Horror | Deutschland 2020 | 8 Folgen Minuten

Regie: Thomas Stuber

Eine deutsche Haunted-House-Serie: Nach dem Tod seiner Mutter zieht ein 16-Jähriger mit seinem Vater in einen heruntergekommenen Plattenbau. In dem Gebäude, in dem der Vater die Stelle des Hausmeister antritt, geht es allerdings nicht mit rechten Dingen zu, wie der Junge bald merkt: Etwas Böses haust in den maroden Mauern, das über Jahrzehnte den gesamten Block in einen Organismus verwandelt hat, der schleichend die Seelen der Menschen verdaut. Die Serie setzt ihren Gruselstoff dank einer atmosphärisch starken Inszenierung und Raumpoetik fesselnd um, nicht zuletzt, weil sie in weiten Teilen den Mut hat, vieles im Ungewissen zu belassen und ein eher assoziatives als stringent durcherzähltes Geflecht des Grauens zu entfalten. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
HAUSEN
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Thomas Stuber
Buch
Till Kleinert · Anna Stoeva · Erol Yesilkaya · Thomas Stuber
Kamera
Peter Matjasko
Schnitt
Kaya Inan · Julia Kovalenko
Darsteller
Charly Hübner (Jaschek) · Alexander Scheer (Kater) · Tristan Göbel (Juri) · Lilith Stangenberg (Cleo) · Rike Eckermann (Gitti)
Länge
8 Folgen Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Serie

„Burning down the house“: Die deutsche Horrorserie liefert eine atmosphärische Variante des Geisterhaus-Genres rund um einen maroden Plattenbau und ein Vater-Sohn-Gespann, das in dessen höllischen Einflussbereich gerät.

Diskussion

Es gibt Gegenden, da wird es nicht hell, auch wenn es Tag wird; und da regnet es, auch wenn die Sonne scheinen müsste. Es ist so, als hätte sich alles Gute für immer von dort verabschiedet. An jenem Ort steht das Haus. Man sagt, Häuser nehmen alles auf, was um sie und in ihnen geschieht. Und einem Schwamm gleich, geben sie auch alles wieder ab. In manchen Mauern eines Hauses wohnt bereits etwas, und es freut sich, wenn Menschen es besuchen, um zu bleiben. In diesem Haus beginnt Jaschek (Charly Hübner) seinen Job als Hausmeister.

Es scheint Ewigkeiten her, dass in dem molochhaften Plattenbau jemand nach dem Rechten gesehen hat. In den Wohnungen und bei den Menschen, die hier vor sich hinvegetieren. Jaschek, der mit seinem Sohn Juri (Tristan Göbel) den Dienst beginnt, ohne je willkommen geheißen zu sein, könnte man diesen Job durchaus zutrauen. Seit dem frühen Selbstmord seiner Frau ist er zwar neben der Spur, aber immer gewillt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit Ordnung herrscht.

Ein Haus, das sich seine Bewohner einverleibt

Beherzt spült er gleich am ersten Arbeitstag die Heizungsanlagen mit Galonen von Essigsäure, damit die Bewohner, die seit Wochen frieren, wenigstens körperlich spüren, dass jetzt jemand hier anpackt. Oder ist es etwa schwarzes Blut, das aus den verrosteten Rohren des Hauses fließt? Leidet der zentrale Ofen im Keller fast schon körperlich an Jascheks Säuberungsaktionen? Rächt „es“ sich, indem es sich die wenigen Unschuldigen buchstäblich einverleibt? Im Haus verschwand vor längerer Zeit bereits ein Junge. Nun ist ein Baby verloren gegangen. Spurlos, auch wenn man meint, in den Müllschächten noch immer das Echo seines Weinens zu hören. Cleo (Lilith Stangenberg) und Scherbe (Daniel Sträßer) waren fast schon dabei, den Absprung aus der Siedlung zu schaffen. Doch das Haus weiß alles und hat jetzt ihren Sohn.

