Die Schlange von Essex

Drama | Großbritannien 2021 | 292 (6 Folgen) Minuten

Regie: Clio Barnard

Eine verwitwete Frau mit großem Interesse für Paläontologie verlässt 1893 auf der Suche nach einem Neuanfang London und reist auf den Spuren einer mysteriösen Seeschlange in einen Küstenort in Essex, wo sich eine spannungsvolle Freundschaft zu dem örtlichen Pfarrer anspinnt. Eine Serienverfilmung des gleichnamigen Romans von Sarah Perry, die stimmig ein komplexes Beziehungsnetzwerk von Menschen auslotet, die an der Schwelle zum 20. Jahrhundert mit einem tiefgreifenden Wandel konfrontiert sind. Getragen wird die Adaption von einer atmosphärischen Bild- und Tongestaltung und durchweg überzeugenden Darstellerleistungen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE ESSEX SERPENT
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2021
Regie
Clio Barnard
Buch
Anna Symon
Kamera
David Raedeker
Musik
Dustin O'Halloran · Herdís Stefánsdóttir
Schnitt
Lucia Zucchetti
Darsteller
Claire Danes (Cora Seaborne) · Tom Hiddleston (Will Ransome) · Caspar Griffiths (Frankie) · Clémence Poésy (Stella Ransome) · Frank Dillane (Luke Garrett)
Länge
292 (6 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Literaturverfilmung | Serie

Serie um eine Londoner Witwe mit einem Faible für Paläontologie, die auf den Spuren einer mysteriösen Seeschlange in einen Küstenort in Essex reist und eine spannungsreiche Freundschaft mit dem dortigen Pfarrer beginnt.

Diskussion

Am Anfang schwebt die Kamera über den verschlungenen Flussläufen des Blackwater Marschlandes; dann taucht sie nach einem Schnitt unter Wasser, als würde sie sich in die Perspektive jener mythischen Seeschlange begeben, deren unsichtbare Präsenz sich durch alle sechs Folgen der Miniserien-Verfilmung von Sarah Perrys gleichnamigem Roman zieht. Im fiktiven Küstenörtchen Aldwinter, in dem der Großteil der Bevölkerung von der Fischerei lebt und in den 1890er-Jahren von der anbrechenden Moderne noch nichts zu spüren ist, wird bald darauf ein junges Mädchen vermisst. Man munkelt, dass die Schlange sie geholt haben soll. Als wenig später die Leiche der Vermissten in den Marschen gefunden wird, wächst in Aldwinter die Angst.

Eine Witwe auf der Suche nach Selbstentfaltung

Für die in London lebende Cora Seaborne (Claire Danes) geht derweil mit dem Krebstod ihres dominanten, mitunter sadistischen Ehemannes eine lange Zeit latenter Angst zu Ende. Jetzt ist die wohlhabende Witwe frei, zu tun, was sie will. Und das ist, ihren wissenschaftlichen Neigungen nachzugehen: Cora begeistert sich für Naturgeschichte, hat die Werke von Darwin und Charles Lyell inhaliert und interessiert sich in der Nachfolge ihrer Landsmännin Mary Anning für Paläontologie. Als sie durch die Zeitung Kunde von den Gerüchten um ein Ungeheuer in Essex erreicht, zieht sie in Betracht, dass da eines jener „lebenden Fossilien“ aufgetaucht sein könnte, über die Darwin geschrieben hat – ein Vertreter einer urzeitlichen Spezies, der irgendwie den evolutionären Selektionsdruck überdauert hat. Kurzentschlossen bricht sie mit ihrem kleinen Sohn Frankie (Caspar Griffiths), der leicht autistische Züge hat, und ihrer Freundin und Gesellschafterin Martha (Hayley Squires) auf nach Essex. Dort beginnt sie, Nachforschungen nach der Schlange anzustellen – und sie begegnet bei einem ihrer Streifzüge einem Mann, der einen nachhaltigen Eindruck auf sie macht.

