Normal People (2020)

Drama | Irland 2020 | Minuten

Regie: Lenny Abrahamson

Ein Junge und ein Mädchen in der irischen Provinz, beide aus sozial sehr unterschiedlichen Elternhäusern, sie eine kluge Außenseiterin, er an der Schule allseits beliebter Football-Star, lernen sich kennen und verlieben sich. Die Serie verfolgt die Entwicklung ihrer spannungsvollen Beziehung über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg, über den ersten Sex und eine Trennung hinweg bis zum erneuten Kreuzen der unterschiedlichen Lebenswege als junge Erwachsene in Dublin. Dank der zwei Hauptdarsteller und einer sensiblen Regie gelingt es, die jugendlichen Gefühlswirrungen trotz mancher plakativen Situationen glaubwürdig-mitreißend zu vermitteln. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
NORMAL PEOPLE
Produktionsland
Irland
Produktionsjahr
2020
Regie
Lenny Abrahamson · Hettie MacDonald
Buch
Sally Rooney · Alice Birch · Mark O'Rowe
Kamera
Suzie Lavelle · Kate McCullough
Musik
Stephen Rennicks
Schnitt
Nathan Nugent · Stephen O'Connell
Darsteller
Daisy Edgar-Jones (Marianne) · Paul Mescal (Connell) · Desmond Eastwood (Niall) · Aislín McGuckin (Denise) · Sarah Greene (Lorraine)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Serie

Eine Serienverfilmung von Sally Rooneys gleichnamigem Roman: Das Porträt einer spannungsreichen, wechselvollen Freundschaft und Liebe, beginnend in der Schulzeit eines Jungen und eines Mädchens in einer irischen Kleinstadt im County Sligo bis hin zum Leben als junge Erwachsene am Trinity College in Dublin.

Diskussion

Sie ist die Leserin und Außenseiterin, er der Football-Spieler und Womanizer. Sie stammt aus einer reichen, er aus einer armen Familie. Klischeehafter hätte Sally Rooney, die Autorin der Vorlage (die auch am Drehbuch der Serien-Adaption beteiligt war), die zwei Hauptfiguren nicht anlegen können. Natürlich sind die Jugendlichen Marianne und Connell fasziniert voneinander, und natürlich bekennt sich niemand zum anderen, da die zwei an völlig unterschiedlichen Stellen der Beliebtheitsskala ihrer Mitschüler stehen.

Not another love story

Trotz dieser wenig originellen Ausgangssituation ist „Normal People“ aber durchaus nicht nur die x-te High-School-Love-Story. Der Bestseller von Sally Rooney wurde von der anglosächsischen Kritik so sehr gefeiert und gehypt, dass er 2018 auf der Longlist des Man Booker Prize landete; BBC und Hulu sicherten sich zügig die Rechte an der Serienadaption.

Diese beginnt in der irischen Kleinstadt Sligo, als Marianne (Daisy Edgar-Jones) und Connell (Paul Mescal) im letzten Schuljahr sind, und verfolgt die Lebenswege der beiden über vier Jahre hinweg. Allein das unterläuft schon das gängige Coming-of-Age-Genre, dessen Filme normalerweise kaum über die „Prom Night“ hinausreichen. „Normal People“ ist dagegen eine Langzeitbeobachtung in der Tradition von „Harry und Sally“ oder „Zwei an einem Tag“. Und statt auf eine Spielfilmlänge verkürzt, können sich in „Normal People“ die Lebensstationen über 12 Serien-Episoden hinweg entfalten.

When Connell met Marianne

Das Kennenlernen und das Näherkommen am Anfang inszeniert das Regie-Duo Lenny Abrahamson und Hettie MacDonald sehr sensibel: Wenn Connell seine Mutter abholt, die wiederum bei Mariannes Mutter als Putzfrau arbeitet, sind es nach den wenigen Dialogzeilen die verlegenen Blicke nach unten, nach oben, zur Seite, ein Biss auf die Unterlippe oder eine ungelenkige Handbewegung, die vom hormonellen Gefühlsrausch der Heranwachsenden erzählen. Die ersten Flirts sind ein unsicheres Austesten von Grenzen: auf eine Provokation folgt eine ironische Bemerkung, die von einer Entschuldigung wieder relativiert wird.

Dieses unsichere romantische Vor und Zurück prägt auch die körperliche Beziehung: Erst reißen sich die beiden die T-Shirts vom Leib, dann zweifelt Marianne an sich und fragt, ob es nicht „much prettier girls“ gibt. Endlich glücklich im Bett gelandet, werden Fragen gestellt wie „Do you have a condom?“ oder „If that hurts, we can stop.“ Die (erfrischend natürlich wirkende) Szene rund um den ersten Sex der beiden dauert sieben Minuten, wobei die halbe Zeit keine Küsse oder Gestöhne zu hören sind. Trotzdem wirken Marianne und Connell sinnlich dabei. Einstudiert wurde das Ganze mit Hilfe der Choreographin und Intimitätskoordinatorin Ita O’Brien, wofür sie in der Post-#MeToo-Filmbranche viel Zuspruch bekommen hat.

Das Leben ist eine Grande Tour

Auf das vorsichtige Sich-aneinander-Herantasten folgt im Lauf der Serie dann aber auch wieder das Sich-Entfernen: Jede erste Liebe endet früher oder später; das müssen auch Marianne und Connell erfahren. Jahre später treffen sich die beiden am Trinity College in Dublin wieder. Jetzt ist sie die Beliebte und er der Außenseiter. Abschätzige Blicke treffen Connell auf einer Party, als er erzählt, sich ein Zimmer mit einem Mitbewohner zu teilen. Marianne hat mittlerweile einen festen Freund, Connell ist dagegen ein datender Single. Jetzt begegnen sie sich als Freunde auf Augenhöhe. Die Blicke sind standhafter, selbstbewusster, gelegentlich arrogant.

Italien ist die nächste Station des Wiedersehens. Sie empfängt ihn, der als Backpacker unterwegs ist, in ihrer gemieteten Villa. Die soziale Ungleichheit des Paars wirkt bisweilen zwar arg plakativ; nicht plakativ wirken dagegen die unterschiedlichen Entwicklungen der beiden Lebenswege. Marianne verbringt ein Auslandsemester in Schweden, Connell erleidet zeitgleich eine Krise in Irland, als sein früherer Schulfreund Selbstmord begeht. Über Skype tröstet Marianne Connell. Vor dem Computer schlafen sie ein – fast nebeneinander.

Schlussendlich spielt die Serie immer mit der Vorstellung, dass die erste Liebe doch die wahre und einzige ist. Die Schauspieler Daisy Edgar-Jones und Paul Mescal verleihen Marianne und Connell eine solche Glaubwürdigkeit, dass man sich im Laufe der Serie dem Sog dieser hoffnungslosen Romantik kaum entziehen kann.

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