Lemaitre. Der Autor hat auch das Drehbuch geschrieben; die Dichte der Vorlage ist in der Übersetzung vom literarischen Medium ins filmische glücklicherweise nicht verloren gegangen. In der Tradition der düsteren, psychologisch ausgefeilten Kriminalfilme von Claude Chabrol oder Henri-George Clouzot erzählt der Film von kindlicher Schuld und der Unmöglichkeit des Vergessens.

Die Handlung konzentriert sich auf wenige Tage. Noch bevor Antoine in den Wald aufbricht, entfaltet sich ein Panorama des Dorfes und seiner Bewohner. Bald kennt man sie alle: Antoine, seine Mutter, die ihrem Sohn sehr zugewandt ist, Rémis Vater, der um seinen Arbeitsplatz in dem vor dem Bankrott stehenden Sägewerk fürchtet und gegen den Besitzer aufbraust, den Hund Ulyssus, der – auch das ein unheilvolles Zeichen – von einem Auto erfasst wird, den polnischen Fleischhändler Kowalski, der im Dorf argwöhnisch beobachtet wird. Man kennt auch die Orte, die Nicolas Boukhrief mit einem guten Gespür für räumliche Zusammenhänge in den Blick nimmt: Antoines Zimmer, das Wohnzimmer und die Küche, in der er nach 15 Jahren erneut mit seiner Mutter zusammensitzt, das Versteck im Wald. Nicht zuletzt die Sichtachsen, die sein Zimmer mit dem Haus der Familie Desmedt verbinden.

Es geht um Blicke & Zwielichtigkeit

Es geht überhaupt viel um Blicke in „Drei Tage und ein Leben“: Ängstliche Blicke, entsetzte, vorwurfsvolle, schmerzverzerrte und komplizenhafte Blicke. Wer etwas weiß oder zumindest ahnt, das lässt Boukhrief fast bis zum Ende des Films offen.

 „Drei Tage und ein Leben“ breitet eine Atmosphäre der Zwielichtigkeit aus, die man vom Film noir kennt. Doch grundsätzlich ist der Film mehr an der Figurenzeichnung interessiert denn an Suspense oder einer raffinierten Erzählung. Boukhrief fragt nach der moralischen Schuld – und gibt darauf keine Antwort. Eine Befreiung, so viel jedenfalls ist sicher, kann es in diesem Drama, dessen erzählerische Schlingen sich immer mehr zuziehen, nicht geben. Antoines Träume von einem Leben fern vom Tatort, dem Schuld- und Angst-Ort Olly: Sie sind am Ende nur mehr ein Abbild auf einem Porzellanteller.

Kommentar verfassen

Kommentieren