Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga

Komödie | USA 2020 | Minuten

Regie: David Dobkin

Seit Kindesbeinen an träumt ein Isländer davon, am weltgrößten Gesangswettbewerb teilzunehmen. Er gründet eine Popband und schafft es auf absurd-holprigen Wegen bis ins Finale, wobei er sich zugleich über seine Gefühle für eine Bandkollegin klarwerden muss. Die auf den Hauptdarsteller Will Ferrell zugeschnittene Komödie nutzt die grellbunte Eurovision-Welt als überbordende, auf Camp getrimmte Gag-Maschinerie, kann sich aber nicht so recht entscheiden, ob sie eine Satire oder eine romantische Komödie sein will. Die revueartigen Showeinlagen der fiktiven Bands sind dennoch brüllend komisch. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
EUROVISION SONG CONTEST: THE STORY OF FIRE SAGA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
David Dobkin
Buch
Will Ferrell · Andrew Steele
Kamera
Danny Cohen
Musik
Atli Örvarsson
Darsteller
Will Ferrell (Lars Erickssong) · Rachel McAdams (Sigrit Ericksdottir) · Pierce Brosnan (Erick Erickssong) · Dan Stevens (Alexander Lemtov) · Ólafur Darri Ólafsson (Neils Brongus)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie | Musikfilm

Überdrehte Komödie um einen isländischen Musiker, der alles dafür geben würde, um am europäischen Gesangswettbewerb teilzunehmen.

Diskussion

Will Ferrell ist schamlos. Immer dann, wenn der US-amerikanische Schauspieler sich selbstvergessen in peinliche Situationen stürzt, erzeugt er kurz vor dem totalen Entgleisen Momente wahrer Komik. Etwa als Kuhglocken schwingender Musiker in einem Sketch der Comedyshow „Saturday Night Live“, als Eistänzer im hautengen Glitzerkostüm in „Die Eisprinzen“ oder als Harold Crick aus „Schräger als Fiktion“, der einen mehrminütigen Wut-Zusammenbruch durchmacht, als er erfährt, dass er eine Romanfigur ist. Diese Kind-Männer sind in ihrer Ernsthaftigkeit tragikomisch und nervtötend zugleich. Das funktioniert mal besser, mal schlechter und endet meistens in selbstironisch-überdrehten Schreisalven und einem Humor, der zwischen welpenhaften Kinderlachern und unter der Gürtellinie landenden Pupswitzen changiert.

Waterloo & Ericksong

Die Erwartungshaltung an Ferrells neuesten Unfug mit dem etwas sperrigen, nach Werbefilm anmutenden Titel „Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga“ ist deshalb eindeutig. Der Film ist Ferrells erste Zusammenarbeit mit dem Streaming-Anbieter Netflix. Ferrell entwickelte das Drehbuch über mehrere Jahre und schrieb sich die Hauptrolle auf den Leib: Lars Ericksong, dessen Name ein ulkig-niedliches Kofferwort aus dem isländischen Nachnamen Erickson und dem englischen „Song“ ist, also ein doppelt sprechender Name, in dem Lars’ ganzen Dasein schon enthalten ist.

Lars, der in einem kleinen isländischen Fischerdorf aufwuchs, träumte seit seiner Kindheit davon, den „Eurovision Song Contest“ zu gewinnen, jene absurde Kreuzung aus Schlagerstadel und Superbowl, die in den 1950er-Jahren gegründet wurde, damit das Nachkriegseuropa näher zusammenrückte. Lars hat 1974 die schwedische Popsensation ABBA mit „Waterloo“ live im Fernsehen triumphieren sehen und ist seither auf seine Musikkarriere fixiert. Im Schlepptau: seine früher schüchterne Kindheitsfreundin Sigrit, wunderbar kauzig-liebenswürdig gespielt von Rachel McAdams, die mit ihm zusammen in eine spontane Karaoke-Performance ausbrach, als er wild vor dem Fernseher zu ABBA tanzte.

Der Rest der Handlung ist damit vorherbestimmt. Die beiden gründen eine Euro-Pop-Band namens „Fire Saga“, schaffen trotz des Spotts ihrer Familien auf absurd-holprigen Umwegen tatsächlich die Teilnahme am Eurovision Song Contest und suchen für ihre Beziehung eine neue Basis, um in die Zukunft blicken zu können.

Die Gag-Maschinerie entwickelt ihren eigenen Sog

Wenn Will Ferrell in „Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga“ mit wallendem Haar und Glitzeranzug auf einer Showbühne in einem gigantischen Hamsterrad läuft, ist das in gewisser Weise auch eine Metapher für sein eigenes Schaffen. Auch Ferrell scheint auf der Stelle zu treten. Ob er nun als Schlittschuhläufer, Nascar-Fahrer oder Schlagersänger allen Widrigkeiten zum Trotz nach oben strebt, scheint fast egal. Doch die grellbunte Eurovision-Welt funktioniert als Gag-Maschine, und die überbordende Camp-Ästhetik aus megalomanen Bühnenshows, kinky Kostümen und dadaistisch-bescheuerten Liedtexten entwickelt ihren eigenen Sog.

Ferrell und Regisseur David Dobkin hatten sichtlich Spaß, fiktive Bands und Songs zu entwickeln: Das Musikvideo zu Fire Sagas Lied „Volcano Man“ ist eine brüllend komische Zuspitzung vieler Nonsens-Produktionen vor gewaltiger Naturkulisse mit Wasserfall und Schnee-Engel, und Dan Stevens sticht als Alexander Lenitov heraus. Eine Mischung aus Phantom der Oper, König der Löwen und George Michaels Föhnfrisur, schmettert er den anzüglichen Ohrwurm „Lion of Love“. Nebenher schmachtet er die schüchterne Sigrit an und treibt Lars damit zur Weißglut. Denn der hält sich eisern an sein Credo: „Romantik killt Bands.“ Fleetwood Mac, ABBA und – Obacht, Schenkelklopfer – „Samen“ und Garfunkel seien dafür Beweis genug.

Manches läuft ins Leere

Dementsprechend ist der Film ein bisschen wie Bingo. Wird eine Nummer aufgerufen, auf die man gewartet hat, kann man freudig einen Stempel setzen. Feuerwerk, check, opernhafter Stimmumfang, check, Conchita Wurst, check. Dazwischen wartet man wieder auf die nächste Showeinlage. Die offensichtlich ernsthafte Freude an dem überbordenden Camp des Settings hätte mehr hergegeben, und möglicherweise ist Ferrell auch Opfer der künstlerischen Freiheit geworden, die Netflix seinen Filmemachern gewährt. Eine Straffung des Drehbuchs hätte sicherlich geholfen, um die Satire dieses in sich schon überdrehten Events herauszuarbeiten, oder die aufkeimende Liebesbeziehung zwischen Lars und Sigrit in einer romantischen Komödie ins Zentrum zu rücken. Beides zusammen lässt manche Effekte ins Leere laufen. Man mag es kaum glauben, aber diesmal ist Will Ferrell nicht extrem genug. Gelegentlich will man „More Cowbell!“ rufen.

Kommentar verfassen

Kommentieren