Das letzte Wort (2020)

Serie | Deutschland 2020 | 243 (sechs Folgen) Minuten

Regie: Aron Lehmann

Eine Zahnarztgattin erfährt nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, dass dieser seit Jahren ein Doppelleben führte und sie daher mittellos ist. Als sie angesichts einer standardisierten Trauerrede bei der Beerdigung spontan selbst zum Mikrofon greift, entdeckt sie jedoch ihre Berufung: Als unkonventionelle Grabrednerin steht sie fortan anderen Hinterbliebenen bei. Tragikomische Miniserie, die tröstlich und menschenfreundlich vom Umgang mit dem Verlust und unterschiedlichen Formen der Trauer erzählt. Dabei beeindruckt die Klischeefreiheit des Szenarios ebenso wie die außerordentliche Qualität von Dialogen und Darstellern. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Aron Lehmann · Pola Beck
Buch
Aron Lehmann · Carolina Zimmermann · Carlos V. Irmscher · Nora Valo · Burkhardt Wunderlich
Kamera
Andreas Berger
Musik
Boris Bojadzhiev
Schnitt
Ana de Mier y Ortuno · Simon Blasi · Laura Heine
Darsteller
Anke Engelke (Karla Fazius) · Thorsten Merten (Andreas Borowski) · Nina Gummich (Judith Fazius) · Johannes Zeiler (Stefan Fazius) · Aaron Hilmer (Ronnie Borowski)
Länge
243 (sechs Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Serie | Tragikomödie

Eine tragikomische Serie um eine Frau, deren Mann nach 25 gemeinsamen Jahren stirbt und die sich durch den Verlust ihre Berufung zur unkonventionellen Trauerrednerin erfährt.

Diskussion

Was kann ein Mensch beim Kondolieren nicht alles falsch machen. Sogar ein Bestattungsprofi wie Andreas Borowski, gespielt von Thorsten Merten, kommt da bei aller Routine – oder gerade deshalb – an seine Grenzen: Betroffen reißt er seine irrblauen Augen auf, neigt sich zu Karla Fazius, die soeben ihren Mann verloren hat, und reicht ihr die Hand: „Mein herzliches Beileid.“ Fazius, angeödet von so viel floskelhafter Beflissenheit und außerdem gespielt von Anke Engelke, fragt ernüchtert: „Haben Sie auch jemanden verloren, oder warum stehen Sie so krumm?“

Die DNA der bis ins kleinste Detail perfekt getimten, brillant geschriebenen und noch besser besetzten sechsteiligen Miniserie „Das letzte Wort“, das sagt ja schon der Titel, bildet die Pointe. Alles steckt hier voller aufblitzender, vorher verborgener Worte und Wahrheiten. Verborgen waren sie nicht unbedingt nur deshalb, weil jemand etwas verschwieg (das auch). Sondern vor allem, weil Menschen einander zu wenig zuhören. Dann kommt zum Beispiel der Tod, die Pointe schlechthin, und dann ist es auf einmal zu spät. Dann braucht es neue Worte, um den, der nicht mehr da ist, wenigstens post mortem doch noch verstehen und sich von ihm wirklich verabschieden zu können.

Mit Albernheit und Ernst blitzschnell zur Sache

Und obwohl das jetzt womöglich alles sehr didaktisch oder psychologisch überfrachtet klingt, ist „Das letzte Wort“ von einer Leichtigkeit, von der man mal wieder sagen möchte, diese sei in deutschen Fernsehproduktionen selten, wäre dies nicht selbst schon so abgenutzt wie eine gestanzte Trauerrede. Unter der Regie von Aron Lehmann, der die Serie nach einer Idee Thorsten Mertens zusammen mit Carlos V. Irmscher, Nora Valo und Carolina Zimmermann auch schrieb, geht es schon in der ersten Folge mit Albernheit und Ernst blitzschnell zur Sache: In ihrer Berliner Altbauwohnung feiern Karla (Engelke) und ihr sanfter Mann Stephan (Johannes Zeiler) gerade Silberne Hochzeit, das Licht funkelt entsprechend wie in einem familienharmonieseligen Werbespot, überall hängen Luftballons und Luftschlangen, und am weißen Klavier sitzt Karla und singt vor den versammelten Gästen ihrem Mann ein ebenso zärtliches wie zotiges Liebeslied. Wie eine langsam explodierende Bombe wird sich hier aber alles als falsch entpuppen, denn was mit der Zeile „Ich kenn’ dich besser als du dich selbst“ beginnt, wird erstens nicht zu Ende gesungen, weil die Gäste immer weniger zuhören, und ist zweitens nicht wahr: Stephan führte ein Doppelleben. Das entdeckt Karla, nachdem er tot mit dem Kopf auf die Tischplatte gefallen ist.

Allein die Tatsache, dass den AutorInnen zum Thema Doppelleben etwas anderes einfiel als eine heimliche Geliebte, zeigt, wie unverstellt sie sich über menschliche Ur-Sehnsüchte Gedanken machten. Außer Nahrung, Schlaf und Sex ist dies das ziemlich weit verbreitete Bedürfnis nach selbstbestimmtem Tätigsein jenseits ökonomischer Zwänge. Glücklich sei er gewesen, sagt Karla einmal über ihren Mann, aber sie wisse nicht, wie er das gemacht habe – angesichts eines „pubertierenden Sohnes“ (Juri Winkler), einer „launischen Tochter“ (Nina Gummich) und einer „unzumutbaren Ehefrau“. Jetzt also weiß sie es: Ihr Zahnarzt-Gatte ging die letzten beiden Jahre statt zur Arbeit in sein Kunstatelier. Dort fand er in aller Verborgenheit sein von anderen unabhängiges Glück.

