Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter

Animation | USA 2022 | 97 Minuten

Regie: Richard Linklater

Ein neunjähriger Junge wächst in den 1960er-Jahren in einem Vorort von Houston auf, der eigens für NASA-Mitarbeiter und ihre Familien gebaut wurde. Die anstehende Mondlandung im Sommer 1969 verleitet den Jungen zu Fantasien über eine eigene Weltraummission. In dem autobiografisch inspirierten Film laufen Weltgeschichte, Kindheitserinnerungen und Tagträume zu einer subjektiven Kulturgeschichte der Stadt Houston zusammen. Der mit Hilfe des Rotoskopie-Verfahrens inszenierte Animationsfilm hebt die Erinnerungen des Regisseurs Richard Linklater und Fantasien auf eine Ebene und entwirft einen leichtfüßigen Essay über die identitätsstiftende Bedeutung selektiver Erinnerung und der Neuinterpretation von Vergangenheit. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
APOLLO 10 1/2: A SPACE AGE ADVENTURE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Richard Linklater
Buch
Richard Linklater
Kamera
Shane F. Kelly
Schnitt
Sandra Adair
Länge
97 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Animation | Coming-of-Age-Film

Autobiografisch inspiriertes Filmessay über die Kindheit eines US-amerikanischen Jungen in den 1960er-Jahren, der in der Nähe von Houston und ganz im Bann des NASA-Raumfahrtprogramms aufwächst.

Diskussion

Als Neil Armstrong am 20. Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat, verfolgten über 500 Millionen Menschen seinen Spaziergang auf den Fernsehbildschirmen. Der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt. Für einen kurzen Augenblick waren die Millionen Zuschauer Teil dieser Geschichte, auch wenn sie anschließend wieder ihrem Alltag nachgingen. Doch mindestens einer von ihnen verpasste den kleinen-großen Schritt; zumindest stellt sich der US-amerikanische Filmemacher Richard Linklater das so vor. In „Apollo 10 ½“ schläft der Viertklässler Stan während der Fernsehübertragung neben seiner an den Bildschirm gefesselten Familie einfach ein. Ein Ausflug in den Freizeitpark „AstroWorld“ hat ihn tagsüber so erschöpft, dass er seine Augen nicht mehr offenhalten konnte. Nie werde er seinen Enkeln erzählen können, dass er diesen historischen Moment live miterlebt habe, beschwert sich sein Vater. „Ach, du weißt doch, wie das Gedächtnis funktioniert“, beschwichtigt die Mutter, „er wird eines Tages trotzdem glauben, dass er alles gesehen hat.“

Die Zukunft ist zum Greifen nahe

Was Stan seinen Kindern und Enkeln letztlich erzählt, denkt sich Linklater auf der Tonspur von „Apollo 10 ½“ aus. Im Voice-Over erzählt der erwachsene Stan vom Sommer 1969 in Houston, wo er mit seinen Eltern und den fünf älteren Geschwistern unweit des Kennedy Space Centers lebt. Der Vater arbeitet bei der NASA, aber nur in der Logistik, wie Stan bemängelt. Die Mutter hält die Familie wie eine kleine Fabrik am Laufen. Die Kinder verbringen ihre Kleinstadtjugend im Schatten der Mondlandung und voller Vorfreude auf die Utopie der nahen Zukunft, die damit verbunden zu sein scheint.

Der neunjährige Stan, von dem er hier erzählt, weiß nicht, dass dies der letzte Sommer sein wird, in dem all diese Versprechen noch Zukunft sind. In der heilen Welt des Grundschülers wirkt der Mond näher als Vietnamkrieg, Rassenunruhen oder politische Attentate, die über den Fernsehbildschirm flimmern. Der Kalte Krieg scheint unwirklicher als das „Space Race“, das Wettrennen mit der Sowjetunion im Weltraum, und doch fragt Stan sich bei den Schutzübungen, wie ihn das Ducken unter seinen Schultisch vor einer Atombombe retten solle.

Linklater gelingt es, durch scheinbar willkürliche Fokusverschiebungen, die Anpassungsleistung des Schülers greifbar zu machen. In seiner noch übersichtlichen Lebenswelt lernt Stan langsam, das Größenverhältnis der ihn umgebenen Informationen einzuschätzen. Nachträglich stellt er fest: Wie seine damals kindliche Wahrnehmung kennt auch diese Vorstadt von Houston keine Vergangenheit, denn sie wurde eigens für die zig Tausend NASA-Mitarbeiter aus dem Boden gestampft. Die große Zukunft ist die gemeinsame Mission, und so dreht sich auch für Stan und seine Geschwister alles um die Eroberung des Weltraums. Science-Fiction scheint zum Greifen nahe: „2001: Odyssee im Weltraum“ ist sein Lieblingsfilm, sein Baseball-Team heißt „The Astros“ und die Eisdiele, in der seine Schwester jobbt, bietet sagenhafte 31 Sorten an.

Ausgangspunkt sind Linklaters Erinnerungen

„Apollo 10 ½“ ist ein multimediales Erinnerungsalbum, semi-autobiographisch zusammengestellt von Richard Linklater, der selbst in den 1960er-Jahren in Houston aufwuchs, später in Austin studierte und dort die Austin Film Society mitbegründete. Das Teleskop der Weltgeschichte, das Mikroskop seiner Kindheitserlebnisse und reine Fantasie sind hier keine Gegensätze, sondern ergänzen einander nahtlos, sowohl zeitlich als auch räumlich. „Apollo 10 ½“ wird so zu einer von Linklaters Wahrnehmung gefilterten Kulturgeschichte der Stadt Houston und des damals ausgerufenen Weltraumzeitalters.

