Der Ursprung der Welt

Komödie | Frankreich/Belgien 2020 | 98 Minuten

Regie: Laurent Lafitte

Ein französischer Rechtsanwalt entdeckt, dass sein Herz nicht mehr schlägt, obwohl er quicklebendig ist. Eine Beraterin glaubt den Ursprung des Problems im gestörten Verhältnis zu seiner Mutter zu erkennen und verlangt, dass er eine Fotografie der mütterlichen Vagina auftreibe. Der kammerspielartige Film fußt auf einem Theaterstück und kreist als temporeiche Farce um sexuelle Tabus und den Ödipus-Komplex, wobei surreale Einschübe die dialogischen Szenen auflockern. Das spielfreudige Ensemble gleicht den wenig subtilen Humor und einigen Längen aus. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
L' ORIGINE DU MONDE
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2020
Regie
Laurent Lafitte
Buch
Laurent Lafitte
Kamera
Axel Cosnefroy
Schnitt
Stephan Couturier
Darsteller
Karin Viard (Valérie Bordier) · Vincent Macaigne (Michel Verdoux) · Laurent Lafitte (Jean-Louis Bordier) · Hélène Vincent (Brigitte Bordier) · Nicole Garcia (Margaux)
Länge
98 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Komödie | Literaturverfilmung

Temporeiche Farce über einen Anwalt, dessen Herz nicht mehr schlägt, obwohl der quicklebendig ist.

Diskussion

Ein weiteres Mal reicht einem arrivierten Schauspieler das eigene Metier nicht mehr und er wagt den Sprung ins Regiefach. Laurent Lafitte, der neben Engagements an der Pariser Comédie-Française in Kinofilmen wie „Elle“ (2016) oder „Mama gegen Papa – Wer hier verliert, gewinnt“ (2015) mitwirkte, nahm für die Komödie „Der Ursprung der Welt“ zum ersten Mal auf dem Regiestuhl Platz. Als Stoff hat sich Lafitte, der auch die Hauptrolle spielt, ein Theaterstück seines Schauspielerkollege Sébastien Thiery ausgesucht; das Drehbuch der temporeichen Farce verfassten beide zusammen.

Der französische Rechtanwalt Jean-Louis Bordier (Lafitte) führt mit seiner Frau Valérie (Karin Viard) seit 17 Jahren eine gutbürgerliche Ehe mit allerlei Höhen und Tiefen. Als er im Fitnessstudio entdeckt, dass sein Herz nicht mehr schlägt und er auch keinen Puls ertasten kann, ist er geschockt. Denn er ist weiterhin quicklebendig. Auch sein Jugendfreund, der liebenswerte, aber auch etwas ungeschickte Tierarzt Michel (Vincent Macaigne), weiß keinen Rat. Natürlich lässt sich der bizarre Zustand nicht lange vor Valérie verheimlichen. Kurzerhand nimmt sie ihren Gatten mit zu ihrer Lebensberaterin Margaux (Nicole Garcia). Die gibt in einer esoterisch undurchsichtigen Kombination aus Guru und Wahrsagerin preis, dass sie Dinge aus Jean-Louis’ Kindheit und Jugend kennt, von denen nicht einmal Valérie etwas weiß.

Die Lösung soll im Mutterschoß liegen

Margaux hat auch eine Idee parat, was hinter dem Problem stecken und wie eine Lösung aussehen könnte. Um die gestörte Verbindung zwischen kosmischem und physischem Herzen wieder herzustellen, muss Jean-Louis sich mit seinem Ursprung auseinandersetzen. Allerdings brauch er dafür ein Foto von der Vagina seiner Mutter Brigitte (Hélène Vincent). Das Verhältnis zwischen Sohn und Mutter ist allerdings ziemlich abgekühlt; Jean-Louis hat seit Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen. Dennoch nimmt er mit Michels und Valéries Hilfe die unmöglich erscheinende Aufgabe in Angriff.

Dass dem Film ein Bühnenstoff zugrunde liegt, lässt sich kaum übersehen. Die kammerspielartige Inszenierung spielt weitestgehend in Innenräumen und kommt mit wenigen Figuren aus. Die skurrile Handlung ist recht überschaubar, dafür sind die temporeichen Dialoge umso umfangreicher. Viele Szenen sind wie auf der Bühne mit Auf- und Abgängen der Figuren versehen. Die aberwitzigen Aktivitäten des spielfreudigen Ensembles verteilen sich auf drei Tage, die durch Einblendungen markiert werden, und einen etwa 35-minütigen Prolog.

Surreale Einschübe sorgen für Abwechslung

Erfreulicherweise heben ein paar surreale Einschübe den Film in visueller Hinsicht über eine reine Bühnenadaption hinaus. So sieht man, wie Jean-Louis in mehreren Albträumen aus dem Dunst einer Dusche in einen wolkigen Himmel tritt, wo erotische Begegnungen, teils mit ödipalen Zutaten, auf ihn warten. Ein fantastisches Element transportieren auch Margaux’ magische Erkenntnisse über Jean-Louis, wobei offenbleibt, woher sie dieses (zutreffende) Wissen bezieht.

Die groteske Prämisse bildet das Sprungbrett für eine Reihe bizarrer bis absurder Szenen, die ihren komödiantischen Mehrwert aus dem zentralen sexuellen Tabu beziehen. Lafitte vermeidet dabei zwar einen Abstieg in die Niederungen des Vulgären, greift bisweilen aber zu platten Gags. Dem namhaften Ensemble merkt man an, dass es sich mit großer Spielfreude in die überdrehte Farce stürzte. Neben Lafitte punktet vor allem die energische Karin Viard mit ihrer Schlagfertigkeit.

Allerdings stellen sich im Laufe der teils überkonstruierten Irrungen und Wirrungen auch einige Längen und Wiederholungen ein. Die drei grotesken Enthüllungen zur Familiengeschichte, die die Mutter ihrem Sohn serviert, werden allzu offensichtlich und als plakativer Dreiklang retardierender Momente eingeschoben, um das Finale hinauszuzögern.

Auf den Spuren von Gustave Courbet

Der Film, dessen Titel auf das gleichnamige Gemälde von Gustave Courbet aus dem Jahr 1866 anspielt, das die behaarte Vulva einer liegenden Frau zeigt, ist eines der vielen Opfer der Corona-Pandemie. 2020 sollte der Film bei den Filmfestspielen in Cannes laufen. Nach mehreren Verschiebungen gelangte er 2021 dann in die französischen Kinos; in Deutschland und anderswo wird „Der Ursprung der „Welt“ jetzt über Netflix ausgewertet.

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