Monica in the South Seas

Dokumentarfilm | Finnland 2022 | 69 Minuten

Regie: Sami van Ingen

Im Jahr 1975 reiste Monica Flaherty (1920-2008), die Tochter der Dokumentarfilm-Pioniere Robert und Frances Flaherty, nach Samoa, um den Stummfilm „Moana“ (1926) ihres Vaters nachträglich zu vertonen. Dabei schrieb die Tochter nahtlos die romantischen Projektionen des Vaters fort. Aus ihrem Nachlass montierte wiederum der finnische Filmemacher Sami van Ingen, Flahertys Urenkel, einen Essayfilm, der die Entstehung beider Projekte rekonstruiert. Darin scheinen Fragen nach der Authentizität dokumentarischer Bilder und den kolonialistischen Fortschreibungen eines vermeintlich ethnografischen Projekts auf, ohne explizit gestellt zu werden. Damit bewegt sich der Film auf einem schmalen Grat zwischen subtiler Kritik und Reproduktion der Flaherty’schen Narrative. (O.m.d.U.) - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
MONICA IN THE SOUTH SEAS
Produktionsland
Finnland
Produktionsjahr
2022
Produktionsfirma
Elokuvayhtiö Testifilmi
Regie
Sami van Ingen · Mika Taanila
Buch
Sami van Ingen · Mika Taanila
Schnitt
Mika Taanila
Länge
69 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
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Ein Essayfilm über die ethnografische Stummfilm-Dokumentation „Moana“ von Robert und Frances Flaherty und das Projekt ihrer Tochter Monica, den Film 50 Jahre später zu vertonen und damit auch das erinnerte Paradies ihrer Kindheit wiederherzustellen.

Diskussion

Manchmal klingen Monica Flahertys Kindheitserinnerungen wie eine exotische Fantasie: Bäder in der Lagune, wunderbare Früchte, Kakao und Gesang. Ein Vater, der wie ein großer Häuptling verehrt wurde und Filme auf einer zwischen Palmen aufgespannten Leinwand zeigte. Bei Mondlicht. Die Lieder, die sie im Alter von drei Jahren hörte, habe sie nie vergessen: „Samoa blieb in unserem System.“

Im Juli 1975 reiste Monica Flaherty (1920-2008) zusammen mit Richard Leacock, dem Pionier des Direct Cinema, und Sarah Hudson, einer seiner Studentinnen vom Massachusetts Institute of Technology, auf die samoanische Insel Savai’i. Das Projekt, das sie vorhatte, war so ambitioniert wie absurd. Monica Flaherty wollte Originaltöne aufnehmen, um den stummen Film „Moana“ nachzuvertonen. Ihre Eltern Robert und Frances Flaherty hatten ihn 1926 auf Savai’i gedreht – ein Auftrag der Paramount, der von Beginn an unter Erfolgsdruck stand. Mit „Nanuk, der Eskimo“ (1922), von einigen Stimmen als „erster ethnografischer Film“ bezeichnet, hatte Flaherty unerwartet einen kommerziellen Hit gelandet. „Moana“ sollte den Erfolg wiederholen, man versprach sich einen Film, der das Drama des Überlebens zeigt – eine Art „Nanuk“ auf Samoa. Die „Mission“ der Filmemacher, die mit drei Kindern und umfangreichem Equipment auf der Insel anrückten (einschließlich Labor, elektrischen Lichtanlagen und Projektor) war eine etwas andere. „Unser Anliegen war die Erschaffung eines authentischen Porträts dieser sterbenden Kultur“, so Frances Flaherty in einem Interview.

Der erste Dokumentarfilm

„Moana“, der erste Film, auf den der Begriff „Dokumentarfilm“ angewendet wurde (in einer Besprechung des schottischen Filmemachers John Grierson) zeigte, wie es in einer ehrfürchtigen Dokumentation über Flaherty aus den 1950er-Jahren heißt: „Essen, Menschen, Trinken. Nicht das, was man haben muss, sondern das Unabdingbare.“ Das Hollywoodstudio veröffentlichte den Film unter dem etwas reißerischen Titel „The Love Life of a South Seas Siren“, an der Kasse war er ein Flop.