In seiner Erzählung füllt Stan schlafbedingte Erinnerungslücken einfach mit einem großen Tagtraum, in dem er im Frühjahr 1969 von zwei NASA-Offizieren vom Schulhof weg rekrutiert wird. Die Apollo-Raumkapsel sei zu klein konstruiert; sie bräuchten jemanden mit seiner Statur und seinen Sportlerfähigkeiten, um vor der offiziellen Mission einen Testflug zu absolvieren. Unter dem Deckmantel eines Sommercamps könne er an einem Crash-Kurs für Astronauten teilnehmen und sei so optimal vorbereitet. „Wobei Crash-Kurs vermutlich ein eher unglücklicher Ausdruck in Zusammenhang mit der Mondlandung ist,“ merkt der erwachsene Stan auf der Tonspur an.

Erinnerung ist stets auch Neuinterpretation

Linklater gibt die 1960er-Jahre nicht so wieder, wie sie waren, sondern er zeigt selbstreflexiv und bisweilen selbstironisch das, was seine Erinnerung daraus gemacht hat und ordnet diese Schnipsel auf der Tonspur immer wieder historisch ein. Damit hebelt er auch die nostalgische Verklärung ähnlicher Kindheitserinnerungen aus und hält sich an eine Philosophie, die auch schon in seinen früheren Filmen von „Slacker“ (1990) bis zu „Boyhood“ (2014) durchscheint: Erinnerung ist immer auch eine Neuinterpretation der Vergangenheit, nicht im geschichtsrevisionistischen Sinne, sondern in der subjektiven Weltaneignung, die letztlich jeder Identität vorausgeht. Stans selektives Gedächtnis ist in diesem Weltbild kein Manko, sondern eine Voraussetzung für seine Persönlichkeit.

Ob er vor dem Fernseher einschlief oder sich selbst in den Weltraum träumte: Für Stans Erinnerungen an diese Zeit spielt dies eine untergeordnete Rolle. Erinnerungen an Schulhofspiele und erträumtes Astronautentraining stehen genauso nebeneinander wie die Verschwörungstheorien der Großmutter und die bürokratische Genauigkeit, mit der sein Vater Lektionen fürs Leben erteilt: „Weißer Abschaum wirft die Bierdosen aus dem Autofenster, Hinterwäldler werfen sie in den Fußraum.“ „Dann sind wir also Hinterwäldler?“, fragt Stans Bruder. „Nein, Hinterwäldler lassen die Dosen liegen. Aber du wirst sie nachher in den Müll bringen.“ Alkohol am Steuer sei damals erlaubt gewesen, solange man nicht sternhagelvoll fuhr, erzählt Stan dann, nachträglich selbst erstaunt über die damals kaum vorhandenen Sicherheitsbedenken. Kinder saßen unangeschnallt auf der Ladefläche eines Pickups, radelten ohne Helm hinter einem Truck her, der Insektizide versprühte, und kamen mit knallroten Augen aus dem Schwimmbad, weil schon wieder zu viel Chlor im Wasser war. Irgendetwas davon würde sie vermutlich dereinst umbringen, doch der sorglose Sommer 1969 ließ niemanden darüber nachdenken.

Das „Mad“-Heft fest in der Hand

In der Erzählung des erwachsenen Stan, im Original gesprochen von Jack Black, klingt das bittersüß. Ohne großen Handlungsbogen setzt Linklater alle Erinnerungsschnipsel zu einer Collage zusammen. Gerade diese nur lose verknüpften Augenblicke erzeugen den überraschenden Effekt, etwas Unwirklichem, ja Futuristischem, beizuwohnen. Vor seinem inneren Auge sind diese Erinnerungen nicht nur allesamt gleichwertig, sondern gleichermaßen lebhaft. Linklater präsentiert all das als Animationsfilm, genauer gesagt im Rotoskopie-Verfahren, das er bereits 2001 für seinen Film „Waking Life“ mitentwickelte: Reale Spielszenen werden nachträglich mit Hilfe von Motion Capture übermalt und animiert. Dabei entsteht ein beinahe hyperrealistischer Bilderstrom, der die Mimik der Schauspieler einfängt und zugleich die Möglichkeit bietet, die Farbgebung des Originals zu bearbeiten oder zu manipulieren.

In „Waking Life“ (2001) diente die Animationstechnik dazu, den Übergang von der Realität zu den Traumsequenzen zu glätten; in A Scanner Darkly (2006) nutzte Linklater das Verfahren, um Drogendelirien psychedelisch ineinander wabern zu lassen; in „Apollo 10 ½“ macht er die Rotoskopie nun aber zur visuellen Standardeinstellung seiner persönlichen Erinnerung. Über alles zieht er damit einen knallbunten Farbfilter: Kennedys historische Rede zum „Space Race“, Janis Joplins Auftritt in einer Talkshow, Filmausschnitte und seinen Tagtraum, in dem er selbst im Cockpit der Apollo-Rakete sitzt und zum Zeitvertreib der dreieinhalbtägigen Reise zum Mond ein „Mad“-Magazin in der Hand hält – fast wie bei Familienausflügen, nur eben ohne Begleitung.

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