Drama | Frankreich 2019 | Minuten

Regie: Cathy Verney

Ein Plattenladenbesitzer war in Paris einst eine Szene-Größe; doch mittlerweile ist sein Geschäft geschlossen und sein Stern im Sinken. Als er seine Wohnung verliert und auf der Straße landet, versucht er, bei diversen alten Bekannten unterzukommen, was ihn in Kontakt mit einer Vielzahl an unterschiedlichsten Typen und Schicksalen bringt - um schließlich zum musikalisch-messianischen Fixpunkt des disparaten Haufens zu werden. Der Serie nach Virginie Despentes' Romantrilogie gelingt eine kluge Auswahl zentraler Themen und Motive, ohne allerdings ganz dessen rasiermesserscharfe Analyse und Kritik einer oberflächlichen, zutiefst gespaltenen Gesellschaft liefern zu können. Nichtsdestotrotz überzeugt die Serie als schillerndes Zeitbild aus der von inneren Brüchen gezeichneten französischen Metropole sowie mit guten Darstellern und einer überzeugenden Auswahl und Integration des Soundtracks. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
VERNON SUBUTEX
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Cathy Verney
Buch
Cathy Verney · Benjamin Dupas
Musik
Alexandre Lier · Sylvain Ohrel · Nicolas Well
Schnitt
Lilian Corbeille · Camille Toubkis
Darsteller
Romain Duris (Vernon Subutex) · Céline Sallette (Die Hyäne) · Laurent Lucas (Laurent Dopalet) · Flora Fischbach (Anais) · Athaya Mokonzi (Alex Bleach)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Krimi | Literaturverfilmung | Serie

Serienverfilmung nach Virginie Despentes Romantrilogie um die Odyssee eines ehemaligen Plattenladenbesitzers aus Paris, der seine Wohnung verliert und auf der Straße landet, um schließlich zum musikalisch-messianischen Fixpunktes eines disparaten Haufens von Freunden und Bekannten zu werden.

Diskussion

Die Romantrilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ (2015–2017) der französischen Skandalautorin Virginie Despentes ist wahrer Rock’n’Roll zwischen Buchdeckeln – laut, innovativ, nonkonformistisch, bisweilen zynisch, aber auch gefühlvoll an den richtigen Stellen. Und Sex und Drogen spielen auch ihre Rollen. Vernons Story war international ein großer Erfolg; nun kommt mit einiger Verspätung eine gelungene Serienadaption zu uns (Showrunner: Cathy Verney), und ungefähr zur gleichen Zeit auch die Transposition des ersten Bandes in eine Graphic Novel von Luz, dem französischen Cartoonisten und „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter (bei Reprodukt). Da Despentes nicht weniger versucht, als Panorama und Kritik einer spezifisch westlichen Lebensform seit den 1960er-Jahren zu liefern sowie ihren Verfall, ihr Verschwinden im neuen Millennium zu schildern, und ihr dies sehr überzeugend gelingt, lohnt ein Blick in die Bücher und auf die neun Episoden der Serie, die ungefähr die Hälfte des Stoffes abdecken, allemal.

Auf die Straße gesetzt

Vernon Subutex (Romain Duris), circa Ende 40, ist ein Sympath, ein liebenswerter Chaot mit dem bezwingendsten Lächeln der Welt und war ehedem so etwas wie eine lokale Größe in seinem Pariser Kiez. Er betrieb den Szene-Plattenladen „Revolver“ und scharte angehende Rockstars wie Alex Bleach (Athaya Mokonzi) und deren Groupies um sich – zu einer Zeit, da die Musik in ihrer physischen Form zum letzten Mal Leitmedium einer Ära war, in den späten 1980ern, frühen 1990ern. Der Lauf der Zeit und die Entwicklung der Gesellschaft haben es jedoch nicht gut gemeint mit Vernon: Die Wirtschaft liegt darnieder, die Plattenindustrie im Besonderen, die wahren Talente sind selten wie nie und ohnehin nur etwas für die wenigen, und alle Welt (main-)streamt sowieso nur noch.

So kommt es, dass eines kalten Tages im Turbokapitalismus der Gerichtsvollzieher vor, eigentlich bereits hinter der Tür steht und Vernon seine Wohnung verliert. Nur mit einer Sporttasche, ein paar LPs und einem iPod voller Songs seiner unendlichen Playlist nomadisiert er fortan durch die zunehmend unwirtlicher sich zeigende Metropole, den Kopfhörer stets als Schutzmembran zwischen sich und die Welt setzend, und sucht Unterschlupf bei alten Weggefährten. Sein erster Gang führt ihn eben zu Alex Bleach, der gerade auf Comeback-Tour ist. Erschüttert von Plagiatsvorwürfen (wieder das Motiv schwindender Authentizität!) legt er Vernon im Drogenrausch seine Lebensbeichte ab – auf drei Videocassetten. Am nächsten Morgen ist Alex tot, und Vernon muss ziemlich im Schock weiterziehen.

