Paris Calligrammes

Dokumentarfilm | Deutschland/Frankreich 2019 | 129 Minuten

Regie: Ulrike Ottinger

Die Filmemacherin Ulrike Ottinger erinnert sich an ihre „Exil“-Jahre in Paris, wo sie zwischen 1962 und 1969 inmitten der künstlerischen wie intellektuellen Bohème Wurzeln schlug und die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüche jener Zeit in sich aufnahm. In Gestalt einer prächtig „collagierten Erinnerungslandschaft“ verknüpft der Film historische Fotos, Filme, Zeitungsausschnitte, Töne und Musiken mit Ottingers eigenen Arbeiten zu einem Soziogramm ihrer Zeit als bildende Künstlerin in Paris. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Ulrike Ottinger
Buch
Ulrike Ottinger
Kamera
Ulrike Ottinger
Schnitt
Anette Fleming
Länge
129 Minuten
Kinostart
11.06.2020
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Die Filmemacherin Ulrike Ottinger erinnert sich an ihre „Exil“-Jahre in Paris zwischen 1962 und 1969, wo sie inmitten der künstlerischen wie intellektuellen Bohème Wurzeln schlug.

Diskussion

Mit seinem Gedichtband „Calligrammes. Gedichte vom Frieden und vom Krieg 1913-1916“ schuf der französische Dichter Apollinaire eine moderne, heute würde man sagen: hybride oder transitive Kunstgattung: Kalligramme. Figurengedichte, in denen die Worte als Bilderschrift zu visuellen Figuren geformt werden. Intermediale Kunstwerke, deren grafische Gestaltung des Textkörpers zum literarischen Text hinzutritt und als Formelement seine Wahrnehmung mitbestimmt. Dieses Ineinandergreifen von Dichtkunst und bildender Kunst erzeugt neue Artefakte – visuelle Wahrnehmungsobjekte mit eigener Bedeutungsebene.

Apollinaires Gedichtband wurde zum Namensgeber eines kleinen Buchladens in Saint-Germain-des-Près, von dem aus Ulrike Ottinger nach ihrer Ankunft in Paris im Jahr 1962 das Kunst-Mekka an der Seine erkundete. In ihrem neuen Film verwebt die Filmemacherin die persönliche Rückschau auf ihr Leben inmitten der Pariser Bohème zu einer prächtig „collagierten Erinnerungslandschaft“, welche die turbulenten 1960er-Jahre und all ihre gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüche aufleben lässt.

Ein filmisches Figurengedicht

Ottinger verknüpft historisches Archivmaterial – Fotos, Filme, Zeitungsausschnitte, Töne und Musiken als Gedächtnissplitter – mit eigenen künstlerischen und filmischen Arbeiten zu einem Soziogramm ihrer Zeit als bildende Künstlerin in Paris und zugleich zu einem abwechslungsreich montierten filmischen „Figurengedicht“.

Damals war die französische Hauptstadt noch ein Anziehungspunkt für Kunstschaffende aus aller Welt. Auch für Ulrike Ottinger, die mit der Absicht nach Paris kam, eine große Malerin zu werden. Der deutsche Emigrant Fritz Picard machte sie in seiner legendären Librairie Calligrammes, einem Treffpunkt deutscher Exil-Intellektueller und französischer Künstler, mit wichtigen Akteuren der Pariser Kunstszene bekannt.

In acht Kapiteln entwirft der Film eine Kartografie „ihrer“ Stadt: von den berühmten Museen auf dem rechten Seine-Ufer über die versteckten Künstlerateliers von Montparnasse, die Cafés der Existenzialisten in Saint-Germain-des-Près und die Jazzkeller im Quartier Latin bis zu der neu eröffneten Cinémathèque française im Trocadéro-Palast, in der sie ihre Liebe zum Kino entdeckte.

Ich folge den Spuren

Beim Flanieren durch die Stadt überlagern sich die reale Topografie der Straßen, Quais und Plätze mit ihren Zeugnissen der französischen Kolonialgeschichte, des Algerienkriegs und der Studentenrevolte mit Ottingers imaginierten Stadt der bildenden Künste, der Musik und Literatur. „Ich folgte den Spuren meiner Heldinnen und Helden“, erzählt sie, „und wo immer ich sie fand, werden sie in diesem Film erscheinen.“ Sie studierte Radierung im Atelier von Johnny Friedlaender, hörte Vorlesungen von Claude Levi-Strauss, Louis Althusser und Pierre Bourdieu, begegnete exilierten Figuren des deutschen Kulturlebens wie Lotte Eisner, Valeska Gert, Walter Mehring oder Tristan Tzara.

Ottingers exklusives Archivmaterial beeindruckt auch durch einige Unikate: etwa Fotografien von Pierre Bourdieu aus seiner Zeit als Soldat in Algerien und Ré Soupaults Aufnahmen von einer Reise durch Tunis sowie einem historischen Fernsehinterview mit dem Begründer des ethnografischen Films Jean Rouch über Johnny Weissmüller als Tarzan.

Intermediales Kunstwerk

Inspiriert vom „Gehen und Sehen“ durch „die“ oder in „der“ Metropole Walter Benjamins wollte Ottinger alles Erlebte sogleich künstlerisch umsetzen; in comichaft narrativen Pop-Gemälden beschäftigte sie sich mit den Ereignissen, Fragen und Kunstrichtungen der Zeit und entwickelte ihren eigenen Stil, den sie nach 1969, als sie Paris wieder Richtung Deutschland verließ, filmisch ins Räumliche übersetzte.

Die Autogenese einer Künstlerin im Werden als einem filmisch fixierten Erinnerungsvorgang konterkarieren aktuelle Filmimpressionen aus Paris, die von jenen Veränderungen der französischen Gesellschaft zeugen, die Vergangenes nur noch auf dem Weg des Erinnerns erfährt. In diesen ruhigen beobachtenden Passagen treffen Ottingers Reflexionen über die dekolonialen Bewegungen der 1960er-Jahre auf die Bilder einer multiethnischen Gesellschaft von heute. „Paris Calligrammes“ verdichtet Namen und Spuren aus einer versunkenen Zeit zu einem schillernden Bilderkaleidoskop und einem intermedialen Kunstwerk, in dem sich Geschichte und Gegenwart, Kunst und politisches Statement kondensiert.

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