Trans - I Got Life

Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 96 Minuten

Regie: Doris Metz

Sieben transsexuelle Menschen sprechen über ihren Weg zur neuen Identität, der von Kämpfen, Zweifeln, Depressionen und Einsamkeit bestimmt war. So unterschiedlich wie ihre Biografien sind auch ihre Einstellungen zur Transition, dem individuellen Übergang in ein anderes Dasein, der über Hormonbehandlungen und Operationen erfolgt und sich für viele wie eine Neugeburt anfühlt. Der Film begleitet die Porträtierten mit viel Feinfühligkeit und kombiniert ihre Lebensgeschichten mit Informationen über medizinische Hintergründe. Stilistisch werden die Porträts von einem optimistischen, warmherzigen Tenor grundiert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Doris Metz · Imogen Kimmel
Buch
Doris Metz · Imogen Kimmel
Kamera
Sophie Maintigneux · Birgit Gudjonsdottir · Theresa Maué
Musik
Gregor Schwellenbach
Schnitt
Frank J. Müller
Länge
96 Minuten
Kinostart
23.09.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Sieben transsexuelle Menschen sprechen über den Weg zu ihrer neuen Identität, die oft von Kämpfen, Zweifeln, Depressionen und Einsamkeit bestimmt war. Ihre Lebensgeschichten werden mit medizinischen Informationen kombiniert.

Diskussion

Wasser, Lichtreflexe, Körperlandschaften, dazu sanfte Elektroklänge und ein Summen, das sich zum Gesang verstärkt. Die ersten Bilder von „Trans – I Got Life“ erinnern an das Erwachen aus einem schönen Traum. „Transform to bodies new and straight“, singt eine sanfte Frauenstimme. Zwei Menschen spazieren am Strand entlang; gleich werden sie gemeinsam im Operationssaal stehen. Es handelt sich um den deutschen Chirurgen Jürgen Schaff und die US-amerikanische Ärztin Marci Bowers, selbst eine Trans-Person. Sie sinnieren über eine mögliche Auflösung der eindeutigen Geschlechtszugehörigkeit als Folge der Evolution.

Um endlich zu leben

Ein Auto rast in atemberaubender Geschwindigkeit über eine Landstraße. Dem Wagen entsteigt Conny, eine temperamentvolle Frau, die ihr früheres Ich als erfolgreicher Rennfahrer fast völlig ausgelöscht hat. Um endlich selbst zu leben, wie sie sagt. Jana geht noch zur Schule. Sie zieht gern mit ihrer besten Freundin durch die Gegend und träumt von einer Model-Karriere. Gemeinsam mit ihrer Mutter plant Jana die Transitions-Operation bei Jürgen Schaff. Rikku kommt aus den USA. Mit elf Jahren begann sie, nach Möglichkeiten einer Geschlechtsumwandlung zu suchen. Sie hat sich von vielen Menschen in ihrem Leben verabschiedet, die das nicht akzeptieren wollten.

Wenn Julius in seine Vergangenheit blickt, dann erinnert er sich an die erste Monatsblutung als absolute Katastrophe. In seiner Jugend flüchtete er in die Musik; er ist Singer-Songwriter, arbeitet für den Broterwerb als Busfahrer und ist verheiratet. Mik gehörte früher zur tschechoslowakischen Frauen-Nationalmannschaft im Eishockey und ist heute Jugendtrainer. Er liebt Testosteron – das gibt ihm mehr Power. Am Mannsein schätzt er unter anderem, dass das Leben so viel einfacher ist als das einer Frau. „Man macht sich weniger Gedanken, man macht einfach was und geht weiter.“

Für Verena ist die Begegnung mit ihrer alten Heimat, einem Dorf in der Oberpfalz, noch immer mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden. Hier hat sie niemand als Frau gesehen, und sie hat Angst, dass man sie erkennt. Seit ihrem Outing ist Elisabeth der erste weibliche Oberst der Bundeswehr und arbeitet dort als Gleichstellungsbeauftragte. Sie lebt weiterhin mit ihrer Ehefrau aus ihrer Männerzeit; ihre beiden gemeinsamen Kinder akzeptieren inzwischen die Situation.

Die blutigen Seiten der Transition

Vignettenartig entfalten der Film die Geschichten dieser sieben Menschen, die durch medizinische Informationen von Jürgen Schaff über die Eingriffe, zu operativen Möglichkeiten und besonderen Herausforderungen, etwa der Transition von einer Frau zum Mann, zusammengehalten werden.

Dies geschieht allerdings nicht durch Interviews, sondern mittels Ausschnitten aus Patientengesprächen, Diskussionen und Vorlesungen. Die fachlichen Hinweise dienen dabei nicht nur als Orientierung und Erläuterung. Sie vervollständigen den Film durch einen zusätzlichen, eher sachlichen Aspekt, der die Aussagen der Porträtierten ergänzt, die vom Bericht bis zum Bekenntnis einen weiten Bogen schlagen. Dabei wird nichts beschönigt; Bilder aus dem Operationssaal zeigen auch die blutigen Seiten der Transition, wobei Assoziationen zum Geburtsvorgang durchaus beabsichtigt sind.

Auch wenn relativ viel erklärt wird, entsteht nicht der Eindruck eines Aufklärungs- und Informationsfilms; schon gar nicht geht es um Sensationshascherei. Im Gegenteil: Die Filmemacherinnen Imogen Kimmel und Doris Metz streben nach einem Höchstmaß an Sensibilität und bemühen sich um eine möglichst angenehme Atmosphäre: durch eine ruhige Kamera, sanfte Klänge und eine unauffällige, klare Struktur. Es gibt keine Kommentare. Im Zentrum stehen die Trans-Menschen. Sie bestimmen, inwieweit sie über Emotionen, Persönliches oder Intimes sprechen. So stoppt Jana einmal ihre Mutter, die in den Augen der Tochter zu viel preisgibt.

Ein Ball mit Trans-Menschen

In allem wird nicht nur die Einzigartigkeit der sieben Biografien offensichtlich, was ja prinzipiell für alle Menschen gilt, sondern insbesondere die Problematik, die sie teilweise schon seit frühen Kindertagen beschäftigt. Alle sieben wurden in einem Körper geboren, der physisch nicht mit ihrem psychischen Geschlecht übereinstimmte.

Die sieben unterschiedlichen Persönlichkeiten kennenzulernen, ist eine Bereicherung. Es werden dabei nicht nur ihre Probleme sichtbar und verständlich, sondern man erlebt auch die Normalität dahinter. Die besteht in vielen Ländern auch aus Ängsten: vor Verleugnung, Unterdrückung und Verfolgung.

Symptomatisch ist dafür eine Szene in Moskau, wo Anna Sluzky, eine russische Kollegin von Jürgen Schaff, mit ihm gemeinsam eine Gesichtsoperation bei einer Patientin vornimmt. „In Russland sollte man das Gesicht einer Frau haben, bevor man ein Kleid anzieht“, sagt Sluzky dazu. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wagt die junge Operierte ein paar kleine Freudensprünge, fast wie im Vorgriff auf die Schlussbilder: Sie zeigen alle Porträtierten miteinander beim Tanzen – ein Ball der Trans-Menschen! Ein Hauch von Glück weht über die Leinwand.

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