Stand Up My Beauty

Dokumentarfilm | Deutschland/Schweiz 2021 | 110 Minuten

Regie: Heidi Specogna

Fünf Jahre lang begleitet der Dokumentarfilm die äthiopische Azmari-Sängerin Nardos Wude Tesfaw, wobei weniger die berufliche Karriere der in ihrer Heimat als Star gefeierten Protagonistin im Zentrum steht als vielmehr ihre Suche nach einem ersten eigenen Song. Dieser soll exemplarisch vom Schicksal vieler im Kindesalter zwangsverheirateter Äthiopierinnen erzählen und die Frauen ermutigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Eine präzise beobachtete und mit viel Feingefühl gefertigte Langzeitstudie, die als eine Art Doku-Musical in die Tiefen einer uralten Kultur führt und zugleich von rasanten gesellschaftlichen Veränderungen zeugt. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2021
Regie
Heidi Specogna
Buch
Heidi Specogna
Kamera
Johann Feindt
Musik
Hans Koch
Schnitt
Kaya Inan
Länge
110 Minuten
Kinostart
19.05.2022
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Langzeitstudie und Doku-Musical über die äthiopische Sängerin Nardos Wude Tesfaw und deren Suche nach einem Lied über das Schicksal zwangsverheirateter Mädchen.

Diskussion

Mitten in der Millionenstadt Addis Abeba, im Stadtviertel Kazanchis, befindet sich das Fendika Cultural Center. Der in den 1990er-Jahren unter dem Namen „Fendika Azmari Bet“ gegründete Club hat sich der Pflege und Wahrung der äthiopischen Tradition verschrieben. Jeden Abend finden hier Azmari-Sessions statt, Folklore-Shows mit Gesang, Tanz und Musik. Der Refrain der Lieder gibt das Thema vor; die Strophen werden von den Sängerinnen und Sängern nach Wunsch des Publikums und der Stimmung im Saal aus dem Stegreif variiert. Wiederkehrende Leitthemen sind Erinnerungen, Träume und Liebe, Sehnsüchte und Begehren, Befürchtungen und Ängste. Die Azmari-Lieder und ihre Texte spielen in dem Dokumentarfilm „Stand Up My Beauty“ von Heidi Specogna eine tragende Rolle.

Eine der Sängerinnen, die man im Club Fendika regelmäßig antrifft, ist Nardos Wude Tesfaw. Hier hat sie auch Specogna während der Recherche zu einem anderen, bisher nicht entstandenen Film über die Besonderheiten des äthiopischen Jazz entdeckt. Nardos’ kraftvolle Stimme, ihr ausdrucksstarker Gesang und ihre Persönlichkeit haben die Filmemacherin fasziniert. „Stand Up My Beauty“ taucht in der Begegnung mit der Sängerin tief in die äthiopische Gesellschaft und Kultur ein und verbindet Musical und biografische Annäherung, Gesellschaftsporträt und historisches Essay zu einem überaus präzise beobachteten und leise warnenden Dokumentarfilm.

Es reicht zum Leben

„Ich singe immer“, sagt Nardos. Und das unabhängig davon, ob sie auf einer großen Bühne steht oder in einem nur spärlich besuchten Club. Sie ist Mitglied der Band „Ethicolor“, mit der sie auf Tournee geht; in Äthiopien ist Nardos ein gefeierter Star. Ihre Auftritte im Fendika-Club jedoch sind bescheiden und intim. Wem das Gesehene gefällt, der steckt der Sängerin einen Geldschein unter die Träger ihres Kleides. Reich wird Nardos damit nicht. Doch es reicht zum Leben. Vor allem zu Beginn ihrer Karriere reichte es, um unabhängig über die Runde zu kommen.

Nardos ist zu Beginn der Dreharbeiten Mitte zwanzig. Sie hat einen sechs Jahre alten Sohn; das zweite Kind kommt ungewollt ein Jahr später. Am Ende des Filmes ist das dritte Kind unterwegs, und Nardos mit ihrem Nachwuchs allein. Ihr Mann, ein Musiker, der ihr versprach, sie bei der Erziehung der Kinder aktiv zu unterstützen, hat auf einer Baustelle in Australien einen Job angenommen. „Hauptsache, er ist glücklich“, sagt Nardos, wenn sie auf die Abwesenheit ihres Mannes angesprochen wird. In ihrem nächsten Lied aber klingt wehmütig etwas anderes an. Das Leben in Äthiopien verläuft in anderen Bahnen; Nardos’ Biografie ist voller Brüche.

