Schwesterlein

Drama | Schweiz 2019 | 99 Minuten

Regie: Stéphanie Chuat

Ein Schauspiel-Star der Berliner Schaubühne ist an Krebs erkrankt; damit er sich von einer Knochenmarkstransplantation erholt, nimmt ihn seine Schwester, die einst in Berlin als Theaterautorin Erfolge feierte und nun mit Mann und zwei Kindern in der Schweiz lebt, zu sich. Die Geschwister hoffen, dass der Kranke demnächst wieder so weit hergestellt ist, dass er als Hamlet auf der Bühne stehen kann, doch bald kommt es zu vielfältigen Komplikationen, die mit der Gesundheit des Bruders, aber auch mit familiären Konflikten der Schwester zu tun haben. Ein vielschichtiges, bewegendes Drama um eine enge Geschwisterliebe in Konfrontation mit Krankheit und Tod und eine Familie, in der sich im Zuge der Krankheit diverse Brüche offenbaren. Dabei profitiert der Film von einem klugen Drehbuch und einer atmosphärischen Bildsprache ebenso wie von ungemein präzisen Darstellerleistungen. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SCHWESTERLEIN
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Stéphanie Chuat · Véronique Reymond
Buch
Véronique Reymond · Stéphanie Chuat
Kamera
Filip Zumbrunn
Musik
Christian Garcia-Gaucher
Schnitt
Myriam Rachmuth
Darsteller
Nina Hoss (Lisa) · Lars Eidinger (Sven) · Marthe Keller (Kathy) · Jens Albinus (Martin) · Thomas Ostermeier (David)
Länge
99 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Diskussion

Die Geschichte erscheint zunächst einfach: Sven (Lars Eidinger) hat Krebs; was ihn am Leben hält, ist die Hoffnung, einmal wieder auf der Bühne stehen zu können. Doch Regisseur und Schaubühnen-Chef David, gespielt vom Schaubühnen-Regisseur und -Chef Thomas Ostermeier, will seinen todkranken Star nicht auf die Bühne stellen. Im Zentrum des Films versucht Lisa, Svens um zwei Minuten jüngere Zwillingsschwester, alles zusammenzuhalten - Ehe, Familie, Arbeit.

Nina Hoss gibt dieser Lisa, einer Theaterautorin, alle Nuancen eines anstrengenden Lebens in multiplen Rollen. Der kranke Bruder, die völlig überforderte Mutter (bezaubernd: Marthe Keller), der hilflose Regisseur David, ihre beiden kleinen Kinder und nicht zuletzt ihr Mann Martin (Jens Albinus): Alle wollen etwas von ihr, und sie gibt, was sie geben kann. Bis es zu viel wird.

Die Krankheit droht die Existenzen auseinander zu reißen

Lisa nimmt Sven mit sich in das Schweizer Dorf, in dem sie mit ihrer Familie lebt. Dort, umgeben von Ruhe und Natur, will sie ihm wieder auf die Beine zu helfen. Ihr Mann leitet ein weltberühmtes Internat, die Verlängerung seines Postens steht an, doch Lisa zieht es auf Dauer wieder zurück nach Berlin. Als Martin eigenmächtig beschließt, dass die Familie in der Schweiz bleiben soll, flieht Lisa mit Bruder und Kindern nach Berlin. Die Lage eskaliert, als dort plötzlich Martin auftaucht.

Die beiden Handlungsstränge um den todkranken Bruder und den egozentrischen Ehemann überlagern einander. Die Filmemacherinnen Stephanie Chuat und Veronique Reymond haben sich in ihrem Drehbuch dazu entschieden, die Geschichte um den Krebstod in ein Kraftfeld anderer Erschütterungen und Konflikte einzustellen. Schließlich laufen auch im wahren Leben nicht alle Geschichten nach den Gesetzen der perfekten Ästhetik ab. Das Ganze wird stabilisiert durch ein dichtes Geflecht von literarischen Anspielungen und Motiven, angefangen mit Brahms' berückendem Volkslied "Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehn wir nach Haus?"

Eine überragende Schauspiel-Leistung von Nina Hoss

Dramaturgische Hardliner mögen sich beschweren über den doppelten Boden, auf dem dieser Film steht. Doch gerade die vielfältigen Belastungen der Figur Lisa geben dem Zuschauer immer neue Gelegenheiten, Nina Hoss zu erleben. Ihr Auftritt überwältigt in seiner Präzision und Wucht. Lisa steht zwischen all den anderen, und sie trägt die Last aller. "Ich musste eine Entscheidung treffen", sagt David, und er hat sie getroffen. "Ich musste eine Entscheidung treffen", sagt Martin. Und auch er hat gehandelt, ohne Lisa zu fragen.

Bestürzung, Wut und Widerstand, aber auch Verachtung ziehen in Hoss' Gesicht auf. In einer Szene an einem Kaffeeautomaten dringt die Trauer in ihr empor. Hoss zeigt diese Trauer gerade durch Lisas Kampf gegen die Tränen, durch den scheiternden Versuch, die Fassung zu wahren. Eine Schauspielerin, die mit so viel Maß, Energie und Genauigkeit arbeitet, die aber auch in Wutanfälle und wilde Aggression ausbrechen kann, setzt Maßstäbe.

Am Ende des Films kommen die literarischen und ästhetischen Motive der Geschichte noch einmal zusammen: Brahms, Shakespeare und die Gebrüder Grimm, Hamlet und Hänsel und Gretel, alles fließt ein in einen Dialog, in ein gesprochenes Duo der beiden Geschwister. Mag sein, dass in der Wirklichkeit niemand so sanft an Krebs dahingeht. Doch wer sagt, dass es besser ist, ohne die Hilfe des Schönen zu sterben?

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