Sarah Perrys 2016 veröffentlichter historischer Roman steht in der Tradition der Brontës; rund um Cora entfaltet sich eine verschlungene Beziehungs- und Sittengeschichte aus dem England der 1890er-Jahre, angereichert mit suggestiven Naturbeschreibungen (Perry stammt selbst aus Essex), einem Schuss Krimi und Gothic-Elementen, ohne dass sich der Roman je explizit in die Genre-Gefilde des Schauerlich-Fantastischen begeben würde. Die Serienadaption von Autorin Anna Symon für die Produktionsforma See-Saw, die sich unter anderem mit „Top of the Lake“ und zuletzt „The North Water“ und „Slow Horses“ bei Serienfreunden einen guten Namen gemacht hat, orientiert sich weitgehend getreu an der Vorlage, ergänzt durch die schiere Sinnlichkeit der bildgewaltigen Kameraarbeit und der physischen Präsenz der Darsteller. Der Spielraum von sechs um die 50 Minuten langen Episoden erlaubt es, das Figuren-Netzwerk, das Perry im Roman aufbaut, ohne allzu drastische Einschnitte zu übernehmen, und wie das Buch lotet auch die Serie subtil die Spannungen aus, die darin nicht nur durch das vermeintliche Auftauchen eines archaischen Biests entstehen, sondern mehr noch durch den Wandel hin zur Moderne, der auf vielen Ebenen für Konfliktpotenzial und Reibungen sorgt.

Die Wissenschaft und der Mann Gottes

Der Mann, dem Cora bei ihrem ersten Spaziergang Richtung Aldwinter begegnet, ist Will Ransome (Tom Hiddleston), der Pfarrer des Küsten-Dorfs; und nachdem die beiden nach der ersten, einigermaßen unkonventionellen Begegnung – sie hilft ihm, ein verirrtes Schaf aus einer Schlammgrube in den Marschen zu retten – einander auch offiziell vorgestellt worden sind, entspinnt sich trotz aller weltanschaulichen Gegensätze zwischen der Frau der Wissenschaft und dem Mann Gottes eine Freundschaft, in der immer deutlicher auch eine körperliche Anziehung mitschwingt. Was nicht nur Cora verunsichert, die nach ihrer unglücklichen Ehe eigentlich keine Liebesbeziehung mehr eingehen will und schon genug damit beschäftigt ist, die innige, aber auch komplexe Freundschaft zu einem Londoner Verehrer, dem ambitionierten jungen Herz-Chirurgen Dr. Garrett (Frank Dillane), auszutarieren, sondern auch Will, der eigentlich Familienvater und glücklich verheiratet mit der zwar kränklichen, ansonsten aber rundum bezaubernden Stella (Clemence Poésy) ist.

Die mysteriöse Schlange, diese Drohung von etwas Archaisch-Unbeherrschbarem, fungiert dabei als eine Art Projektionsfläche und zugleich Katalysator; sie fordert die zentralen Figuren auf unterschiedliche Weise heraus: Für die gebildete, materiell abgesicherte Upper-Class-Lady Cora verschwistert sie sich mit dem Forscherdrang und der wissenschaftlichen Neugier auf die Welt; die Fischer-Bevölkerung von Aldwinter dagegen, deren Verhältnis zur Natur durch den alltäglichen Überlebenskampf geprägt ist, reagiert auf die vermeintliche Präsenz des „teuflischen“ Biests mit abergläubischer Furcht und der Suche nach Sündenböcken. Was wiederum völlig dem Religionsverständnis ihres belesenen Pfarrers entgegenläuft, der in allem die göttliche Vernunft walten sehen will und das Gerede über angebliche Sichtungen der Schlange für Hysterie und die Schlange selbst für pure Einbildung hält. Dass Cora, wenn auch aus völlig anderen Gründen als seine Gemeindeschäfchen, die Existenz des Biests als möglich betrachtet, ist ein latenter Konfliktpunkt zwischen den beiden. Wobei mit voranschreitender Handlung, während die Anziehung zwischen Cora und Will immer stärker wird, die Schlange für den ansonsten so gefestigten Geistlichen auch zum Symbol des verdrängten Begehrens zu werden scheint, dass er einfach nicht wahrhaben will.

Regisseurin Clio Barnard gelingt es gut, die thematischen Resonanzen des Stoffs auch in der Serie zum Klingen zu bringen, wobei neben dem Kontrast zwischen Wissenschaft und Religion auch Themen wie die ersten Ansätze der Frauenemanzipation und ihr Zusammenstoß mit traditionellen Vorstellungen von Liebe, Ehe und Familie einfließen, und im Hintergrund, nicht zuletzt über die Figur von Coras Freundin Martha, einer engagierten Sozialistin, auch die sozialen Konfliktlinien und Entwicklungen jener Zeit. Vor allem aber ist die Serie, wie der Roman, ein bewegendes Hohelied auf der Kraft der Freundschaft: Gegen die auch durch die Musik von Dustin O’Halloran und Herdís Stefánsdóttir heraufbeschworene Atmosphäre einer existenziellen Erschütterung und Unsicherheit in einer Zeit, in der das Welt- und Menschenbild und das gesellschaftliche Zusammenleben sich unaufhaltsam wandeln, behaupten sich hartnäckig die Bindekräfte der zwischenmenschlichen Sympathie.

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