Das fliegende Klassenzimmer (2023)

Komödie | Deutschland 2023 | 89 Minuten

Regie: Carolina Hellsgård

Die bereits vierte Adaption des Kinderbuchklassikers von Erich Kästner verpasst dem Stoff aus den 1930er-Jahren eine Frischzellenkur und präsentiert erstmals ein Mädchen als Hauptfigur. Diese wird als neue Schülerin an einem Gymnasium in einem Alpenort direkt mit der alten Fehde zwischen internen und externen Internatsschülern konfrontiert, die sie und ihre neuen Freunde herausfordert. Das Konfliktpotenzial des Films ist jedoch trotz dieses Streits zwischen Schülergruppen eher übersichtlich und unterfordert zuweilen auch ein junges Publikum. Überzeugend sind allenfalls die Anklänge von Sozialkritik und einige der Schauspieler. - Ab 8.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2023
Produktionsfirma
UFA Fiction/Leonine Studios
Regie
Carolina Hellsgård
Buch
Gerrit Hermans
Kamera
Moritz Anton
Musik
Freya Arde
Schnitt
Charles Ladmiral
Darsteller
Tom Schilling (Justus Bökh) · Hannah Herzsprung (Schuldirektorin Kreuzkamm) · Trystan Pütter (Nichtraucher) · Leni Deschner (Martina) · Lovena Börschmann Ziegler (Jo)
Länge
89 Minuten
Kinostart
12.10.2023
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 8.
Genre
Komödie | Literaturverfilmung
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Die neueste Adaption von Erich Kästners Pennäler-Klassiker über eine Fehde zwischen Schülern siedelt die Geschichte im Heute an und setzt zum ersten Mal auf ein Mädchen als Hauptheldin.

Veröffentlicht am
06.10.2023 - 17:26:41
Diskussion

Ein moderner Literaturklassiker ist spätestens dann endgültig als solcher erkennbar, wenn er lange nach seiner Entstehungszeit noch universelle Themen transportiert und gesellschaftliche Relevanz hat. Von Erich Kästners Kinderbuch „Das fliegende Klassenzimmer“, das 1936 von den Nationalsozialisten verboten wurde, kommt nun bereits die vierte Verfilmung in die Kinos: nach Adaptionen von 1954, 1973 und 2003. War die erste Version sehr textgetreu, zeichnete sich der Film von 1973 vor allem durch Seventies-Charme (die Schüler wurden allesamt von Jungen mit schulterlangen Haaren gespielt) aus und fungierte als Star-Vehikel für Joachim „Вlacky“ Fuchsberger. Die Verfilmung von 2003 wiederum spielte im Milieu des Leipziger Thomaner-Chors und griff die deutsch-deutsche Teilung auf.

Der neueste Film nach Kästner verleiht dem Stoff eine Prise Sozialkritik. Außerdem wagt Regisseurin Carolina Hellsgård eine feministische Neuinterpretation: Waren in dem Buch und in den Verfilmungen die Internatsbewohner allesamt Jungen (außer in der 2003er-Version, die einige Schülerinnen aufwies), übernimmt die Hauptrolle hier erstmals ein Mädchen. Martina (Leni Deschner) stammt aus bescheidenen Verhältnissen, wohnt mit der alleinerziehenden Mutter und dem kleinen Bruder in Berlin und hat ein Stipendium für das Johann-Sigismund-Gymnasium in der Alpenstadt Kirchberg ergattert. Wenn ein altmodisch anmutender Zug durch malerische Landschaften rattert, um die junge Heldin an ihr Ziel zu bringen, fühlt man sich an den Hogwarts-Express aus „Harry Potter“ erinnert.

Die Idylle hört bei der Ankunft auf

Die Idylle hört jedoch spätestens dann auf, als bei ihrer Ankunft in Kirchberg sofort alles drunter und drüber geht. Statt von ihrer zukünftigen Zimmergenossin Jo (Lovena Börschmann Ziegler) wird Martina von dem kräftigen Matze (Morten Völlger) und dem kleinen Uli (Wanja Valentin Kube) am Bahnhof abgeholt. Bald setzt es eine wilde Verfolgungsjagd durch die Altstadt, denn auf dem Weg zum Internat wurden die drei von Externen gesichtet und verfolgt. So erfährt Martina buchstäblich im Laufen von der uralten Feindschaft zwischen internen Internatsschülern (die in der Schule wohnen) und externen. Woher die Abneigung zwischen beiden Gruppen rührt, kann niemand mehr sagen, aber sie hat Tradition. Bald landet Martinas Koffer auf der Motorhaube eines Autos, und so hat die Neue bei der Ankunft in der Schule sofort eine Ermahnung am Hals sowie eine saftige Geldstrafe wegen Sachbeschädigung.

