An einem trüben Morgen im Dezember stört penetrantes Teekessel-Pfeifen die Ruhe im Vorort-Häuschen eines alten Paares. Die 82-Jährige June (Helen Mirren) hat in der Küche gerade das Wasser für den Frühstückstee aufgestellt, als sie vor dem Herd zusammenbricht. Weil kurz darauf das Wasser aufkocht, wird ihr Sohn Connor, der noch bei den Eltern lebt, aufmerksam, eilt aus seinem Schlafzimmer nach unten und kann sofort den Rettungsdienst alarmieren. Wenige Stunden und einen operativen Eingriff später ist June in ihrem Krankenhausbett schon wieder fit genug, um nach ihrer Lieblingsbacksendung im Fernsehen zu verlangen.
Doch beim Gespräch mit dem Arzt erfahren ihr Mann Bernie (Timothy Spall), Connor (Johnny Flynn) sowie die beiden prompt herbeigeeilten Töchter Julia (Kate Winslet) und Molly (Andrea Riseborough), beide selbst gestandene Familienmütter mit Kindern vom Baby- bis ins Teenageralter, dass dies nur ein kleiner Aufschub bis zum endgültigen Abschied von June ist: Die alte Dame, die bereits drei Jahre lang mit einer Krebserkrankung kämpft, ist dabei, diesen Kampf zu verlieren. Und zwar so rapide, dass nicht einmal sicher ist, ob sie das herannahende Weihnachtsfest noch miterleben wird.
Der Advent wird zum Warten auf den Tod
Nun gilt es, Junes letzte Tage so angenehm wie möglich zu gestalten. Eine weitere Tochter, Helen (Toni Collette), die in den USA lebt, wird benachrichtigt und steigt in den nächsten Flieger ins winterliche England. Pfleger Angeli (Fisayo Akinade) und das Palliativ-Team sorgen dafür, dass sich Junes Schmerzen in Grenzen halten, und die Familienmitglieder wechseln sich damit ab, an ihrem Bett auszuharren und ihr Gesellschaft zu leisten.
Die Adventszeit, das Warten auf das Fest der Geburt Jesu, wird zum Warten auf den Tod, bei dem die Geschwister sich untereinander zunächst nur wenig Trost spenden können: Die Nähe und der Austausch, die durch die Sterbebegleitung der Mutter erforderlich sind, machen Brüche deutlich, die sich seit Langem zwischen ihnen eingeschlichen haben. Wird die Familie mit June das Gravitationsfeld verlieren, das sie notdürftig zusammenhielt? Oder kann sie das geteilte Leid einander näherbringen?
Kate Winslet inszeniert, wie sie spielt: unprätentiös
Nachdem Star-Schauspielerin Kate Winslet, die sich schon in „Titanic“-Tagen gegen die Vereinnahmung durch Hollywood und seine Beauty-Ansprüche sträubte, in den letzten Jahren zunehmend als treibende Kraft hinter der Kamera tätig geworden ist und Projekte als Produzentin mit auf den Weg brachte (wie „Mare of Easttown“, „Die Fotografin“), überrascht es nicht, dass sie sich mit „Goodbye June“ nun auch als Regisseurin versucht hat. Und sie inszeniert, wie sie schauspielt: unprätentiös, aber kraftvoll, mit einem feinen Gespür dafür, wie man große Gefühle rüberbringt, ohne sie künstlich zu forcieren.
Angelegt ist ihr Film als Drama, baut aber immer wieder auch komödiantische Töne mit ein, ohne dass diese wie bemühte Stimmungsaufheller wirken. Ein schönes Beispiel dafür ist etwa eine Szene, in der Junes Gatte Bernie – von Timothy Spall als bis zur Kaltschnäuzigkeit unsentimentaler Kauz gespielt – sich zwischendurch in der Krankenhauskantine mit einem Schinkensandwich stärkt. Dort fängt er ungebeten an, einem anderen Gast, der mit seinem Smartphone beschäftigt ist, zu dessen Irritation die deftige Geschichte zu servieren, wie er einst als junger Mann bei einem Unfall auf einem Lastkahn seinen Fuß verlor und die Ärzte ihn wieder annähten. Ein entlastender Hauch makabrer Komik, der dann doch wieder, dank Spalls in Nahaufnahme eingefangener Mimik, einen Drall ins Wehmütige bekommt: Dass Bernie diese alte Geschichte gerade nun wieder einfällt, scheint etwas auszudrücken, was der alte Mann nicht explizit in Worte fassen kann: dass er Junes drohenden Tod empfindet, als würde ihm ein Stück aus dem eigenen Körper gerissen.
