Die Stimme des Regenwaldes

Biopic | Schweiz/Österreich 2019 | 142 Minuten

Regie: Niklaus Hilber

Biografisches Drama über das Leben des Schweizer Aussteigers Bruno Manser (1954-2005), der in den 1980er-Jahren nach Borneo emigrierte, wo er sich im Dschungel den Penan-Nomaden anschloss und ihnen im Kampf gegen ihre Vertreibung beistand. Der aufwändig produzierte Film verbindet autobiografisches Material mit fiktiven Elementen und einer voluminösen Filmmusik zu einem bildmächtigen Opus über einen Zivilisationsflüchtling, der sich zum Kämpfer für humanitäre und ökologische Belange entwickelte und dafür mit seinem Leben bezahlte. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
BRUNO MANSER - DIE STIMME DES REGENWALDES
Produktionsland
Schweiz/Österreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Niklaus Hilber
Buch
Niklaus Hilber · Patrick Tönz · David Clemens
Kamera
Matthias Reisser
Musik
Gabriel Yared
Schnitt
Claudio Cea
Darsteller
Sven Schelker (Bruno Manser) · Charlotte Heinimann (Ida Manser) · Daniel Ludwig (Erich Manser) · Matthew Crowley (Carter-Long) · Raad Rawi (Boutros Boutros-Ghali)
Länge
142 Minuten
Kinostart
22.10.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic

Biografischer Film über den Schweizer Aussteiger Bruno Manser, der in den 1980er-Jahren im Dschungel von Borneo den Penan-Nomaden im Kampf gegen ihre Vertreibung beistand.

Diskussion

Das fiktive Biopic von Niklaus Hilber über den Schweizer Bruno Manser (1954-2005) ist als Öko-Movie heute topaktuell. Er steht zugleich in der Tradition von im tropischen Urwald spielenden Abenteuerfilmen wie Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ und Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ fort.

Bruno Manser lebte sechs Jahre bei den nomadisierenden Penan im Regenwald von Borneo, bevor er 1990 von der Regierung von Malaysia zur Persona non grata erklärt wurde und in die Schweiz zurückfloh. Zehn Jahre später kehrte der Menschenrechtler und Umweltschützer nach Borneo zurück, obwohl ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war. Nachdem er einige Tage bei einer ihm nahestehenden Penan-Sippe verbrachte hatte, reiste er im Mai 2000 weiter, um andere Stämme zu besuchen. Danach verliert sich seine Spur. Fünf Jahre später wurde Manser offiziell für verschollen und somit für tot erklärt.

Zumindest in der Schweiz ist der Name des umtriebigen Aktivisten, der sich unerschrocken mit Regierungen und internationalen Organisationen anlegte, auch 20 Jahre nach seinem Verschwinden noch präsent. Und der heutigen Jugend, deren Anliegen zum Teil den seinen entsprechen, müsste er eigentlich ein Vorbild sein. Bereits 2007 hat der Schweizer Filmemacher Christoph Kühn den Dokumentarfilm „Bruno Manser - Laki Penan“ gedreht, mit dem Kühn auf der Basis von Mansers reichhaltigen und bunt illustrierten Tagebüchern und Aufzeichnungen dessen Weg in den Urwald verfolgte.

Eine aufwändige Produktion

Niklaus Hilber legt nun mit der für Schweizer Verhältnisse ungewöhnlich aufwändigen fiktiven Biografie gleich doppelt nach. Auch „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ fußt auf belegten Ereignissen und Mansers 2004 im Verlag Christoph Merian erschienenen „Tagebücher aus dem Regenwald“. Zugleich aber nimmt sich der Film einige fiktionalisierende Freiheiten, die unter Mansers Anhängern für heftige Diskussionen sorgten. Und sei es nur, dass der blauäugige und blondhaarige Schauspieler Sven Schelker dem braunäugigen und dunkelhaarigen Vorbild physiognomisch auf den ersten Blick nur wenig ähnlich sieht.

Der Film beginnt bildmächtig und musikalisch pompös, mit minutenlangem, von orchestralen Klängen (Musik: Gabriel Yared) unterlegtem Kameraflug über die dicht bewaldeten Hügel von Borneo. Ort der Handlung ist Malaysia; gedreht wurde jedoch im indonesischen Teil der Insel. Über die Bilder und die Musik legt sich die Stimme eines Erzählers. Von der Entstehung der Welt weiß diese zu erzählen, eine Art Schöpfungsgeschichte, in deren Mittelpunkt ein in der westlichen Welt unbekannter Gott steht, dessen Name wiederholt auftaucht. Erst später, sagt diese Stimme, die Häuptling Along Sega gehört, habe man begriffen, dass Manser, dieses „Kind im Körper eines Erwachsenen“, Gottes Geschenk an die Penan gewesen sei.

