Dokumentarfilm | Großbritannien/USA 2020 | 94 Minuten

Regie: Luke Holland

Von 2008 bis 2018 führte der Dokumentarist Luke Holland über 300 Interviews mit ehemaligen NS-Tätern, SS-Offizieren, Wehrmachtsoldaten, Beamten und Funktionären, die er nach ihren Erinnerungen und ihrer Rolle im Dritten Reich befragte. Die hochbetagten Männer und Frauen präsentieren ihre Version der Geschichte, manchmal mit Bedauern, meist aber ohne große Hemmungen. Nur bei Fragen nach Schuld und Verantwortung werden die Antworten absurd oder aggressiv. Verbunden mit analytisch montiertem Archivmaterial entsteht ein ernüchterndes Dokument kollektiver Entschuldung, das eindringlich dafür plädiert, sich mit der gewaltvollen Vergangenheit zu konfrontieren, um aus den erkennbaren Mustern für die Zukunft zu lernen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
FINAL ACCOUNT
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Luke Holland
Buch
Luke Holland
Kamera
Luke Holland
Musik
Dirac Sea
Schnitt
Stefan Ronowicz
Länge
94 Minuten
Kinostart
28.04.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Interviewfilm mit hochbetagten NS-Tätern, ehemaligen SS-Offizieren, Wehrmachtssoldaten und Funktionären, die nach ihren Erinnerungen an das Dritte Reich und ihre Rolle darin befragt werden.

Diskussion

Eine ruhige Straße in einer deutschen Kleinstadt mit Backsteinhäusern und Kirchturm. Aus dem Off hört man einen älteren Mann mit brüchiger Intonation ein Lied anstimmen. Die Melodie klingt eingängig, wie ein Gassenhauer. Als sich nach einer Strophe jedoch der Text mit einem mörderischen Antisemitismus offenbart, wird sein Zweck auf grausamste Weise deutlich. Es ist das „Heckerlied“, komponiert zur Badischen Revolution von 1848, umgedichtet in den 1920er-Jahren von deutschen Freikorps, um zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung anzustiften. Damit wird auch während des Nationalsozialismus immer wieder zum gemeinschaftlichen Mord aufgerufen. Der ältere Herr erklärt sich im Interview von Angesicht zu Angesicht. „Da haben wir uns Jungs doch nichts dabei gedacht, so etwas zu singen“, rechtfertigt er sich. Und fügt hinzu: „Das ist doch furchtbar.“

Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi hat notiert, dass die Zahl der monströsen Täter in einer Gesellschaft zu gering sei, um das ganze Ausmaß der Bedrohung darzustellen. Gefährlicher seien die gewöhnlichen Menschen, die als Funktionäre eines Systems bedingungslos glaubten und nichts hinterfragten. Der Dokumentarist Luke Holland stellt Levis Gedanken seinem Film „Final Account“ voran und spitzt ihn zu einer These zu: Täter werden nicht geboren, sie werden gemacht.

Ein langjähriges Rechercheprojekt

Über zehn Jahre lang hat Holland, der erst spät von seiner eigenen jüdischen Herkunft erfuhr, versucht, diese Entwicklung von Täterschaft zu ergründen. In einer langwierigen Recherche hat er viele ehemals hochrangige NS-Funktionäre in Deutschland und Österreich ausfindig gemacht, die am Ende ihres Lebens bereit waren, vor der Kamera zurückzublicken. Zwischen 2008 und 2018 entstanden so 300 Interviews, die umso wichtiger sind, weil man das in ihnen Dokumentierte oft schwer ertragen kann. Es sind die Stimmen vieler ehemaliger SS-Leute, Wehrmachtssoldaten, aber auch von Lohnbuchhaltern, die die Zwangsarbeit verwalteten, oder von Zivilisten, die von den Konzentrationslagern profitierten.

Das Interieur ihrer Wohnungen, das die Kamera mit einfängt, erzählt seine eigene Geschichte. Biedere Möbel aus dunklem Holz, geschmacklose Figürchen und Ölgemälde zieren Häuser, Wohnungen oder Zimmer in Altenheimen. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Die interviewten Männer und Frauen sind hochbetagt, körperlich gebrechlich, aber seelisch kaum vulnerabel. Sie sprechen meist mit Bestimmtheit; ihr Blick ist wach, sie wollen ihre Version der Geschichte präsentieren. Der Regisseur überlässt ihnen das filmische Bild, doch seine Fragen aus dem Off sind trotz ihres sanften Tons scharf und präzise.

Aufnahme in die Gruppe

Manche der ehemaligen SS-Mitglieder zeigen Bedauern und zeichnen ihre jugendliche Verblendung eindrücklich nach. Der Eintritt ins „Jungvolk“ oder die „Hitlerjugend“ wird als Gruppenerlebnis beschrieben. Gemeinsam singen, wandern, Sport treiben, Rudel bilden. Viele schildern diese Zeit noch immer mit großer Euphorie als die schönste in ihrem Leben. Holland schneidet Archivmaterial dazwischen, das Jugendliche in Uniform zeigt, lachende Mädchen und Jungen, die im Gleichschritt Fahnen schwenken. Das Mitläufertum als Segen, Aufbruch und pubertäre Befreiung. Viele machen gegen den Willen ihrer Eltern mit. 15-Jährige träumen vom Heldentod fürs Vaterland. Auch die Indoktrination durch fahrende Kinos mit Propagandafilmen oder im Schulunterricht spielt eine Rolle. Am stärksten aber wirkt die Gleichschaltung in der Gruppendynamik, die sich in den militaristischen Institutionen wie den nationalsozialistischen Erziehungsanstalten (Napola) weiter verfestigte. Für keinen der Interviewten war Widerstand eine glaubhafte Option, auch wenn einige behaupten, innerlich mit vielem nicht einverstanden gewesen zu sein.

