Der Unsichtbare (2019)

Horror | USA 2019 | 125 Minuten

Regie: Leigh Whannell

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion flieht eine junge Frau aus der Wohnung ihres eifersüchtigen Freundes, der sie seit Jahren psychisch missbraucht. Kurz darauf begeht der Mann scheinbar Selbstmord, taucht als unsichtbare Gestalt aber wieder im Leben der Frau auf. Die lose auf dem gleichnamigen Roman von H.G. Wells beruhende Adaption inszeniert die Unsichtbarkeit mit den Mitteln des Horror-Genres als Metapher für die psychischen Qualen, die Opfer auch lange nach den eigentlichen Vergehen durchmachen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE INVISIBLE MAN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Leigh Whannell
Buch
Leigh Whannell
Kamera
Stefan Duscio
Musik
Benjamin Wallfisch
Schnitt
Andy Canny
Darsteller
Elisabeth Moss (Cecilia Kass) · Oliver Jackson-Cohen (Adrian Griffin) · Aldis Hodge (James) · Storm Reid (Sydney) · Harriet Dyer (Alice Kass)
Länge
125 Minuten
Kinostart
27.02.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Literaturverfilmung | Science-Fiction | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
Universal
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(Horror-)Thriller über die psychischen Qualen einer Frau, die ihrem übergriffigen Freund entkommen will, der ihr in unsichtbarer Gestalt weiter nachstellt.

Diskussion

Für den Bruchteil einer Sekunde ist es taghell im Schlafzimmer. Das Licht fällt auf eine Gestalt mit Hut. Dann erlischt es, blitzt wieder auf und weckt die schlafende Frau, erlischt erneut. Cecilia kriecht aus dem Bett und tastet sich vor, um selbst das Licht anzuschalten. Niemand ist zu sehen. Die Gestalt entpuppt sich als ein mit Hut und Mantel behangener Kleiderständer. Nur die Bettdecke, die von magischer Hand gezogen, ihren Weg auf dem Fußboden gefunden hat, deutet die Anwesenheit eines Eindringlings an. Eine Präsenz, die das Licht nicht erfassen kann.

Diese unheimliche Begegnung setzt ein Trauma fort, dem Cecilia (Elisabeth Moss) seit Jahren zu entfliehen hofft: ihre alte Beziehung. In einer minutiös geplanten nächtlichen Aktion entkommt sie ihrem Freund Adrian (Oliver Jackson-Cohen). Doch die Angst verfolgt sie weiter, bis ins Haus des befreundeten Polizisten James (Aldis Hodge). Selbst das Holen der täglichen Morgenpost wird für Cecilia zur nervlichen Zerreißprobe, die sie nur mit Mühe und mehreren Anläufen meistert. Ein nicht unerhebliches Detail verkompliziert die Angelegenheit, da ihr Ex-Freund kurz nach ihrer Flucht Selbstmord begangen und ihr neben einem Abschiedsbrief eine staatliche Summe Geld vermacht hat.

Ein Fußabdruck auf dem Teppich

Die Dynamik, die Regisseur Leigh Whannell über all diese Wendungen hinweg verfolgt, orientiert sich an der Erfahrung des Opfers. Ein Täter verschwindet selbst nach seinem Ableben nie ganz aus der Erinnerung. Er ist eine ständige Präsenz, ein Phantom, das jeden Schritt zurück in den Alltag beschwerlich macht, jede Nacht heimsucht und in den unerwartetsten Momenten wieder zum Leben erwacht. In dieser Rolle existiert der in Wahrheit gar nicht verstorbene, sondern unsichtbare soziopathische Ex-Freund. Er ist ein Fußabdruck auf dem Teppich, ein freischwebendes Messer, ein sich selbst aufdrehender Wasserhahn oder eine bedrohlich ins Bild gerückte Leerstelle.

Die Unsichtbarkeit dient der Inszenierung weniger als Science-Fiction- oder Horror-Topos denn als Metapher. Bleibt der Täter für die Gesellschaft unsichtbar, oder kann er über einen gewissen Status seine Unsichtbarkeit erkaufen – nicht zufällig ist der Täter hier ein superreicher Unternehmer – lastet der gesellschaftliche Druck komplett auf dem Opfer. Die ästhetische Entscheidung, dieses Thema mit der mittlerweile mehr als hundert Jahre alten Romanvorlage von H.G. Wells zu verschmelzen, macht den Film zum revisionistischen Update der Vorlage.

Der Horror des Opfers ...

Die wissenschaftlichen Ambitionen und Implikationen des technischen Fortschritts werden zum Beiwerk, ebenso wie der der Mann, der diesen Fortschritt für seine Verbrechen benutzt. Die gezielte Manipulation ihres Umfelds, der Freunde oder auch ihrer Schwester Emily (Harriet Dyer), und die daraus folgende Isolation sind der eigentliche Horror von „Der Unsichtbare“.

Dieser von der Täterpersönlichkeit entkoppelte Horror bringt eine invertierte Täter-Opfer-Dynamik mit sich. Die Gräuel, die Cecilia in ihrer Beziehung erdulden musste und weiterhin erduldet, sind ein außerhalb des omnipräsenten kalten Blaus vorrangig in ihrem Gesicht ablesbares Phänomen. Die Qualen pochen unter ihren immer dunkler werdenden Augenringen und dringen solange als Tränen an die Oberfläche, bis nur noch die Leere der Missbrauchserfahrung bleibt.

... im Spiegel des Gesichts

Für ihre schauspielerische Leistung verdient Elizabeth Moss einen ganz eigenen Platz im Stammbaum der „Scream queens“, da sie selbst in den aufwendigeren und blutigeren Szenen das Geschehen zu erden vermag. Als der Unsichtbare bei der Jagd auf Cecilia in einen Kampf gegen gut ein Dutzend Polizisten verwickelt wird und dabei immer wieder für den Bruchteil einer Sekunde sichtbar wird, findet der Film – trotz von unsichtbarer Hand herumgewirbelten Cops und geisterhaft ausgelöster Schusswaffen – immer den Weg zurück zur Protagonistin. Der Täter dagegen bleibt ein reiner Spezialeffekt.

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