Eine starke Leistung von Romain Duris

Duris gibt den alternden Renegaten vielschichtig, versehen mit vielen menschlichen Zügen, sensibel, verletzlich, gefährdet, aber auch als grundsätzlich robusten Überlebenden – eine starke darstellerische Leistung. Die Themen Identität und Veränderung durchdringen dann auch Vernons Treffen mit dem Drehbuchautor Xavier Fardin (Philippe Rebbot), einst ein echter Kämpfer für das Wahre und Gute in der Kunst, nun dank reicher Heirat bürgerlich-bequem geworden, ein typischer Bobo (Bourgeois-Bohemien). Beide gönnen sich einen langen Moment nostalgischer Rückschau auf die „gute alte Zeit“ – weniger Technik, mehr Gefühl, freierer Geist … Können, wollen sie trotz schütteren Haars und erster grauer Fäden im Bart noch die Alten, also die Jungen sein? Wie bleibt man dennoch kreativ?

In solchen Momenten und insbesondere in seiner legendären Attraktivität für die Frauen erscheint der Subutex der Serie beinahe wie ein Bruder im Geiste von Hank Moody (David Duchovny) aus „Californication“. Dann wird es kompliziert (auch wieder: die Frauen!), und der Tramp muss überstürzt das Quartier wechseln.

Jagd nach dem Vermächtnis eines Rockstars

Mit rechtem Galgenhumor wird nun das Motiv moderner Wohnungslosigkeit inmitten des ubiquitären Überflusses durchgespielt („nur vorübergehend“). Mittlerweile hat der Tod des Rockstars Alex Bleach einige Wellen geschlagen, und sehr unterschiedliche Typen sind hinter den Kassetten her, die seine Lebensbeichte enthalten – aus ihren ganz eigenen Motiven. Nicht zuletzt sind das Fardin, der eine saftige Story als Drehbuchvorlage wittert, und einige Exfreundinnen von Vernon (und Alex). Aber auch der cholerische und schmierige Producer (von allem möglichen) Dopalet (Laurent Lucas), eine entfernt an Harvey Weinstein gemahnende Hassfigur.

Dieser wird aus gutem Grunde panisch, als er von Alex’ „Testament“ hört, und setzt die „Hyäne“ (Céline Sallette), eine toughe lesbische „Fixerin“, zusammen mit seiner neuen, etwas unbedarften Mitarbeiterin Anaïs (Flora Fischbach) auf die Spur der Bänder (und also Vernons). In einem parallelen Handlungsstrang, der abwechselnd gegen den mit unserem „Helden“ geschnitten wird, rollen jene beiden nun die ganze (Vor-)Geschichte mit ihren Motiven und Hintergründen auf. Dabei ist die Figur der „Hyäne“ (eine der stärksten Erfindungen Despentes’ – wild und anarchisch) hier noch deutlich zu clean und zu kontrolliert geraten – dennoch gut gespielt.

People united

Richtet sich der Fokus abermals auf Vernon, so enthüllt sich uns eine etwas melancholische Story von vielem vergeblichen Suchen und dem heimlichen Wunsch zu verschwinden, mit einer Figur in ihrem Zentrum – halb Schelm, halb Gauner, immer Lover –, die Würde und sogar Coolness wahrt auch auf dem Weg nach unten („clodo“, also wohl „Penner“ wird er öfter genannt). Vieles kulminiert in Episode 5, als Vernon noch einmal Gelegenheit bekommt, für eine ewig lange Nacht zu tun, was er am besten kann: Musik auflegen. Wie hier durch Soundtrack (großartig in der gesamten Serie!) und Regie der Eindruck von „people united“ evoziert wird, ist beeindruckend gelungen. Vernon als moderner Orpheus, dem selbst die wildesten „Party Animals“ willig folgen. Doch auch die längste Nacht geht einmal zu Ende, es folgt ein grauer, trister Morgen, und Vernon kann sein Glück nur kurz genießen. Erst muss er nach der Logik vieler Heldengeschichten (ohne Musik diesmal) ganz unten angekommen sein, bevor – vielleicht – eine Auferstehung möglich wird. Diese inszeniert die Serie in ihrer finalen Episode in Form einer Vereinigung Vernons mit allen seinen alten Gefährten, fast illusionär gefilmt zwischen Letztem Abendmahl und Beggars Banquet. Doch die religiös Musikalischen wissen: Auf die Auferstehung folgt die Verklärung; Vernon wird wohl nicht lange bei seinen Jünger:innen bleiben können...

Insgesamt gelingt der Serie eine kluge Auswahl zentraler Themen und Motive aus Virginie Despentes’ furiosem Romanzyklus, ohne allerdings dessen rasiermesserscharfe Analyse und Kritik einer oberflächlichen und fundamental egoistischen Gesellschaft liefern zu können (oder zu wollen?). Auch Auswahl und Integration des Soundtracks von Vernons Leben ist überzeugend, teilweise mitreißend realisiert, hier erinnern Buch und Serie strukturell entfernt an Bret Easton Ellis’ Verfahren in „American Psycho“. Der Graphic Novel fehlt es ein wenig an „Musik“; dies wird durch entsprechend explizite Zeichnungen versucht wettzumachen … Umso mehr lohnt der (erneute) Blick in die Bücher, Bände 1 bis 3 – und sei es nur zur Einstimmung auf eine mögliche Fortsetzung der Serie.

 

Die Romane: Virginie Despentes, „Das Leben des Vernon Subutex 1–3“. Drei Bände. Kiepenheuer & Witsch (auch im Taschenbuch).

Die Graphic Novel: Luz-Despentes, „Vernon Subutex, Teil 1“. Reprodukt.

Die Serie: „Vernon Subutex“. F 2019. Canal +/StudioCanal. In Deutschland digital u.a. bei Arthaus+ (als Amazon Prime Channel) sowie in der AppleTV-App.

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