Noch machen sich Juri und sein Vater Sorgen und wollen helfen, damit so etwas wie eine Gemeinschaft entsteht, die sich umeinander sorgt. Doch niemand will sich hier wirklich helfen lassen. Alle warten nur auf die Agonie des schwarzen Schleims, der hier wie Koks die Runde macht. Im Radio läuft „Burning down the House“ der „Talking Heads“. Das Haus wird es zu verhindern wissen.

Niemand will sich helfen lassen. Nicht die Süchtigen und Säufer, die sich treffen, um sich gemeinsam stark zu fühlen. Nicht die Eltern des kleinen Babys. Nicht die Alten, die vor dem Fernseher auf den Tod warten, oder die Jungen, die auf höheres Geheiß hin den Schleim verticken, den der Penner im Keller aus den Säften des Hauses braut. Nicht die Leute im 8. Stock, die sich sektengleich-hörig als Großfamilie sehen.

Selbst die Geräusche funktionieren in den unendlich scheinenden Fluren anders als normal. Juri und Jaschek müssen lernen, all die Fährten zu lesen, um irgendwann zu verstehen, dass dieses Haus ein teuflisches Eigenleben führt. Doch ob diese Erkenntnis einen Nutzen hat, ist mehr als fraglich.

Kafka meets Lynch meets Japan-Horror

Es ist kein herkömmlicher Horror, für den sich die Headautoren Anna Stoeva und Till Kleinert eine Staffel mit acht einstündigen Episoden Zeit lassen. Alles, was in den aschgrauen Gängen, in dem auch tagsüber nur spärlich mit Neonlicht beleuchteten Apartmentkomplex und in den undurchdringlichen Köpfen der wahllos auftauchenden verwahrlosten Protagonisten passiert, scheint keiner stringenten Handlung zu folgen. In einem „Stream of Consciousness“ fließen die Gedanken eher assoziativ aus der Feder der Kreativen und werden von Kameramann Peter Matjasko in jenseitige, monochrome, modrig feuchte Bilder gegossen. Die Darsteller werden von Regisseur Thomas Stuber angeleitet, als agierten die Figuren in einem endzeitlichen Zwielicht, wohlwissend, dass die Polizei oder das Leben nicht über die Schwelle des dreckigen Foyers vordringen können. Wer dennoch eintritt, landet im Limbus, der archaischen Vorhölle. Wie bei Kafka meldet sich manchmal eine diffus dröhnende Hausverwaltung und spricht den Menschen Mut zu. Auch Jaschek wird diese „Beförderung“ zuteil, als er sich immer mehr von sich und seinem Sohn entfremdet, um dem Haus zu dienen.

„Hausen“ ist immer dann stark und unangenehm, wenn sich die Szenerie in Elegien ergeht, wie weiland bei Lynch, der in „Eraserhead“ die Radiatoren in dunklen Zimmern verächtlich um ihrer selbst und der Stimmung willen summen lässt. Lynch stand genauso Pate wie der Japan-Horror des Hideo Nakata, in dessen „Dark Water“ das Jenseitige buchstäblich aus den Wänden einer anonyme Mietkaserne suppt. Hier in „Hausen“ bekommt das Grauen noch eine weitere Dimension, denn es ist, astronomisch gesehen, nicht fern in unserer Galaxie verortet. „Hausen“ ist immer dann enttäuschend, wenn sich die Handlung bemüht sieht, vorwärtszukommen, da zu einer Geschichte Anfang, Mitte und Ende gehören. Immer wenn Dialoge dazu da sind, eventuelle Lösungsstrategien zu entwickeln, dann entzaubert sich „Hausen“ ein wenig und wird zu einem fast schon normalen Thriller. Doch zum Glück passiert das in den acht Teilen nur selten. Der Rest ist herrlich schaurige Ungewissheit.

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