Specogna begleitet die Protagonistin auf einer Reise in ein kleines Dorf in der Nähe der alten Kaiserstadt Gonder. Hier wurde Nardos geboren, hier lebt ihre Mutter noch heute. Nardos hat vier Geschwister. Sie war fünf Jahre alt, als ihr Vater starb. Mit sieben schickte sie ihre Mutter zu einer Tante nach Addis Abeba. Nicht um ihre Tochter loszuwerden, sondern um sie vor dem Schicksal einer Zwangsehe zu bewahren, geschlossen im Kindesalter, die mit einem Leben hinter verschlossenen Türen einhergeht.

Die Schichten der Zeit

Dass die Tante Nardos ebenfalls einschloss, steht auf einem anderen Blatt. Ebenso, dass Nardos, die schon immer Sängerin werden wollte, heimlich ausbüxte und die Stadt erkundete, während die Tante auf der Arbeit war. In der Kirche lernte Nardos singen. Als die Tante ihr verbot, bei einem Schulmusical mitzumachen, haute sie ab und verdingte sich auf einer Baustelle. In „Stand Up My Beauty“ sind Frauen zu sehen, die Bauschutt mit Tragen und auf Karren abtransportieren. Ihre Hände, erzählt Nardos, seien damals von der harten Arbeit so schrundig gewesen, dass sie niemanden damit begrüßen wollte.

Die Recherchen und Dreharbeiten zu „Stand Up My Beauty“ erstreckten sich über mehrere Jahre. Sieben Plätze und Kreuzungen in Addis Abeba hat Kameramann Johann Feindt dabei immer wieder aus der gleichen Position mit der gleichen Einstellung gefilmt. Im Film überlagern sich diese Aufnahmen und lassen in ihrer Schichtung das Vergehen der Zeit, aber auch die architektonischen Veränderungen sichtbar werden. Addis Abeba ist eine sich schnell verändernde Stadt; wo in einem Jahr Bäume gefällt werden, ragen im nächsten Jahr bereits wuchtige Betontürme in den Himmel. Die Schilder auf den Baustellen und die Beschriftungen an den Gebäuden zeugen von Großinvestoren aus dem asiatischen Raum; der Ausverkauf des Landes im Zeichen einer marktwirtschaftlichen Globalisierung wird in „Stand Up My Beauty“ kommentarlos angedeutet.

Der rote Faden des Films ist Nardos’ Arbeit an ihrem ersten eigenen Song, von dem sich auch der Titel des Films ableitet. Er ist den äthiopischen Frauen gewidmet, ihrem oft tragischen Schicksal, über das zu reden in der Gesellschaft tabu ist. Nardos kooperiert dabei mit der Dichterin Gennet Hiale, die sich ihren Lebensunterhalt als Straßenhändlerin verdient; außerdem sucht sie das Gespräch mit verschiedenen Frauen. Etwa mit ihrer Schwiegermutter Baharde, die als Mädchen zwangsverheiratet wurde und in einer von bewaffneten Gruppen kontrollierten Region in den Bergen haust. Oder mit den begnadeten Sängerinnen aus Burbax, einem winzigen Dorf, das als Wiege des Azmari-Gesangs gilt.

Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen

Nardos braucht bei diesen Gesprächen viel Geduld und großes Einfühlungsvermögen. Sie möchte lieber über diese Frauen singen, als von ihrem Schicksal erzählen. Und so singt Nardos, als ihr Song fertig ist. Von den schönen Frauen, die aufstehen und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

Heidi Specogna zeigt in „Stand Up My Beauty“ beispielhaft, wie diese Emanzipation vor dem Hintergrund einer jahrhundertealten Tradition vonstattengehen kann. Mit sanfter Beharrlichkeit. Und in der Gefolgschaft einer großen Sängerin und Anführerin wie Nardos Wude Tesfaw, die in ihren Liedern Mut machend von den vielen kleinen Schritten erzählt, die es braucht, um Selbstbestimmung zu erlangen.

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