Ich und die Anderen

Fantasy | Österreich/Deutschland 2021 | Minuten

Regie: David Schalko

Ein junger Mann gerät auf wundersame Weise in die verlockende Lage, seine Wünsche (simulierte) Wirklichkeit werden zu lassen. Indem er unterschiedliche Wege austestet, sein ziemlich unbefriedigendes Verhältnis zu anderen Menschen und zum Leben schlechthin zu verbessern, gerät er jedoch ein ums andere Mal ins Chaos. Eine sechsteilige Miniserie mit schrägem Typenensemble, surrealen Einsprengseln und assoziationsreichen Bild- und Motiv-Spielereien. Nicht ohne Längen umgesetzt, trumpfen die innovative Inszenierung und brillante Darsteller immer wieder auf. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ICH UND DIE ANDEREN
Produktionsland
Österreich/Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
David Schalko
Buch
David Schalko
Kamera
Martin Gschlacht
Musik
Kyrre Kvam
Schnitt
Karina Ressler
Darsteller
Tom Schilling (Tristan) · Lars Eidinger (Chef) · Michael Maertens (Therapeut) · Sarah Viktoria Frick (Isolde) · Sophie Rois (Mutter)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Fantasy | Satire | Serie

Wunscherfüllungsgrauen: Die Serie von David Schalko schickt Tom Schilling auf eine surreal-absurde Selbstfindungsreise, bei der er auf wundersame Weise verschiedene Wunschszenarien durchspielen kann - was ein uns andere Mal nach hinten losgeht.

Diskussion

Die durchwegs hochkarätig besetzte, innovativ erzählte deutsch-österreichische Serie von David Schalko (Idee/Buch/Regie) setzt ihren Hauptdarsteller Tom Schilling wieder einmal perfekt in Szene und etabliert ihn in der Rolle eines jungen Mannes mit dem sprechenden Namen Tristan endgültig als den „Jedermann“ seiner Generation – Ausdruck ihrer Ängste und heimlichen Begierden, aber auch ihrer Unsicherheiten, Schwächen und Egoismen. Das unterstützende Starensemble bietet ihm dabei eine beneidenswerte (film-)gesellschaftliche Kulisse und Folie, vor der die Serie auch die letzten Winkel von Tristans Innenwelt ausleuchten und seine prekären Beziehungen zu „den Anderen“ problematisieren kann.

Allgemeine urbane Verunsicherung

Tristan, der sich selbst lieber Martin nennt, von unbestimmt jungspundigem Alter und Auftreten, ist der Spross eines seltsamen Paares (Sophie Rois, Martin Wuttke), deren abgenutzten Exaltiertheiten er als Sohn mit milder Nachsicht und innerer Resignation begegnet. Er hat eine Schwester namens Isolde (!) (Sarah Viktoria Frick), die ein Paradebeispiel geschwisterlicher Zurücksetzung abgibt. Vater und Tochter machen Kunst – er mit Penissen als zentralem Thema, sie mit Vaginen. Tristan lebt mit Julia (Katharina Schüttler) zusammen, sie erwarten ein Kind. Doch die Beziehung kriselt: Julia wünscht sich mehr Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit vom werdenden Vater; dieser weiß im Augenblick nicht einmal so genau, wer er ist, geschweige denn, was er will und kann, und wünscht sich – heimlich – „jederzeit gehen“ zu können…

Immerhin hat er Arbeit: Tristan ist in unbestimmter höherer Funktion (Produktinnovator/-tester) in dem etwas enigmatischen Start-up des noch viel enigmatischeren „Herrn Brandt“ (Lars Eidinger) tätig, der die Menschen mit cleveren technischen Gadgets beglücken/versklaven will. Beide sind dabei im Grunde angewidert vom alltäglichen Zynismus ihres Tuns. Das Ganze spielt in einem urbanen europäischen Nirgendwo irgendwo zwischen Berlin-Mitte und Wiener Donauinsel. Eines Morgens steht ein schwarzes Taxi vor der Tür, Tristan steigt widerstrebend ein, und von nun an gleitet er oft wie in der Barke des Charon von Station zu Station, angeleitet von einem äußerst philosophisch gesinnten Weisen aus dem Morgenland (Ramin Yazdani) mit sehr traurigen Augen.