Ein glänzendes Darstellerensemble
Auch sonst kann Winslet jederzeit auf die Stärken ihres formidablen Darstellerensembles bauen. Das Drehbuch von Joe Anders – dem Sohn von Kate Winslet und Filmemacher Sam Mendes – birgt in der Charakterisierung von Junes erwachsenen Kindern durchaus das Risiko von Stereotypisierung, um den Clash zwischen ihnen forcieren zu können. Julia: die wohlhabende, beruflich erfolgreiche Vorzeige-Macherin, die immer alles für alle wuppt; Molly: das latent frustrierte, gegen das Chaos ankämpfende Öko-Muttertier; Helen: Die freigeistige, exzentrische Hippie-Esoterik-Apostolin, die gerade im fortgeschrittenen Alter ihr erstes Kind erwartet, und Connor: der Schweigsam-Sensible. Doch die allesamt erstklassigen Schauspieler und Winslets auf sie konzentrierte Inszenierung schaffen es, die Figuren behutsam am Karikaturhaften vorbeizulotsen und sie so lebensvoll zu zeichnen, dass man sich bald selbst wie ein Mitglied der Familie fühlt.
Die Kamera bleibt meist recht nah an den Protagonisten dran und arbeitet mittels Schuss-Gegenschuss-Choreografien minutiös ihre emotionalen Reaktionen aufeinander heraus. Mitunter würde man sich dabei wünschen, Winslets Inszenierung hätte noch etwas mehr Mut zur Ruhe, würde noch ein bisschen länger auf dem einen oder anderen Gesicht verharren und den Schauspielern mehr Raum für das geben, was sie so eindringlich beherrschen: innere Bewegungen sichtbar machen. Andererseits aber passt die Tatsache, dass die Kamera nie lange draufhält, zu der gewissen Diskretion, die Winslets Inszenierung an den Tag legt und die darauf vertraut, dass die Geschichte ohnehin genug unter die Haut geht.
Eine gewisse Diskretion auch im Musikeinsatz
Diese Haltung prägt auch Winslets Einsatz von Filmmusik, die nur sparsam emotionalisiert und im Zweifelsfall sogar eher mal das Tragische konterkariert statt pusht – beispielhaft etwa gleich in der Exposition, wo die Szene von Junes Zusammenbruch mit einem trügerisch heiteren Swing-Weihnachtssong unterlegt ist. Erst wenn es Richtung Finale geht und in einer herzzerreißenden Sequenz Timothy Spalls Figur sich nach einem Streit mit Connor aus dem Krankenhaus in ihren Stamm-Pub flüchtet, beim Karaoke ans Mikro tritt und den Jazz-Standard „Georgia on My Mind“ für June umwidmet, wird Musik gezielt und höchst effektiv zum Tränentreiber.
Unter der Masse an launig-süßen Wohlfühl-Weihnachtsfilmen, die sich bei Netflix tummeln, ist Winslets Sterbedrama trotz seiner Dramödien-Elemente eine einigermaßen bittere Pille – und trotzdem oder gerade deswegen ein Film, der das Zeug zum neuen Weihnachtsklassiker hat. Dass die Geschichte im Advent angesiedelt ist und schließlich in einer improvisierten Weihnachtsfeier samt Krippenspiel mündet, gibt dem Film, ohne dass ansonsten das Thema Religion berührt wird, eine spirituelle Perspektive, die dem Tod nicht das letzte Wort lassen will. Das gehört hier vielmehr, post-mortal, June selbst.