Die Entstehungsgeschichten von „Moana“ wie auch „Moana with Sound“ (1981 in der Pariser Cinémathèque uraufgeführt und 2014 erstmals in digital restaurierter Fassung präsentiert) sind Mythengeschichten, die von Pionierleistungen und „ersten Malen“ begleitet sind. In dem Filmessay „Monica in the South Seas“ begegnen sie einem zunächst als schwer zu durchdringendes Dickicht, in dem man sich leicht verlieren kann. Der finnische Filmemacher und Künstler Sami van Ingen, der den Film in Zusammenarbeit mit Mika Taanila realisiert hat, ist Flahertys Urenkel, was ihm einen privilegierten Zugang zu dem Material aus dem Nachlass sicherte: Home Movies und Fotos, die das Leben der Flahertys auf Samoa zeigen, aber auch Super-8-Footage und Field Recordings, die Monica Flahertys Arbeit auf Samoa dokumentieren und auf ihrer Reise 1975 entstanden.

Montiert werden die Bilder und Töne zusammen mit historischen Dokumentationen über Flaherty, die einen teils hagiografischen Ton anschlagen. Auf eine zusätzliche Kommentarebene wird verzichtet – wie auch auf den kritischen Diskurs um Flaherty, der sich unter anderem an seiner Methode entzündete, inszenierte Ereignisse als authentisch auszugeben. „Monica in the South Seas“ vertraut ganz auf die Fähigkeit des Publikums, die Exotismen und kolonialistischen Fortschreibungen kritisch zu lesen.

Die Wirklichkeit nach romantischen Idealen geformt

In seinem Wunsch, eine von der westlichen Zivilisation unberührte Lebensform zu zeigen, formte Flaherty die Wirklichkeit nach seinen romantischen Idealen – eine Vorgehensweise, die seine jüngste Tochter ungebrochen übernahm. Auf Leacocks Aufnahmen sieht man sie bei Begrüßungszeremonien mit den Inselbewohner:innen und bei Zusammentreffen mit ehemaligen Protagonist:innen des Films. Eine Frau, die im Film beim Sammeln von Blättern zu sehen ist, erinnert sich mit ambivalenten Gefühlen an die Dreharbeiten. Dass sie ihr Oberteil ausziehen sollte, war ihr so peinlich, dass sie sich nicht mehr in die Kirche traute. Worauf Monica Flaherty einwirft, „Papa“ habe erzählt, die Missionare hätten die Scham nach Samoa gebracht.

Szene für Szene stellte Monica Flaherty in akribischer Arbeit eine naturalistische Tonspur her: das Wasser in all seinen Wellenlängen und Rhythmen, das Rascheln der Blätter, der Klang der sich erhitzenden Ofensteine, die Geräusche der heißen Steine, auf die Blätter geworfen werden. Die Vertonung ist dabei gleichzeitig ein Reenactment des alten Films wie eine Erinnerungsrekonstruktion der als paradiesisch wahrgenommenen Kindheit. Beides konnte nur mit der Unterstützung der Bewohner:innen gelingen. Sie halfen Monica etwa dabei, anhand von Fotos die abgebildeten Personen zu identifizieren – Flaherty hatte sie wie ein Archivar und Sammler mit Nummern versehen.

Andere Stimmen neben den zwei Filmgeschichten

„Monica in the South Seas“ bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen subtiler Kritik und der Reproduktion der Flaherty’schen Narrative. Beide Geschichten und Filme, die van Ingen und Taanila parallelisieren – die Entstehung von „Moana“ und das Projekt der Vertonung – sind sich so nahe, dass sie kein dialektisches Verhältnis entwickeln können. Man kann sie nur zusammenlesen, nicht gegeneinander. Umso wichtiger sind die anderen Stimmen. In einem Gespräch, dass Monica Flaherty mit Vaiao Ala’ilima führt, einem in den USA ausgebildeten samoanischen Häuptling, der für sie als Verhandler und Dolmetscher arbeitete, bringt sie die unterschiedlichen Positionen zur Sprache, die den Film ihres Vaters begleiteten. „Lasst die Ausländer streiten“, sagt Ala’ilima lächelnd und mit großer Distanz. „Wir wissen, worin die samoanische Lebensweise besteht. Unsere Lebensweise ist nicht starr, das ist das Schöne daran.“

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