Drama | Österreich 2020 | 93 Minuten

Regie: Ulrike Kofler

Ein Paar leidet darunter, dass es trotz aller Bemühungen kinderlos geblieben ist. Ein Urlaub in Sardinien soll Entspannung bringen. Doch dort lernen sie eine Familie mit zwei Kindern kennen, die ihre Vorstellungen, Sehnsüchte und Wünsche gehörig durcheinanderwirbeln. Der nach einer Erzählung von Peter Stamm entstandene Film betrachtet unterschiedliche Perspektiven der Lebens- und Familienplanung und entwickelt ein besonderes Gespür für Stimmungen und Gefühle, wobei die beiden Kinder zugleich wichtige Stichwortgeber und Seismosgrafen für die Erwachsenen sind. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WAS WIR WOLLTEN
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Ulrike Kofler
Buch
Sandra Bohle · Ulrike Kofler · Marie Kreutzer
Kamera
Robert Oberrainer
Schnitt
Marie Kreutzer
Darsteller
Lavinia Wilson (Alice) · Elyas M'Barek (Niklas) · Anna Unterberger (Christl) · Lukas Spisser (Romed) · Iva Höpperger (Denise)
Länge
93 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Ein Paar leidet darunter, dass es bisher trotz aller Bemühungen kinderlos geblieben ist. Lose Adaption einer Erzählung von Peter Stamm.

Diskussion

Ein Urlaub soll für Abstand sorgen, nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich. Die Managerin Alice und ihr Ehemann Niklas fahren nach Sardinien, um sich von ihrem Alltag zu befreien. Der besteht hauptsächlich aus dem gemeinsamen Hausbau und dem wiederholten Versuch, ein Kind zu bekommen. Ehe, Haus, Familie – dieses Ideal gilt es mit allen Mitteln zu erreichen. Weil das mit der Schwangerschaft trotz medizinischer Hilfe nicht klappen will, scheint die Beziehung nur noch am seidenen Faden zu hängen.

Doch auch die Reise an den Rückzugsort wird zur Belastungsprobe, als in den Nachbarbungalow der Ferienanlage eine vierköpfige Familie einzieht. Die ist penetrant und laut, lebt andererseits aber scheinbar alles vor, was Alice und Niklas gerne hätten.

Eine Frau hadert mit ihrer Lebensplanung

Das Drama „Was wir wollten“ ist Regiedebüt der österreichischen Editorin Ulrike Kofler. Der Film basiert lose auf der Kurzgeschichte „Der Lauf der Dinge“ des Schweizer Autors Peter Stamm. Kofler verschiebt jedoch entscheidende Details der Erzählung: Aus bewusst kinderlosen Eheleuten macht der Film das unglückliche Paar Alice und Niklas, das in immer neuen Schleifen mit seiner Situation hadert.

Vor allem Lavinia Wilson als Alice gelingt es in einer enormen Bandbreite an emotionalen Schattierungen, das innere Ringen mit den eigenen Wünschen, den Versagensängsten und ihrer Unbeholfenheit den Nachbarskindern gegenüber zu verkörpern. Sie begnügt sich hier nicht mit schmachtenden Blicken, sondern kehrt all die widersprüchlichen Emotionen heraus, die Alice umtreiben. Die körperlichen wie psychischen Strapazen ihrer scheiternden Lebensplanung lassen sich fast mit Händen greifen. Oft steht sie regungslos am Fenster und beobachtet die Familie, um kurz darauf ihren Frust und ihre Verzweiflung an Niklas auszulassen.

Stürmische Gefühlswetterlage

Dass „Was wir wollten“ die Nachbarn Christl und Romed nicht nur als Anschauungsobjekt für Alice und Niklas einsetzt, sondern eigene Kämpfe austragen und mit dem Paar interagieren lässt, öffnet der Film konträre Perspektiven auf die Lebens- und Familienplanung, ohne eine zu bevorzugen. Alices Kampf zwischen Kinderwunsch und ihrem Unbehagen den beiden Nachbarkindern gegenüber zeigt vielmehr ein Dilemma, das oft verschwiegen wird. Dieser Konflikt bricht sich bei einem gemeinsamen Abend eruptiv Bahn, als herauskommt, dass Niklas sich Romed anvertraut hat, und Christl Alice dazu anhält, über ihren Schmerz zu sprechen. Romed aber versucht, mit Gesprächen über das Wetter abzulenken.

Die Inszenierung besitzt ein besonders gutes Gespür für Stimmungen, die hier ständig schwanken, diffus wabern und so eine gefährliche Gefühlswetterlage ergeben. Mit Rückblenden auf einen früheren, unbeschwerteren Urlaub, die immer wieder durch den Film flirren, wird unaufdringlich eine weitere Ebene eingezogen, die Alices und Niklas Wunsch von einem gemeinsamen Leben reflektiert.

„Burn your bridges“

Alice fällt es schwerer als Niklas zu akzeptieren, dass sich ein gemeinsames Leben nicht nach einem vorher festgelegten Masterplan entwickelt und dass Familienplanung und Kinderwunsch nicht zwingend synonym sind. Der Film öffnet das starre System, indem die Perspektiven der Figuren behutsam hin und her gewendet und gegeneinander verschoben werden. Nicht zuletzt die beiden Nachbarskinder bilden ein wichtiges Scharnier. Die kleine Denise sagt einmal ganz ungerührt zu Alice: „Das bist du, eine traurige Frau“, und tritt dadurch eine Lawine an aufgestautem Frust los, die letztendlich Alices innere Erstarrung löst.

Der Teenager David mit seiner Null-Bock-Einstellung bewirkt hingegen, dass Alice einen Schritt zurücktreten und sich fragen kann, worum es ihr eigentlich geht. „Burn your bridges“, lautet sein Motto. Darin stecken zugleich Resignation und der Wille, nach vorne zu schauen. Alice lernt langsam, dass dies eine Frage der Haltung ist.

Kommentar verfassen

Kommentieren