Flucht ins Paradies

Für Manser ist dieser Flug eine Flucht ins Paradies: Als er im Jahr 1984 als 29-Jähriger nach Borneo aufbricht, sucht er vor allem nach innerer Ruhe. Auch will er herausfinden, wie sich das Leben jenseits des Konsumismus und ohne die Errungenschaften der Industrialisierung anfühlt. Er hatte davon gehört, dass im Regenwald von Borneo eines der letzten Nomadenvölker der Welt zuhause sei. Mit dem Kanu lässt er sich in den Dschungel bringen und zieht, als es zu Wasser nicht mehr weitergeht, allein in die Wildnis. Nach einigen Tagen stößt er auf eine Sippe von Penan. Der Film zeigt, wie behutsam und bedächtig sich Manser den Einheimischen nähert. Er lernt Sprache und Lebensweise der Penan, die als Nomaden Pflanzen und Früchte sammeln, fischen und jagen. Als die Einheimischen ihm den Namen „Laki Penan“ (Weißer Penan) geben, ist Manser in ihrer Gemeinschaft aufgenommen.

Die ersten Minuten schwelgt der Film in natursehnsüchtiger Idylle. Das mutet fast schon ein bisschen kitschig an. Eine sich zart anbahnende Liebesgeschichte zwischen Manser und einer jungen Penan-Frau verströmt zudem einen Hauch vor Romantik. Diese Lovestory ist frei erfunden; Manser hat sich in seinen Tagebüchern diesbezüglich nie geäußert. Doch dann taucht im Jahr 1987 ein Späher auf, der aufgeregt von Eindringlingen berichtet, die mit riesigen Maschinen Bäume fällen. Beeindruckend – oder erschreckend – ist die Szene, in der Manser und einige Penan eine Anhöhe erklimmen, von wo aus sich ihnen eine braune Schneise roher Verwüstung offenbart.

In der Folge wird davon erzählt, wie Manser sich für und mit den Penan gegen den Raubbau am Regenwald und die Rechte der Einheimischen einsetzt und dabei vom romantischen Aussteiger zum vehementen Umwelt- und Menschenrechtsaktivist wird. Den sechs Jahren in der Wildnis folgen zehn Jahre in der Schweiz, in denen Manser einen Fonds gründet und den Kampf der Penan aus der Ferne unterstützt. Seine Rückkehr nach Borneo war wohl gleichermaßen eine Folge von Erschöpfung wie auch der überhandnehmenden Sehnsucht nach einem Wiedersehen.

Ein Leben in der Wildnis

Es gibt in „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ so ziemlich alles, was einen in die tropische Wildnis führenden Abenteuerfilm ausmacht: prächtige Landschaftsaufnahmen, das Staunen eines Mitteleuropäers über die Urwüchsigkeit von Natur und Fauna und der daraus entstehende Eindruck einer Idylle. Dazu kommen eine Romanze zwischen dem weißen Abenteurer und einer indigenen Frau inklusive einer Sexszene, eine alles überstrahlende Männerfreundschaft und natürlich Action. Nicht nur, wenn Manser und die Penan Straßen verbarrikadieren und den Baggern der Holzfäller mutig die Stirn bieten, sondern auch bei Verfolgungsjagden im Urwald oder einer – CGI-generierten – Wildschweinjagd, der einzigen missratenen Szene des Films.

Gedreht wurde 13 Wochen lang auf Borneo, in der Schweiz und New York. Vor der Kamera standen neben weißen Schauspielern auch Menschen aus dem Volk der Penan. Hauptdarsteller Sven Schelker hat sich intensiv auf die Rolle vorbereitet und scheint sich mit Leichtigkeit in Mansers Selbstdeutung einzufühlen; er verleiht dessen zwischen romantischem Träumer und vehementem Kämpfer oszillierender Figur gleichwohl aber auch eigene Facetten. Erwähnen muss man auch Nick Kelesau, der den Penan-Häuptling Along Sega ohne jegliche schauspielerischen Vorerfahrungen herzerwärmend überzeugend interpretiert.

„Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ ist ein großer kleiner, über weite Strecken spannender und unterhaltsamer Film. Mitunter läuft er, insbesondere durch seine schwülstige Musik, Gefahr, ins Klischee abzurutschen. Doch er hat das Herz auf dem richtigen Fleck und vertritt wie sein Titelheld humanitäre und ökologische Positionen und Anliegen, die heute (und wohl noch lange) höchst dringlich sind.

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