Coming-of-Age-Film | Deutschland 2019 | 83 Minuten

Regie: Melanie Waelde

Fünf Jugendliche, die noch nicht so recht wissen, wie es nach dem Abitur weitergehen soll, haben sich in Brandenburg zu einer Wahlfamilie zusammengeschlossen. Zwischen Schul-Ende, Kampfsport und der Geborgenheit in einer schäbigen Wohnung testen sie die Grenzen zwischen Fürsorge und Befremden, Angst und Zuneigung aus. Alles ist fluide in den fast dokumentarisch gedrehten, von souveränen Jungdarstellern gespielten Szenenfolgen, die keine Geschichte im eigentlichen Sinn erzählen, sondern in wagemutigen, oft sehr skurrilen Ellipsen einen ebenso kraftvollen wie fragilen Zwischenzustand beschreiben. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Melanie Waelde
Buch
Melanie Waelde
Kamera
Fion Mutert
Schnitt
Jessica Schneller
Darsteller
Marie Tragousti (Katja) · Sammy Scheuritzel (Sascha) · Michelangelo Fortuzzi (Benni) · Luna Schaller (Laila) · Paul Michael Stiehler (Schöller)
Länge
83 Minuten
Kinostart
17.09.2020
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama

Fast dokumentarisch anmutender Film über eine Gruppe Jugendlicher in einem brandenburgischen Dorf, die zwischen Kampfsport und Abi-Vorbereitung um Nähe und Distanz ringt.

Diskussion

Um zu beschreiben, was „Nackte Tiere“ mit seinen Zuschauern während seiner sehr kurzen 83 Minuten anstellt, genügt eine Szene zu Beginn des Films: Eine junge Frau, die ein wenig wie die jugendliche Sandrine Bonnaire in Agnès Vardas „Vogelfrei“ (1985) aussieht, geht durch einen Schulflur. Jugenddrama? Drogen, Missbrauch? Die Kamera schleicht halb eingeschüchtert, halb neugierig hinter dem Mädchen her. „Katja?“, ruft jemand. Die junge Frau dreht sich um und verpasst dem, der sie gerufen hat, einen Fausthieb ins Gesicht. Der andere haut zurück, sie prallt gegen die Schließfächer, fasst sich an die blutende Schläfe und kichert leise in sich hinein, als sei dies ein besonders gelungener Scherz und das Blut seine Pointe.

Im übertragenden Sinn geht es in „Nackte Tiere“, dem zupackend dichten, immer wieder in eine schwerelose Komik ausbrechende Langfilmdebüt von Melanie Waelde immer so zu. Kaum will man sich in einer gewohnten Dramaturgie gemütlich einrichten, bekommt man ruckzuck eine seltsame Szenenfolge oder einen überraschenden Seitenblick ins Gesicht geknallt. 

Zehn Liegenstützen

In dem brandenburgischen Dorf, in dem Katja (Marie Tragousti) und ihre Clique leben, ist das Kampfsport-Training das Einzige, das neben der Schule den Alltag strukturiert. Katja und ihr Kumpel Sascha (Sammy Scheuritzel) trainieren nicht nur sich selbst; sie unterrichten auch Kinder und sind dabei genauso wenig zimperlich; zehn Liegestützen befehlen sie dem kleinen Jungen, der auf seine abgelenkte Gegnerin einschlägt. Zehn Liegestützen muss aber auch das Mädchen absolvieren, denn: „Du hast deine Deckung fallengelassen“. Harte Bandagen, an denen niemand Anstoß nimmt.

 „Nackte Tiere“ ist allerdings kein weiterer trister Film über Jugendgewalt in der brandenburgischen Einöde. Und auch keine weitere nostalgische Überhöhung der Zeit zwischen Jugend und Erwachsensein. Die 1992 in Bayern geborene Regisseurin Melanie Waelde, die an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) Drehbuch studiert hat, versammelt eine Wahlfamilie irgendwo im Kreis Teltow-Fläming und schaut ihnen zu, so wie man seltsamen, aber doch auch possierlichen Tieren zusieht. Ihr Lebensraum ist öde, aber er ist nun mal ihrer. Ohne Auto sind sie aufgeschmissen, das Abi braucht man eigentlich nur, um von hier wegzukommen. Also: Bleiben oder gehen? 

Eine andere Art, „Hallo“ zu sagen

Keine der Figuren entspricht jenen fest umrissenen Typen oder steht auf jenen Rangpositionen, wie sie in Gruppenkonstellationen üblich sind. Sascha ist der erwachsenste in der Clique. Er und Katja mögen und vertrauen einander. Ihr Schlagabtausch im Schulflur war so etwas wie ihre Art, einander „Hallo“ zu sagen. Kämpfen, küssen und kiffen ist so normal wie schlafen oder essen. Sascha hat als einziger keine Angst vor Katja, die ihn später im Film aber fast erwürgen, seine Hand verletzen, ihn aber dann zum Arzt begleiten wird. Warum, weiß keiner.

Die von der undurchschaubaren Marie Tragousti souverän gespielte Katja ist das unzuverlässige Zentrum, auf das sich alle anderen beziehen; ihr Komplementärcharakter ist der melancholische Benni, in dessen Wohnung sich die Freunde eingenistet haben, allein schon deshalb, um auf ihn aufzupassen und gegebenenfalls zu retten, denn er neigt zur Selbstgefährdung. Warum, wird nicht erörtert. Dieses Nichtwissen stört hier auch nicht, sondern schmiegt sich an das Nichtwissen der Figuren an.

Auch Erwachsene sind weitgehend egal, und das ist nur konsequent. Laila (Luna Schaller) hat zwar eine gewalttätige Mutter mit rosa gefärbtem Haar, aber die spielt keine große Rolle. Laila und Schöller (Paul Michael Stiehler), der fünfte im Freundesbund, scheinen ein Paar zu sein, aber Schöller erwägt ebenso, Sex mit Katja zu haben, was die ohne großes Gewese ablehnt. Kein Problem, keine Folgen. Manchmal gibt’s ein wenig Eifersucht. Und immer wieder auch Angst - voreinander, um einander.

Schlagen, sich sorgen, abgrenzen

Eskaliert und geklärt wird nie verbal, sondern bevorzugt körperlich, so als langweile die Figuren das übliche Drehbuchgequassel genauso wie die Regisseurin. Einzig der weiche, immermüde Frühromantiker Benni (Michelangelo Fortuzzi) versucht, der Welt und seiner bewunderten Freundin Katja mit verschlafen-pointierten Worten habhaft zu werden. Mit mäßigem Erfolg.

Im eingezwängten, fast quadratischen Format (Kamera: Fion Mutert), in dem die Figuren im Autofocus oft zwischen Ferne und Nähe hängen, kann jederzeit alles ineinander kippen oder gleiten: das Zuschlagen in die Behutsamkeit, das Sich-Abgrenzen ins Füreinander-Sorgen, das Doof-Finden ins Einander-Retten. Visuell wird das in pointierten, kurzen Schnitten erzählt, die weglassen und abkürzen, anstatt breitzutreten. Das erzeugt oft einen ziemlich schrägen Witz. „Nackte Tiere“ entwickelt also keine Geschichte im klassischen Sinn, sondern beobachtet mit viel Gespür für Lücken und Rätsel einen Zwischenzustand, der mit „Erwachsenwerden“ und „alle Möglichkeiten haben“ nur unzureichend beschrieben ist.

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