Eine männliche Alice im Wunderland immer neuer Transformationen

Diese Einbettungen der Story ins Mythologische, Kulturgeschichtliche geschehen diskret, sind jedoch unübersehbar, ebenso wie Tristans Wunsch, durch den Spiegel zu gehen, an Lewis Carroll und seine Heldin Alice gemahnt. Tristans Begehren, seine Individualität abzustreifen (Wagner: „Nicht mehr Tristan!“), der Wunsch, dass sein Ich ein anderes und seine modern-zerfahrene Beziehung zu den Anderen geheilt werden möge, wird auf die Probe gestellt, als sich der Taxifahrer als Emissär einer höheren Macht zu erkennen gibt und ihm eröffnet, diese könne Tristans Wünsche wahr werden lassen – den nächsten Tag beginne er dann als neuer Mensch. Jener macht Gebrauch von dieser verlockenden Offerte, jedoch mit der Skepsis des postmodernen Zeitgenossen, der die Geschichten vom Fischer und seiner Frau, vom Murmeltier und der rennenden Lola nur allzu gut kennt.

Was ist es nun, das Tristan konkret wünschte? Nun, abgesehen davon, dass viele vor der Welt gerne fokussierter, fitter, famoser, sprich: ein Star wären, hegt Schalkos „Mann ohne Eigenschaften“ zwei Sehnsüchte: Er möchte sich endlich als ein fest umrissenes Ganzes, als fertiges Subjekt für seine Gegenüber und nicht nur als ihre Projektion und gleichsam als „Clearingstelle der Diskurse“ der Anderen empfinden (dazu wünscht er sich diese neu), und ihn beschäftigt weiterhin allzu sehr seine Exfreundin Franziska (Mavie Hörbiger) – dazu will er ein Anderer, Besserer sein.

„Protect me from what I want“

Die Serie entwickelt sich in einem ihrer Handlungsstränge nun zu einer Art Quest nach jener Rätselhaften, die Tristan immer wieder imaginiert, bis er endlich, nach LSD-Trip und durch rote Vorhänge à la David Lynch schreitend, das Waldhaus der Fee erreicht. Doch „Protect me from want I want“ ist, frei nach Oscar Wilde, die gegen Ende auch explizit gemachte Maxime der Serie.

„Ich und die Anderen“ ist eine formal gut gemeisterte, visuell teilweise staunen machende moderne, europäische Serienproduktion, thematisch naturgemäß kammerspielartig dialogbetont, der man die Hand ihres Machers, Multitalent David Schalko, deutlich anmerkt: Positiv fällt die glaubwürdige Figurenzeichnung des Drehbuchs auf, das nur sehr selten im Seichten der Kalendersprüche fischt, sowie die hohe Individualität in der Fülle der Nebenfiguren (Tristans Kollegen, das Künstlervolk im weitesten Sinne).

 

Kritischer muss die Disposition und Fokussierung einzelner Handlungselemente und thematischer Ideen gesehen werden: Manches hätte gerafft und pointierter erzählt werden können, und gerade die finale Folge hat ihre Längen – aber das ist ein Mangel in der Fülle. Mancherorts merkt man der Serie auch die Herkunft vieler ihrer Beteiligten aus dem deutschen Sprechtheater an – in teilweise besonders intensivem Spiel, aber auch in gewissen spartenüblichen Mätzchen und Albernheiten (die exzessive Nacktheit, das laute Geschrei). Aber das figurenreiche Ensemble trägt darüber hinweg, vermag vielfach zu amüsieren, und wenn zum Beispiel zwei so großartige Darsteller wie Tom Schilling und Lars Eidinger aufeinandertreffen, dann gerät auch die längste Szene zum Genuss!

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