Geld brachte er damit keins nach Hause, womit geschickt plausibilisiert wird, dass auch im Jahr 2020 eine Witwe nach dem Tod des Ehemanns in finanzielle Bedrängnis geraten kann. Karla, die bisher „dies und das“ ausprobierte, muss also arbeiten. Was dann erst alles in Gang setzt: Aus ihrer Schockstarre aufgeweckt von der hilflos zusammengeschusterten Rede des Bestatters Borowski, greift sie selbst zum Mikrofon und entdeckt das Genre Grabrede für sich. Und weil sie trotz ihres leicht verspießerten Zahnarztgattinnen-Aussehens glaubwürdig einen Draht zu Menschen mit unkonventionellen Lebensläufen findet, hilft sie dem verstaubten Bestattungsunternehmen nebenbei auch noch aus der Klemme.

Vom Verwandeln des Erstarrten in Lebendiges

Davon handelt „Das letzte Wort“: vom Verwandeln des Erstarrten in Lebendiges. Der große Gleichmacher Tod bekommt mit Anke Engelkes zwischen Pragmatismus und Trauer, anarchischem Witz und Selbstbeherrschung balancierender Karla eine ernsthafte Widersacherin: Pietätvollen Standards setzt sie die nicht immer gefällige Individualität der soeben noch gelebt Habenden entgegen. In den sich zunächst noch unsicher vorantastenden Gesprächen mit den Hinterbliebenen – Karla hat ja selbst keine Ahnung, nicht einmal von ihrer eigenen Familie – wird sie zur Geburtshelferin von Erzählungen, ja regelrechten Entladungen, die sie auch überfordern – sie ist ja keine Therapeutin. Jeder Fall zeigt, dass man einander eigentlich schon lange nicht mehr gekannt hat, dass es aber besser werden kann. Und dass es, wie Borowski einmal sagt, keine richtige Art zu trauern gebe und also auch keine falsche. 

Das gilt auch für Karla selbst. In vielen kleinen, feinen Mini-Kammerspielen führt sie in Stephans Atelier mit dem halluzinierten Toten Gespräche. Sie will unter anderem verstehen, was das wiederkehrende Motiv auf seinen Bildern bedeutet („Zähne? Penisse?“). Binnen Sekunden kippt die Tragik ins Komische: Einmal wirft sich der halluzinierte Stephan ein Laken über den Kopf und sagt: „Huh, ich bin ein Geist!“ Karla verdreht die Augen über so viel Albernheit. Ein Gag, natürlich, aber zugleich eine Ehrenrettung solcher Hirngespinste, die Trauernden helfen können und die man, wie die Hirnforschung heute weiß, deshalb nicht fürchten oder bekämpfen muss.

Pro Folge gilt es einen Todesfall zu beackern, und diese reichen vom jugendlichen Psychopathen über die Yogalehrerin, die ihre eigene Tochter drangsalierte, bis zum bisexuellen Lebenskünstler, dessen Exfrau und männlicher Geliebter im tristbraunen Borowski-Büro einen leisen Konkurrenzkampf um die biografische Deutungshoheit ausfechten. Anders als zu erwarten, werden diese Geschichten und Kurzporträts trotz der anekdotischen Kürze nicht wie in einer Freakshow hintereinander aufgefahren. Stattdessen wirkt jeder Trauerfall wie das Ende eines Films, den man gerne gesehen hätte. 

Liebevolle Arbeit an den Figuren

Die liebevolle Arbeit an den Figuren spiegelt sich und setzt sich fort in Borowskis Sohn Ronnie: Aaron Hilmer spielt den still und heiter seine Arbeit verrichtenden Leichenpräparator als selbstbewussten, wenn auch ein wenig aus der Zeit gefallenen jungen Mann, der sich gegen den ständigen Ehekrach seiner Eltern abzugrenzen weiß, ohne sich seinerseits in Hass zu verzetteln. Jede Nebenfigur verdiente hier ein eigenes Kurzporträt, von Oma Mina (Gudrun Ritter), die wegen Dealens nun auch aus dem fünften Pflegeheim flog und fortan Karlas Wohnzimmer besiedelt, über die wunderbar ätzende Borowski-Gattin Frauke (Claudia Geisler-Bading), die lieber mit den Fischen im Aquarium spricht als mit ihrem Mann, bis hin zum melancholischen Witwer mit französischem Akzent (Mehdi Nebbou), der zarte Zuneigung zu Karla entwickelt. Und wenn Karlas Tochter Judith schalen Trost in Sex mit dem als Altenheim-Clown arbeitenden Ex (Sebastian Fräsdorf) sucht und dieser ihr postkoital seine Liebe erklärt, prangt am Judiths Kopfende der Aufkleber „Atomkraft? Nein danke!“, wobei das „nein danke“ vom Kopfkissen so verdeckt bleibt wie ihre Abneigung unausgesprochen. 

Obwohl die Serie vielleicht etwas zu offensiv Ocker-Töne einsetzt, die laut Farbpsychologie Gemütlichkeit, Stabilität und Mitgefühl erzeugen sollen, ist „Das letzte Wort“ eine tröstliche, menschenfreundliche Serie über die Notwendigkeit, gehört zu werden, bevor alles zu spät ist. Paolo Contes heiser dahinschlendernder Song „Sparring Partner“, gewissermaßen Stephans musikalisches Leitmotiv und als hupendes Fragment sogar in Karlas Handyklingelton präsent, klingt noch lange nach, wie eine neue, alte Verliebtheit.

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