Zwar erweist sich Internatsleiter Justus Bökh (Tom Schilling) als verständnisvolle und gutmütige Seele, doch den Einstand in der neuen Schule hatte Martina sich anders vorgestellt. Bald bildet sie mit Jo, Matze und Uli jedoch ein unzertrennliches Quartett. Außerdem lernen die vier einen Aussteiger im Ort kennen, der Klavier spielt, offenbar in einem früheren Leben Arzt war und trotz seines hohen Nikotinkonsums den Spitznamen „Nichtraucher“ (Trystan Pütter) trägt. Denn er lebt in einem alten Eisenbahnwaggon, auf dem diese Bezeichnung prangt. Bald wird sich herausstellen, mit wem ihn eine alte Freundschaft verbindet, während sich zeitgleich der Konflikt zwischen Internen und Externen zuspitzt.

Der didaktische Zeigefinger schwebt über dem Werk

Der Nichtraucher fungiert auch als Erzähler des Films und darf dabei einige Weisheiten zum Besten geben. Die sind zwar bereits in Kästners Vorlage angelegt, doch der Film bemüht sich dermaßen um Ausgleich und Versöhnung, dass dabei nie wahre Spannung entsteht. Zwar kann man von einem Kinderfilm keine allzu großen Konflikte erwarten und ist es auch nicht seine Aufgabe, Angst zu schüren. Dennoch schwebt der didaktische Zeigefinger über dem Werk, das sich Mühe gibt, Keilereien zwischen Externen und Internen, Entführungen und eine Mutprobe dramatisch in Szene zu setzen. Da die Schüler jedoch als ziemlich individualistisch gezeichnet werden, vermisst man etwa bei den Internen auch einen gewissen Zusammenhalt, der nur in der Viererclique gelebt wird.

Einsamkeit und ein Gefühl der seelischen Vernachlässigung führt bei zwei Mädchenfiguren zu forschem Auftreten und scheinbarer Gefühllosigkeit, doch irgendwann dürfen sie sich offenbaren. Überhaupt haben sich am Ende alle sehr lieb und werden Konflikte zwischen Schülern und auch Erwachsenen untereinander gelöst. Das Reibungspotenzial ist trotz der Ausgangslage zweier sich feindlich gegenüberstehender Schülerfraktionen dennoch gering, denn richtig fordern möchte man das junge Kinopublikum nicht. Ein wenig mehr Mut zur Auseinandersetzung hätte dem Film gutgetan, zumal auch Tom Schilling als toleranter und sanftmütiger Internatsleiter sehr wenig zur Autoritätsperson taugt. Hannah Herzsprung gibt eine schrullige Schuldirektorin, hat aber nicht den Mut, ihre Figur noch mehr in die Karikatur zu ziehen. Trystan Pütter allerdings darf als metrosexueller Mann mit geschminkten Augen und schwarz lackierten Fingernägeln eine Zigarette nach der anderen schmauchen und überzeugt sowohl in Szenen scheinbarer Apathie als auch in Momenten des Schmerzes.

Ein modernes Mädchen als Hauptfigur

Erfreulich ist auch die für den Film geschriebene Hauptfigur der Martina. Die junge Leni Deschner macht ihre Sache gut. Sie erfreut mit Charisma und gibt ein modernes, aufgeschlossenes Mädchen, das keine Konflikte scheut, aber gleichzeitig zu vermitteln versucht. Auch ihr soziales Umfeld in einem sogenannten Problemviertel in Berlin wird weder problematisiert noch beschönigt. Dafür zeigt der Film, wie soziale Not – trotz aller Bemühungen der als Krankenschwester arbeitenden Mutter – schon bei Kindern zu Stress und Belastungen führt und wie wenig die Gesellschaft als solche Familien an oder unter der Armutsgrenze würdigt und unterstützt.

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