Besonders unangenehm sind die Überzeugungstäter, die auch heute ganz offen keine Reue zeigen. So erzählt ein hochrangiger SS-Mann mit großer Kälte von der „Kristallnacht“ und wie ihm Leben und Schicksal der Juden auch jetzt noch gleichgültig sind. Auf Nachfrage schätzt er die Pogrome sogar als Verbrechen ein, in einem technisch-juristischen Sinne. Aber das steht nicht im Widerspruch zu seinem fehlenden Bedauern. Ein anderer, der zur Leibstandarte von Hitler zählte, bekräftigt vor der Kamera die Richtigkeit der NS-Ideologie. Wie viele andere Täter empfindet er sich noch heute als Teil einer Elite. Dieses Gefühl von Überlegenheit und Exklusivität regte viele der jungen Karrieristen und Aufsteiger an, schon früh in die SS einzutreten.

Zwischen Triumph und Scham

Psychologisch interessant sind besonders die Interviews, in denen sich innere Widersprüche und Spaltungen zeigen. Viele der Gesprächspartner schildern das Grauen der Konzentrationslager oder der Massengewalt vor allem in Osteuropa mit großer Intensität und Detailreichtum. Sie waren ja als Täter und Mitläufer dabei. Aber nach einer Weile erscheinen ihre Beschreibungen geradezu theatral, so als würden sie über ein Spektakel sprechen, das sie beobachteten, ohne damit etwas zu tun zu haben. Ein Mitglied der SS-Totenkopfverbände, also ein Teil der Exekutive im Konzentrationslager, berichtet, wie er im Lager einmal auf einen Tisch vor dem Fenster kletterte, um die grausame Exekution eines Häftlings zu beobachten. Er schildert das Aufhängen des Opfers an den Händen und sein Schreien als grauenhaft; seine Stimme klingt emotional, als würde sie Anteil nehmen. Doch auf die Frage, was er selbst getan hätte, wenn ihm die Hinrichtung des Opfers befohlen worden wäre, platzt es aus ihm heraus: „Na, der Schemel unter seinen Füßen wäre aber geflogen!“

Eine Gruppe von Frauen in Österreich will bei der ersten Konfrontation mit der Kamera zunächst von nichts gewusst haben. Doch nach kurzer Zeit steigern sie sich so sehr in ihre zur Schau gestellte Empörung über das an die Ortschaft grenzende KZ hinein, dass sie sich gemeinsam in Erinnerungen verlieren. Erstaunliche Details werden plötzlich offenbar, unter anderem, wie eine von ihnen ihren Geliebten vor den alliierten Truppen versteckte. Der Mann war Aufseher im Konzentrationslager.

Niemand will Täter gewesen sein

Solange die Funktionäre nur zum Erzählen angehalten sind, tun sie das meist ohne große Hemmungen. Doch wenn das Gespräch bei Fragen um Schuld und Täterschaft landet, werden die Antworten absurd, dreist und aggressiv. Die Verleugnung der Verantwortung für das eigene mörderische Handeln wird durch fehlende Entscheidungsfreiheit gerechtfertigt. Entweder man hat nur Befehle befolgt, oder es war durch den Gruppendruck unmöglich, Widerspruch zu zeigen. Nur wenigen gelingt es, die eigene Täterschaft zu benennen, und selbst dann bleibt sie abstrakt. Einmal schildert ein alter Bauer zögerlich, wie er am frühen Morgen KZ-Häftlinge per Telefon an die Gestapo verriet. Die Kamera kommt seinem Gesicht, das sich immer wieder abwendet, ganz nah. Darin spiegelt sich in jeder Mikrobewegung seiner Mimik ein beispielloses Schauspiel aufflackernder Scham und ihrer gleichzeitigen Abwehr.

Der Erkenntnisgewinn aus „Final Account“ ist so ernüchternd wie brandaktuell: Die Diffusion der Verantwortung setzt da ein, wo sich der Einzelne bedingungslos mit einer Gemeinschaft zu identifizieren beginnt. Umso schlimmer wird es, wenn diese Bewegung sich auf eine Erhabenheit gegenüber anderen beruft und die eigene Aggression gegen ein imaginäres Feindbild wendet.

Mit „Final Account“ verfolgt Luke Holland nicht nur ein historisches Anliegen, sondern vor allem einen Appell an die Zukunft. Der Film ist auch sein persönliches Vermächtnis. Der Regisseur verstarb am 10. Juni 2020 mit 71 Jahren an einem Gehirntumor. Bis zuletzt saß er am Schnitt des Films, dessen Material inzwischen den europäischen Holocaust-Archiven zur Verfügung steht.

Ein Plädoyer für die Zukunft

„Final Account“ ist ein Plädoyer, sich mit der gewaltvollen Vergangenheit der NS-Zeit zu konfrontieren und die eigene Abwehr und Scham vor der Geschichte zu überwinden, um hinzusehen und aus den erkennbaren Mustern zu lernen. Der Film macht die Kontinuität der Gewalt sichtbar und vermittelt eine Ahnung davon, wie viele NS-Verbrecher der Justiz entkamen. Die Freimütigkeit, mit der die Täter kurz vor ihrem Lebensende erzählen, ist oft schwer zu ertragen. Ihre Geschichten sind nicht in derselben Weise Zeugnisse wie die der Überlebenden, weil sie keine umfassende Rechenschaft ablegen. Wenn man ihnen zuhört, dann deshalb, weil man verstehen will, was hinter ihren Rechtfertigungen steckt.

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