Mary Bauermeister - Eins und Eins ist Drei

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 102 Minuten

Regie: Carmen Belaschk

Die 1934 geborene deutsche Künstlerin Mary Bauermeister wurde in den 1960er-Jahren zur Pionierin der Fluxus-Bewegung und arbeitet auch mit über 80 Jahren weiterhin in ihrem Atelier bei Köln. Der Dokumentarfilm nähert sich Bauermeister vor allem über ihre Arbeit an, fängt Höhenflüge und Rückschläge ein und vermeidet es dank der liebevoll-skeptischen Perspektive ihres Sohnes, allzu distanzlos in ihr Werk einzutauchen. Da der Film zudem die Gegenwart der Vergangenheit vorzieht, schwingt er sich zum wunderleichten Porträt auf, das Leben wie Denken der alternden Künstlerin liebevoll Reverenz erweist. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Carmen Belaschk
Buch
Carmen Belaschk
Kamera
Raphael Hustedt
Musik
Simon Stockhausen
Schnitt
Brigitte Maria Schmidle
Länge
102 Minuten
Kinostart
02.09.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Respektvolles dokumentarisches Porträt der Pionierin der Fluxus-Bewegung Mary Bauermeister, die auch mit über 80 Jahren noch Arbeiten in ihrem Atelier gestaltet.

Diskussion

Die Frau in Weiß streift am Meer umher, zeichnet Linien in den Sand und sammelt Steine. So oder so ähnlich hält Mary Bauermeister es schon lange, das zumindest deuten Super-8-Aufnahmen der viel jüngeren Steinesammlerin an, die Carmen Belaschk zwischen die neuen, in der Bretagne gedrehten Sequenzen schneidet.

Anderthalb Jahre lang hat die Filmemacherin die 87-jährige Frau mit der Kamera begleitet. In vielen Sequenzen zeigt Belaschk die Künstlerin bei der Arbeit. Bauermeister ordnet die vom Meer abgeschliffenen, runden Steine nach Größe und Färbung, dann klebt sie die Steine zu sich verjüngenden Türmchen zusammen und baut daraus harmonische Materialbilder. Anderswo gestaltet sie ihre Glasvitrinen, in denen plastische Formen, Schrift, Zeichnung und Glaslinsen zusammenspielen, Bauermeisters kleine Universen, mit denen sie großen Einfluss auf die Fluxus-Bewegung der 1960er-Jahre hatte.

Damals stand Bauermeister, die 1934 in Frankfurt am Main geboren wurde, im Zenit ihrer Karriere. Als 28-Jährige bestritt sie eine Einzelausstellung im Amsterdamer Stedelijk-Museum und wurde von einer bedeutenden Galerie in New York vertreten; sie war mit Künstlern wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely befreundet.

Doch hatten (und haben) es Künstlerinnen im Kunstbetrieb schwerer als ihre männlichen Kollegen. Bauermeister ist keine Ausnahme. Dass ihr Werk in Vergessenheit geriet – der Dokumentarfilm zeigt allerdings auch, dass sich das geändert hat –, hängt auch mit der Beziehung zu dem weltberühmten Komponisten Karlheinz Stockhausen zusammen, in dessen Schatten sie zeitweilig verschwand. Das Paar heiratete 1967, bekam zwei Kinder und ließ sich 1973 wieder scheiden.

Annäherung an einen magischen Kosmos

Der Film erzählt auch von der Wiederannäherung mit dem Sohn Simon Stockhausen, der seine Mutter inzwischen managt. Simon ist selbst als Komponist tätig und hat zum Film eine unaufdringlich-atmosphärische Musik beigesteuert. Stockhausen junior, den die Regisseurin auch interviewt, begleitet die Arbeit seiner Mutter mit liebevoller, aber auch skeptischer Distanz. Diese Ebene tut dem Film gut, der zwar immer wieder in den magischen Kosmos von Mary Bauermeister eintaucht, ohne sich jedoch unkritisch davon verschlucken zu lassen.

Mit Archivmaterial – vor allen aus den 1960er-Jahren – geht Belaschk sparsam um. Die Animationen von Gregor Zootzky, in denen eine gezeichnete Mary Bauermeister mit ihren einstmals typischen Zöpfen zwischen ihren Fantasiegebilden herumfliegt, sorgen für zarte Zwischenspiele. Kunstgeschichte oder überhaupt Vergangenes nimmt in diesem Porträt nicht viel Raum ein, weil es im Präsens erzählen will.

Haushalten mit Zeit und Kräften

Die Künstlerin muss mit ihrer Zeit und ihren Kräften haushalten, sie ist schwer an Krebs erkrankt. Einer Besucherin erzählt sie beiläufig, dass sie Chemotherapie und andere lebensverlängernde Maßnahmen ablehne. Das Gros des Films zeigt Bauermeister in ihrem Haus bei Köln. Auch der Garten ist voller Kunstwerke. Drinnen arbeitet die Künstlerin, so gut es geht, an ihren Werken, um den Transport für eine künftige Ausstellung in einer New Yorker Galerie vorzubereiten. Ob sie selbst zur Vernissage anreisen kann, ist ungewiss. Die Reise, die sie dann doch antritt, und die Ausstellung erweisen sich als voller Erfolg.

Auf den Höhenflug folgt der Tiefschlag: Nach der Rückkehr ist Bauermeisters Haus in Köln abgebrannt. Sichtlich erschöpft und ernüchtert macht sich die Künstlerin ans Aufräumen. Viele Werke sind zerstört, einige Steincollagen sind noch zu reinigen und damit zu retten. Man muss wissen, wozu man sich abrackert, denn nichts währt ewig, das gilt für die Kunst wie für alle Tätigkeit.

Eine Künstlerin, die sich nicht einschüchtern lässt

Am Ende inszeniert Mary Bauermeister ihren Abgang so, wie sie ihn vorher mit Worten skizziert hat. Zurück in der Bretagne läuft die alte Frau langsam in eine Bucht, verschwindet darin, bis nur noch ihr Hut auf dem Wasser treibt. Realiter lebt Mary Bauermeister noch. Der Film „Eins und eins ist drei“ handelt von einer Künstlerin, die sich nicht einschüchtern lässt, schon gar nicht vom nahenden Tod. Vieles bleibt nur angedeutet in dem wunderleichten Porträt, in dem es – für die Hauptperson – nur eine Gewissheit gibt: Ein Künstlerinnenleben ist mehr als die Summe seiner Teile.

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