Pieces of a Woman

Drama | Kanada/Ungarn/USA 2020 | 126 Minuten

Regie: Kornél Mundruczó

Ein Paar aus Boston, das ein Baby erwartet, entscheidet sich für eine Hausgeburt. Als diese zur Tragödie wird, liegt das Leben der Mutter in Scherben; und sie muss nicht nur mit ihrer Trauer fertigwerden, sondern auch das angespannte Verhältnis zu ihrem Mann und ihrer Mutter aushalten. Zudem steht noch die juristische Aufarbeitung aus, als der Vater die Hebamme verklagt. Ein intensives Drama, das von Anfang an eine große Nähe zu den Figuren aufbaut und Reaktionen auf die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz durch unkontrollierbare Zufälle auslotet. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
PIECES OF A WOMAN
Produktionsland
Kanada/Ungarn/USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Kornél Mundruczó
Buch
Kata Wéber
Kamera
Benjamin Loeb
Musik
Howard Shore
Schnitt
Dávid Jancsó
Darsteller
Vanessa Kirby (Martha) · Shia LaBeouf (Sean) · Ellen Burstyn (Elizabeth) · Iliza Shlesinger (Anita) · Benny Safdie (Chris)
Länge
126 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Ein Drama von Kornél Mundruczó: Ein Paar aus Boston, das ein Baby erwartet, entscheidet sich für eine Hausgeburt. Als diese zur Tragödie wird, liegt das Leben der Mutter in Scherben.

Diskussion

Mit einer schier endlosen Plansequenz geht es los: Irgendwo in irgendeiner nordamerikanischen Großstadt sehen wir eine junge Frau, Anfang 30. Sie lebt mit ihrem Mann zusammen und ist hochschwanger. Die Verhältnisse sind wohltemperiert und abgefedert mit allerlei Annehmlichkeiten und Ausstattungsgegenständen bürgerlicher Behaglichkeit – inklusive einer selbstgewissen Moral und klaren Vorstellungen darüber, wie Dinge zu laufen haben im Leben, und dass sie anders zu laufen haben als in früheren Generationen. Dazu gehört auch die in solchen Kreisen neuerdings modische Idee einer Hausgeburt, auch wenn genug Krankenhäuser zur Verfügung stehen. Der Gatte hat dagegen leichte, gut versteckte Bedenken, aber er hat auf diesem Feld nicht viel zu melden – auch das gehört zu der neuen Moral dieses sehr präzis beobachteten Milieus. Eine Hebamme wird gerufen, als das erste Unwohlsein einsetzt, dann kommen die Wehen und etwas später die Geburt.

23 Minuten dauert das alles bis zum ersten Film-Schnitt. Und es hat die Wirkung, dass das, was die Betrachter hineinsaugen soll ins Bild, in die Erfahrung des Augenblicks, ihn doch auch zugleich wieder hinausstößt, immer wieder an die Tatsache erinnert, dass alles hier gemacht und künstlich ist, nicht „in echt“ dokumentiert: Etwas zu beifallsheischend, etwas zu selbstgewiss ist die Inszenierung hier in ihrer Gesamtwirkung, erst recht angesichts dessen, was folgt – diese ersten 23 Minuten setzten den Ton und die Haltung des Regisseurs. Und dann nimmt der Film im Nu eine radikale Wendung, die man hier nicht verschweigen kann: Das Neugeborene läuft blau an – und stirbt!

Eine spezielle Form von „Empowerment“

Erst jetzt, nachdem er seine größte Intensität erreicht und überschritten hat, seine stärksten Bilder gezeigt hat, kommt der Film auch zum Kern seiner Geschichte. Die persönlichen Beziehungen des Paares sollen dekonstruiert werden. Martha und ihr Mann Sean, das junge Paar, gespielt von Vanessa Kirby und Shia LaBeouf, leben sich durch die schreckliche Erfahrung zusehends auseinander. Jeder der beiden konfrontiert sich mit seinem Trauma allein auf je eigene Weise. Vor allem um Martha, die Frau, geht es. In einer Mischung aus störrischen Rückzügen in starre Unzugänglichkeit und plötzlichen, heftigen Ausbrüchen macht diese Martha ihr Leben wieder zu ihrem eigenen – auf Kosten aller Mitmenschen. Eine spezielle Form von „Empowerment“.

In der zweiten Filmhälfte wird alles dann konventioneller, folgt auch noch erkennbarer den Pfaden eines Melodrams im Hollywood-Stil: Vater Sean verklagt nun nämlich die Hebamme, im Verbund mit Marthas herrischer Mutter. Ellen Burstyn ist hier großartig als typische „jewish mum“, die selbst unter Nazi-Besatzung und Lebensgefahr geboren wurde und daher eine komplett andere, heute auf viele fremd wirkende Generation verkörpert und einen grundsätzlich anderen Umgang mit Gefühlen zeigt – eine im Vergleich überaus sympathische Figur. Sie bildet das Gegenmodell zu ihrer Tochter aus einer überempfindlichen, narzisstischen Generation.

„Pieces of a Woman“ bedeutet gewissermaßen „Stücke einer Frau“ oder auch „Eine Frau in Stücken“. Das trifft auf Martha zu. Aber so wie seine Hauptfigur zerlegt der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó auch das Genre des Melodrams. Nach seinen Filmen „Underdog“ und „Jupiter’s Moon“ ist dies Mundruczós erster englischsprachiger Film. Das Drehbuch schrieb er mit seiner regelmäßigen Mitarbeiterin Kata Wéber.

Das Gefühl, ganz dicht dran zu sein

„Pieces of a Woman“ ist ein intimer Film, dem es um die Intimität der Figuren geht: Das zeigt sich in fast jeder Einstellung. Immer wieder wird in Nahaufnahmen erzählt; gedreht wurde hauptsächlich in Innenräumen. Das Gefühl, ganz dicht dran zu sein, soll evoziert werden. Dieses Gefühl ist entscheidend, denn die Stärke des Films liegt in der Radikalität der rohen Dialoge und der bewusst unbehauenen Gefühle. Die „Macht des Schicksals“, in diesem Fall noch mehr die Macht des Zufalls ist es, die Mundruczó in diesem Film mit allen Mitteln des Kinos entfaltet – und die große Leinwand mit ihren dann übergroßen Menschenbildern tat der Wirkung der Überwältigungsästhetik dieses Films bei seiner Premiere im Wettbewerb von Venedig bestimmt sehr gut; seine Deutschlandpremiere feiert er nun indes im Heimkino-Format bei Netflix.

Zwar bleibt es in der Schwebe, ob die Hebamme wirklich Mitschuld am Tod des Babys trägt, doch klar ist in jedem Fall, dass es darauf in den Augen der Autoren nicht wirklich ankommt; denn ebenso gewiss ist, dass hier auch auf anderen zumindest mögliche Mitschuld lastet – das beginnt bereits mit der völlig unnötigen Entscheidung für die riskantere Hausgeburt. Das wirklich harte Faktum, das dieser Film präsentieren will, ist die Einsicht, dass vieles, was unser Leben aufs Schwerste beeinträchtigt, einfach nur durch Zufall passiert. Angesichts dieser Einsicht plädiert der Film am ehesten für gegenseitige Vergebung.

Zugleich serviert er unterschwellig doch die unübersehbare Kritik an einer ganz bestimmten Klasse der westlichen Gegenwartsgesellschaften und ein Grundressentiment: Den großbürgerlichen Mittelstand mit zu viel Geld und zu gutem Gewissen. Die melodramatischen Elemente der Handlung tragen aber zur Präzision dieser Kritik nicht gerade bei. 

 

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